SSIO - Alles oder nix
SSIO / Urban / Universal
VÖ: 16.10.2025
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
Den Umständen entsprechend
Das ist kein gewöhnliches SSIO-Album. Geht auch gar nicht, knapp ein halbes Jahr nach dem Tod von Xatar, der wiederum für Ssiawosch Sadat Entdecker, Labelboss und langjähriger Freund zugleich war. Darum trägt dieses fünfte Studioalbum auch den Namen "Alles oder nix", wie jenes erst im Vorjahr insolvent gegangene Label. Es geht hier also durchaus um mehr als Humor oder Punchlines auf geilen Instrumentals, die mal wieder herrlich nach 90s-Westcoast, Boom-Bap und G-Funk klingen – oder? Erstaunlicherweise bleiben die Begleiterscheinungen hier nur Randnotizen, denn inhaltlich, technisch oder lyrisch unterscheidet sich die Platte im Prinzip nur durch die an den Zeitgeist angepassten Bezüge in den witziger gehaltenen Lines – ansonsten erleben wir weitestgehend das gewohnt starke SSIO-Standardprogramm. Dieses pendelt sich zwar auf einem höheren Level ein als die letzten Veröffentlichungen, doch wer hier erwartet, dass irgendwelche Metaebenen durchbrochen oder andachtsvolle Momente kämen, liegt daneben. Das Höchste der Gefühle für diese Erwartungshaltung bleibt ein kleines Anteasern im Intro zu "Kack ab!", wenn die offensichtlichen Fragen – "Bist Du noch bei AON? Was ist mit Giwar? Was geht ab im Goldmann Tower? Kriegt Ihr noch Eure Abrechnung und stimmt das mit Mois?" – zwar erwähnt, aber natürlich nicht beantwortet werden.
So funktioniert dieser Rapper eben nicht – das ist und bleibt Mucke von der Straße für die Straße, es weht ein anderer Wind, man muss das begreifen. Und es gehört einmal mehr zum Gesamtkonzept, dass die Beschissenheit der Welt um einen herum auch noch aufs Korn genommen wird, "Dein Leben ist gefickt" wirkt dabei wie eine Blaupause für die altbekannten, aber halt noch nicht abgenutzten, typisch zynischen SSIO-Tracks. Je länger das Album läuft, desto stärker erinnert es an ältere Zeiten, wenn wie bei "Tam Psychopath" teils fünfsilbige Reimketten relativ zusammenhangslos zu einer lustigen Pointe hinführen oder wie in "BWL" abermals mit der eigenen Themensetzung spielt. Keine Platte über Liebesschmerz, dafür eignet sich das Wort aber perfekt als Reim auf Friedrich Merz, womit das Grundprinzip des Albums eigentlich schon demonstriert ist. Dafür gab es auch nach knapp vier Jahren ohne Musik eine entsprechend umfangreiche Promophase und ein exorbitantes Video zur Lead-Single – was denn auch sonst? Denn wenn man in diese Platte unbedingt etwas hineininterpretieren will, dann höchstens den gelungenen Versuch, nach einem Schicksalsschlag das Gefühl von "The show must go on" zu vermitteln. Diesen Job erfüllt "Alles oder nix" wirklich fantastisch – neben SSIO glänzt vor allem Produzent Reaf, dessen Arbeit am schönsten bei "Sei mal ehrlich" zur Geltung kommt.
In "Google translate", dem Track mit Schwesta Ewa und Samy, entsteht allein durch die Kombination der beteiligten Stimmen ein vertrautes, fast angenehmes Gefühl von Normalität. "CEO" liefert mal eben eines der besten Zusammenspiele von Flow, Wortwitz und Instrumentals im deutschen Rap der letzten Jahre. Von der Realität eingeholt wird dieser Ausflug in die 2010er Jahre durch "Keine Option" mit Xatar, einem an sich hervorragenden Track, gleichzeitig auch die erste posthume Xatar-Beteiligung überhaupt. Das Problem: Der eigentlich geplante Feature-Song kam aus traurigen Gründen nie zustande, also wurde eine bis dahin kaum bekannte Strophe Xatars verwendet, die zuvor auf einem 2017 erschienenen Bonus-Tape von Eko Fresh – also wirklich gut versteckt – mal zu hören war. Macht den Song absolut nicht schlechter, aber irgendwie hätte das auch anders gelöst werden können. Dasselbe gilt für "Ich ich ich ich ich" mit K.I.Z., das nicht schlecht ist, aber halt auch überraschend uninspiriert wirkt. Verkraftbar allerdings, weil selbst die mäßigsten Momente hier immer noch den Großteil der restlichen Szene überragen – das weiß SSIO auch, rappt darüber und performt nach wie vor so gekonnt, dass er mit gefühlt allem durchkommt. Einer der besten Tracks kann einfach "Tut den Song in eure Playlist und macht viele TikToks" heißen, wiederholt die Catchphrases bis ins Unendliche, bis das Outro herrlich ignorant mitten im dritten Part durch ein trockenes "Tschüss" unterbrochen wird. Okay, vielleicht hat es doch irgendwas mit Metaebenen zu tun.
Highlights
- Sei mal ehrlich
- Tut den Song in eure Playlist und macht viele TikToks
- Keine Option (feat. Xatar)
- CEO
Tracklist
- Warum so lange weg?
- Alles oder nix
- Fentanyl Vibe
- OK
- BWL
- Sei mal ehrlich
- Dein Leben ist gefickt
- Kack ab!
- Tut den Song in eure Playlist und macht viele TikToks
- Keine Option (feat. Xatar)
- CEO
- Ich ich ich ich ich (feat. K.I.Z)
- In meinem Block
- Tam Psychopath
- Google translate (feat. Schwesta Ewa & Samy)
- Seepferdchen Pass
- Ich bin raus
- Geh nachhause
Gesamtspielzeit: 54:39 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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KarlLiebknecht420 Postings: 4 Registriert seit 04.11.2025 |
2025-11-04 09:56:54 Uhr
Herr Baran ist der Autor, für den ich Plattentest lese. Und hier hat er mal wieder richtig abgeliefert. Ein treffender Kommentar, der nicht irgendwie schlau rumsülzen will, sondern klar sagt, was ist - ohne Umschweife und gerade deswegen so intelligent. Danach höre ich das Album nochmal. |
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Armin Plattentests.de-Chef Postings: 29669 Registriert seit 08.01.2012 |
2025-10-29 21:44:26 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. Meinungen? |
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Referenzen
Xatar; Reaf; Samy; Kalim; Schwesta Ewa; Maestro; Mois; Haftbefehl; Celo & Abdi; Kingsize; Kollegah; Karate Andi; Genetikk; Shindy; Eko Fresh; Kool Savas; K.I.Z.; Azad; Farid Bang; Bass Sultan Hengzt; Bushido; Fler; Olexesh; B-Tight; Sido; Massiv; Eno; MERO; Zim; Monet192; Gzuz; Mosh36; Brudi030; Juju; OG Keemo; Yonii; Sylabil Spill; Ajé; Joao Michel Diau; Dollar Euro Yen; Levo; MC Bomber; Eminem
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