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Betterov - Große Kunst

Betterov- Große Kunst

Universal
VÖ: 07.11.2025

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Grenzenlos intim

Es gibt sie, jene Tage, die für immer im Gedächtnis bleiben. Oder gibt es wen, der vergessen hat, wo er gerade war, als am 11. September 2001 die ersten Bilder der Flugzeugattacken und der lichterloh brennenden Twin Towers von Manhattan aus in alle Welt flimmerten? Ein andersartig bewegender Tag, vor allem für uns Deutsche, war der 9. November 1989. Abgesehen davon, dass er sich politisch abzeichnete, war jener Tag, als DDR-Bürger*innen gemeinsam mit West-Berliner*innen an und auf der Grenze tanzten, ein surreales, nicht zu fassendes Ereignis an der Berliner Mauer. Jenem grauen wie grausamen Monument der innerdeutschen Teilung, die von 1961 bis 1989 so viele Menschen, ja teils ganze Familien auseinanderriss. Der DDR-Machtapparat, der die Bürger*innen jahrzehntelang eingesperrt hatte, öffnete Türen und Tore zum Westen.

Man könnte so viel mehr schreiben zur umjubelten Wiedervereinigung, zur "Wende" im Kalten Krieg, wir allerdings ziehen hier die Schnur zu Betterovs zweiter Platte "Große Kunst", die nicht zufällig in jenen Tagen erscheint, wenn sich das alles zum 36. Mal jährt. Denn Manuel Bittorf alias Betterov erzählt unter anderem auch seine Familiengeschichte. Sein Vater wagte einst über Nacht alleine die Flucht aus der DDR in den Westen. Im schlimmsten Falle, also dass man ihn erwischt, drohte jahrelanges Zuchthaus. Von der Fluchtnacht und dem Tag danach erzählt der Sänger im berührenden Doppel-Track "17. Juli 1989" und "18. Juli 1989". Gefahr drohte dabei auch der Familie und potenziellen Mitwissern. Denn die Diktatur verfolgte jegliche "republikfeindliche" Tendenzen mit brutaler Härte."Aus Begegnungen in der Nachbarschaft wurden Vermutungen / Schriftlich zusammengefasst."

Auch "Sag nicht Deinen Namen" kreist anschließend um die Konsequenzen der Flucht für die gesamte Familie, die Vernehmungen seiner Mutter. Psychischer Druck, Einschüchterung, ein generationenübergreifendes Trauma. Der Ratschlag seiner Eltern folgt noch Jahre später: Lieber nicht zu viel Identität preisgeben, mein Junge! "Unser Name stand in Akten / Das wirst auch Du nicht los." Mit Kindheitserinnerungen punktet auch "Papa fuhr immer einen großen LKW". Piano, Streicher, einsetzende Synthie-Flächen, robustes Finale: Bittorf, im Nach-der-Wende-Berlin geboren, gewährt Einblick in seine Kindheitserinnerungen. An für den Jungen wie magisch wirkende Ausflüge, für den Vater einfach harte Wochenenden im Truck, denn Papa Bittorf war Kraftfahrer. Betterov gewährt nicht nur intime Einblicke, sondern lässt die Hörer*innen aktiv miterleben, und das über die gesamte Platte hinweg – mit einer Aufrichtigkeit und textlichen Hingabe, die tief bewegt.

Auch zu Beginn des Albums wird niemand geschont. Mit tiefen Blicken rein in Seele und Liebesleben. Scheitern inbegriffen. "Alles nur ein Film", feinsinnig und schüchtern instrumentiert, wartet mit verwirrenden Erlebnissen auf, die man nur zu gut kennt. Das ergreifende "Du hast in mein Herz gemalt" ist nicht nur ein wunderbar melancholischer Track, er offenbart zugleich auch Entwicklung, denn Betterovs Gesang, speziell Tonalität und Dringlichkeit, wirkten in Kombination mit der Instrumentierung bisher kaum so großartig wie hier. Auch, weil da wieder diese sphärischen, dichten "Turn on the bright lights"-Gitarren lauern, die Post-Punk-Druck aufbauen.

"Große Kunst"? Der hymnische Titeltrack nimmt sich, als wären es der schweren Themen nicht genug, das Spaltende im Menschen zur Brust. Am Beispiel der Kunstrezeption und der Blasen, in denen wir zu leben scheinen. Da die gutbetuchte Großstadt-Klientel, welche die Kunst vereinnahmt, als sei sie für vermeintlich Bessere gemacht. Und dort das eher belächelte, pragmatische Publikum, das sich an ihr hochzieht. Doch Kunst ist für alle da. Die Musik, als verbindendes Element, wird immer Rettung für Betterov bleiben, das sagt er klar. Und wir, die den Albumtitel des Berliners am liebsten als Überschrift für diese Rezension vereinnahmen würden, können uns glücklich schätzen, einem solchen Künstler lauschen zu dürfen.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Du hast in mein Herz gemalt
  • 17. Juli 1989
  • 18. Juli 1989
  • Sag nicht Deinen Namen
  • Immer die Musik

Tracklist

  1. Ouvertüre
  2. Alles nur ein Film
  3. Du hast in mein Herz gemalt
  4. So high
  5. Intermezzo I
  6. Papa fuhr immer einen großen LKW
  7. Intermezzo II
  8. Große Kunst
  9. 17. Juli 1989
  10. 18. Juli 1989
  11. Sag nicht Deinen Namen
  12. Immer die Musik
  13. Mücke
  14. Intermezzo III
  15. Hier wache ich
  16. In meinem Zimmer spielen sich Dramen ab
  17. Epilog

Gesamtspielzeit: 45:41 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

BunteKuh

Postings: 640

Registriert seit 17.07.2022

2026-03-25 10:03:21 Uhr
War auch am Montag in Hannover und fand es grandios. Betterov ist ein sehr guter Erzähler. War auch nötig, da die Texte live nicht unbedingt gut zu verstehen waren.

Die Band hat das ganze Konzert auch sehr gut umgesetzt. Die Gitarren waren immer präsent was mir sehr wichtig war.

Höhepunkt war der Block mit dem neuen Liedern. Schön, dass er den nicht so zerschnitten hat.

Finde das Capitol oder das Musikzentrum auch schöner als das Pavillon. Aber das war für mich ok.

Andreas

Postings: 250

Registriert seit 29.12.2013

2026-03-24 11:39:03 Uhr
Das war grstern in Hannover sehr ähnlich. Erwartungsgemäß ein tolles Konzert, Highlights waren für mich auch Papa, Sag nicht Deinen Namen und die erwähnten Zugaben (wobei ich Dussmann in der Akustik- Version trotzdem vermisst habe). Überraschend war, dass - mein Liebling vom Album- " Herz" eher lahm rüberkam. War nun mein Drittes Konzert, die vorherigen Locations in Hannover, Musikzentrum und Capitol, gefielen mir besser. Aber: immer wieder !

Croefield

Postings: 1791

Registriert seit 13.01.2014

2026-03-09 14:37:13 Uhr
// Kopie aus "Welches Konzert hast du gerade besucht und wie ist deine Bewertung"-Thread

Betterov am Sa., 07.03., in der Muffathalle München mit Akryl als Support,

Ausverkaufte Muffathalle, super angenehmes Publikum, schönes Konzert.

So kann ich es ganz kurz fassen, denn es war ein sehr, sehr schöner und runder Abend mit einem sichtbar gut aufgelegten Betterov und (fast) allen Hits.

Meine Begleitung ist bei Konzerten gerne weiter vorne, weshalb wir bereits kurz vor Einlass da waren. Manchmal ist die Schlange bei der Muffathalle sehr, sehr lang, aber heute waren vielleicht 20 Leute vor Einlassstart da. Das war extrem angenehm und ich denke, das liegt daran, dass Betterov weder superjunge, fanmäßige Menschen anspricht, aber auch gleichzeitig nicht so stressige Typen, die meinen, Konzerte mit ihren besoffenen Eskapaden "aufwerten" zu müssen. Ich glaube, dass Publikum bestand aus vielen "Drinnies" und deshalb war es auch überhaupt kein Stress nach vorne zu kommen und dort war auch bis zum Ende für alle reichlich Platz, da sich der Pulk wahrscheinlich erst dahinter gebildet hat. Zu zweit kann man die Stunde bis zur Vorband ja gut verquatschen und in der Muffathalle kann man ja ordentlich mit einem köstlichen Spezi auf dem Boden sitzen, sodass dann Akryl alleine mit ihrem angenehm fähigen Gitarristen, eine (für mich) überraschend wholesome halbe Stunde für ein recht dankbares Publikum gestalten konnte. Vielleicht war ich an diesem Abend einfach empfänglich dafür, da ich mir beinahe sicher bin, dass ich ansonsten mit ihrer Musik nicht so viel anfangen kann, aber in diesem Moment war der recht abwechslungsreiche Indiepop mit leichten Poetry-Slam-Vibe-Lyrics tatsächlich sehr angenehm. Selbst die versuchten Publikumsbeteiligungsversuche, bei denen ich zunächst Angst hatte, dass sie nicht angenommen werden würden, haben komplett funktioniert, sodass es überhaupt nicht unangenehm - sondern ganz im Gegenteil - sehr wohlig wurde. Gut gemacht und mal sehen, was von ihr noch kommt. Insgesamt vielleicht etwas seicht, aber sehr sympathisch mit vielen eklektischen Ideen.

Recht pünktlich um kurz nach 21 Uhr dann Betterov direkt mir "Großer Kunst" als Opener. Ohne Live-Saxophon, dafür aber wesentlich rockiger durch das Live-Setup mit Doppelgitarre, Schlagzeug und Bass. Generell ist der Livesound von Betterov (und das war jetzt bereits mein insgesamt 4. Konzert von ihm) meiner Meinung nach nicht immer perfekt, aber dafür ist das meiste wirklich live gespielt (nur wenig backing tracks) und dann eben auch mit der nötigen Leidenschaft von Bittorf vorgetragen. Das heißt dann auch, dass dann manchmal ein bisschen die Singstimme und Intonation darunter leidet und manchmal die Zeilen etwas weggenuschelt werden, aber wenn er sich richtig reinlegt, ist es auch richtig toll.
Songs wie "So high" profitieren von der Rock-lastigen Bandbesetzung, beziehungsweise zeigen andere Qualitäten als die eher synthpoppigere Albumversion. Bei "In meinem Zimmer spielen sich Dramen ab" würde ich das nicht unbedingt unterschreiben, aber in der ausufernden Version als Main Set-Closer war er auch extrem passend. Generell spannend: Abgesehen von den Instrumentalzwischenstücken wurden alle (!) Songs von "Große Kunst" gespielt. Hätte ich nicht erwartet und mit "Mücken Song" und "Hier wache ich" waren dann auch zwei für mich eher mittelmäßigere Songs direkt hintereinander. Dies war der Abschluss des 7 Stücke umfassenden Betterov-am-Klavier-Blockes (auch interessante Entscheidung), worauf dann der "Roland" (Interpol)-Klon "In meiner Straße" vom ersten Album folgte, um dann den lauteren und flotteren Schlussteil einzuläuten, welchen ich auch nicht gebraucht hätte, da dafür ältere Hits wie "Bis zum Ende", "Die Leute und ich", "Dynamit" und "Böller aus Polen" ausgelassen wurden.


Das war jetzt so ungefähr alles, was mir im weitesten Sinne negativ aufgefallen ist. Aber das schlägt alles überhaupt nicht ins Gewicht, da es insgesamt ein sehr schönes Konzert mit guter Stimmung und viel Energie war.

Highlights: Die Zugabe mit den Übersongs "Viertel vor Irgendwas" und "Dussmann", welcher als Schlusssong wirklich nochmal besser funktioniert als bisher oft "Platz am Fenster". Einfach ein richtig schöner Schlusspunkt mit Gänsehaut-Faktor dank textsicherem Publikum. Zudem natürlich auch das unkaputtbare "Schlaf gut", welches erst in der "Ehrenrunde"-Version gestartet wurde, um dann ab der 2. Strophe (in die wesentlich bessere) Albumversion zurückzutransformieren. Zudem die Dauerbrenner "Bring mich nach Hause", "Angst" und "Nacht". Vom neuen Album haben mich vor allem die Performances von "Immer die Musik", "Sag nicht deinen Namen", "17. Juli 1989" und insbesondere "Papa fuhr immer einen großen LKW" überzeugt. Letzterer war vielleicht mein Konzerthighlight, die Intimität des ruhigen Einstiegs und der (in diesem Fall) hervorragende Gesang und der darauffolgende Ausbrauch haben mich live wirklich nochmal deutlich mehr beeindruckt.

Insgesamt war es dann auch ein recht langes Konzert (ca. 1h 45 min), obwohl er ja eigentlich erst 2 Alben hat und für die meisten Zuschauer*Innen blieben wohl auch keine Wünsche offen.
Ich hatte einen super Abend, auch wenn mir persönlich ein paar Kleinigkeiten aufgefallen sind, was aber auch daran liegt, dass ich wirklich sehr, sehr viel Betterov gehört habe und dadurch unfreiwillig hier und da voreingenommen war. Meine Begleitung war z.B. restlos begeistert.

Insgesamt wirklich ein toller Abend, bei dem objektiv alles gestimmt hat und den ich nicht missen will.

musie

Postings: 4273

Registriert seit 14.06.2013

2026-03-06 19:43:51 Uhr
ganz wunderbares Album. bin bei einer 9/10.

TastenTon

Postings: 8

Registriert seit 10.12.2025

2026-01-28 17:15:34 Uhr
Wirklich ein tolles Album. Witzigerweise rauschen die Lieder bis zum LKW-Song an mir auch eher vorbei, aber ab da holt es mich ziemlich ab. Die Texte berühren mit schön beobachteten Details und musikalisch ohrwurmiger als beim ersten Hören erwartet. Und der Mückensong erinnert mich total an Element of Crime. Melancholie im Naherholungsgebiet ist doch ein Steckenpferd von Regener.
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