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Skorts - Incompletement

Skorts- Incompletement

InKind / The Orchard
VÖ: 31.10.2025

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

I love you but you're bringing me down

Viele selbsternannte – vielleicht manchmal auch tatsächliche – Musikkenner*innen hegen eine Abneigung gegenüber sogenanntem "Stadionrock". Die ganzen inhaltsleeren Ooohs und Aaahs, die theatralischen Gesten für die Videoleinwände und die anspruchslosen, überproportional mit Wörtern in einfacher Sprache versehenen Texte, in denen man allenfalls mal einen Komparativ als Stilmittel findet. Man kann das nachempfinden, wenn in der eigenen Wahrnehmung das Besondere etwas sein muss, das den meisten Augen und Ohren verborgen bleibt. Was soll schließlich besonders sein an den Dingen, die allgemein verständlich sind? Skorts, vier Musiker*innen aus New York City, wagen zwei Jahre nach ihrer Gründung mit ihrem Debütalbum "Incompletement" den Versuch, eben nicht bloß den Weg einer weiteren x-beliebigen Indie-Darling-Band zu gehen. Stattdessen zielen sie auf die großen Bühnen ab und versuchen dies mit entsprechend großen Hymnen. "Ich weiß, dass ein Song gut ist, wenn er mich zum Weinen bringt", lässt sich Leadsängerin Alli Walls zitieren – und ja, es darf geheult werden. Aus Wut, Verzweiflung, Erschöpfung oder auch aus bloßer Glückseligkeit.

"Incompletement" lässt sich intuitiv als eine Erzählung in drei Akten verstehen, in denen jeweils verschiedene Stilrichtungen dominieren. Im ersten und gleichzeitig stärksten Drittel des Albums, welches man näherungsweise zwischen Siebziger-Glam-Rock und Neunziger-Post-Alternative verorten kann, liegen die Hits und generell Nummern, die geradeaus nach vorne gehen. Skorts singen darin über verletzte Intimität, ohne jemals vulgär zu sein. Sie finden simple Worte, ohne dabei repetitiv, trivial oder kitschig zu werden. Als Kronjuwel des ganzen Albums über allem thronend steht hierbei "Bodies". Der Break nach drei Minuten in diesem Song verdient diesen Namen in vielerlei Hinsicht und gehört mit zu den schönsten Geständnissen vergeblicher Suche nach Nähe im großstädtischen Wettrennen um Fuckability seit Beginn der Kreidezeit: "I'm lost and under-dressed just to show you my skin / I promise I won't convince you to invite me in / And in the darkness, we will shake / So fleeting and so temporary / Fading, bodies, what will we take / It's not like we remember anything / It's a shame / It's a crime our hearts commit" – und das eigene Herz zieht sich auf Walnussgröße zusammen.

Im zweiten Drittel geht es sowohl textlich als auch im Sound dunkler, fatalistischer und sphärischer zu. Hier nehmen die Störgeräusche und Soundverzerrungen das Zepter in die Hand, Walls' Stimme wirkt getragener und stellenweise gallig. Die behandelten Verluste und Was-wäre-wenns aus dem ersten Teil sind zur Kenntnis genommen, aber eben nicht überwunden. Das führt bei Skorts, wie beispielsweise in "Lace", zu einer Flucht in Hedonismus und Selbstzynismus: "Lay in my garden / The breeze it goes by if you just give it time to / Age it may harden / The likes of what we do, the things we can't see through / Now, I'll wait, build a place for new love / Lay in my garden, it's divine / When the rats take over the city, dress them all in lace." Hier finden sich neben dem genannten Titel zusammen mit "Steal the night" zwei schöne Wave-Balladen, die etwa in der Mitte der Skala zwischen Television und Kasabian liegen.

Wie in der klassischen Tragödie bietet allen Widrigkeiten zum Trotz der dritte und finale Akt eine Katharsis der seelischen Irrungen und Wirrungen. Hierbei dient "Dizzy" als Kettensprenger, die Zeile "You've got me acting strange and all over the place" als kopfschüttelndes, fast mitleidiges Kommentieren des sich in Dampf auflösenden Herzschmerzes, bevor man sich der eigenen Scham entledigt zurück mit ausgebreiteten Armen ins Nachtleben stürzt. Denn die Stadt treibt sie alle so zurück wie das Meer; und ob man nun der sprichwörtliche Hai oder der Putzerfisch ist, wir alle müssen schwimmen: "Take the form, / The form of anyone / To live for more, / Time it will take / We'll count one, two, three, we'll be anyone / 'Round we go again / We'll be face to face with everyone." Wenn man vorhandene Schwächen des Albums suchen möchte, würde man wohl in diesem hinteren Drittel fündig. Mit ihrem gedrosselten Tempo wirken die letzten Titel etwas fremd zu der vorherigen Erfahrung, womit es vermutlich besser gewesen wäre, zugunsten eines runderen Gesamteindrucks deren Spieldauer zu kürzen und den Abschluss dadurch etwas balladesker werden zu lassen. Aber eine Aufzählung von Versäumnissen, selbst wenn man sie zwischen den rosafarbenen Nebelschwaden noch erkennt, gehört nicht in einen Liebesbrief. Und wenn man schon, weil man eben kein plain white T-Shirt ist, New York selbst nicht unumwunden lieben kann, dann kann man Skorts das eigene Herz für ein paar gemeinsame Ooohs und Aaahs zumindest leihen.

(Gerrit Phil Abel)

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Highlights

  • Bodies
  • Eat your heart out
  • Dizzy
  • Anyone

Tracklist

  1. Burden
  2. Bodies
  3. R4dr4m
  4. Eat your heart out
  5. Steal the night
  6. Lace
  7. Dizzy
  8. I won't be the one
  9. Anyone

Gesamtspielzeit: 38:16 min.

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Hierkannmanparken

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Registriert seit 22.10.2021

2025-12-05 19:32:41 Uhr
Und das Gitarrenriff in Steal the Night ist geil!

Hierkannmanparken

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Registriert seit 22.10.2021

2025-12-05 10:58:59 Uhr
Bodies gefällt mir, der Harmoniegesang im Refrain, Wahnsinn

MickHead

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Registriert seit 21.01.2024

2025-10-31 10:18:17 Uhr
Musikexpress 5/6

https://www.musikexpress.de/reviews/skorts-incompletement/

Gaesteliste.de

https://gaesteliste.de/2025/10/31/review/skorts-incompletement/

Vive

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Registriert seit 26.11.2019

2025-10-30 08:59:45 Uhr
https://skorts.bandcamp.com/album/incompletement

Armin

Plattentests.de-Chef

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Registriert seit 08.01.2012

2025-10-29 21:44:15 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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