Just Mustard - We were just here
Partisan
VÖ: 24.10.2025
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
Aber bitte mit Senf
Schon komisch: Manchmal kippen Redewendungen und Begriffe – oder sie verlieren ihr Haltbarkeitsdatum. Während zum Beispiel vor rund 20 Jahren ein "Blogger" noch eine coole und innovative Person war, verstand man schon fünf Jahre später darunter eher ein bemitleidenswertes Menschlein, das seine mittelmäßig interessanten Befindlichkeiten mangels Verlag auf seiner eigenen Homepage ins Internet kippen musste. Heute würde niemand, der bei Trost ist, stolz darauf sein, "Blogger" genannt zu werden. Ein bisschen so ist das auch mit dem Label "Shoegaze". War das Mitte der 1980er noch neu und innovativ, findet man heute unter dem Label auch ziemlich viel mediokres Zeug mit allzu vorhersehbarer Leise-laut-Terrassendynamik. Umso mutiger und konsequenter, dass Just Mustard sich diesen Stiefel einfach weiterhin kommentarlos anziehen – und das Genre gekonnt ausloten. Recht raffiniert werden hier die im Prinzip gelernten Achtziger-Jahre-Ästhetizismen zitiert; aber eben nicht nur zitiert, sondern auf links gedreht, gegen den Strich gebürstet und an ihre Grenzen herangeführt. Das Ergebnis ist, man kann es sich denken, nicht immer leichte Muse – und sicherlich nicht dazu geeignet, ein kuscheliges Tête-à-tête musikalisch zu untermalen. Eher sieht man sich beim Konsum des Albums in einem finsteren Tanzschuppen, wo der Schweiß von der Decke tropft und kalte Lichtfarben dominieren, während draußen ein stechender November-Schneeregen runterkommt.
An ihrem erprobten Grundrezept, der Mischung aus Katie Balls Elfenstimme und reichlich finster-sphärischer, gern verzerrter Begleitmusik, haben Just Mustard nicht gerüttelt. Sie haben es allerdings im Vergleich zu dem Vorgängeralbum verfeinert und auch insgesamt etwas rhythmischer angelegt. So finden wir sowohl im Opener "Pollyanna" als auch im Track "Silver" den Kniff, mit Rückkopplungen und/oder Loops einzusteigen, die später vom Drummer als rhythmisches Gerüst übernommen werden. Wer die leider vor geraumer Zeit aufgelöste Berliner Band Monoland (die vielleicht beste deutsche Antwort auf My Bloody Valentine) schätzte, der wird diese Art des Songaufbaus kennen und lieben. In "Endless deathless" oder "We were just here" wiederum denkt man häufiger an die Frühphase von Phillip Boa & The Voodoclub; Katie Ball klingt nämlich mehr als einmal wie Pia Lund – und die präzise-hektische Rhythmusarbeit irgendwo zwischen Programming und live eingespielten Beats erinnert an den genialen, leider 2015 verstorbenen Guido Eickelmann alias "Der Rabe". "Dreamer" schaltet nach den ersten drei hochenergetischen Tracks erst mal einen Gang runter (was begrüßenswert ist), bäumt sich dann aber spätestens in der ersten Bridge mit mächtig ratternden Drums wieder auf: Das ist im positiven Sinne stressige Metropolenmusik, die sich auf dem Kopfhörer richtig anfühlen dürfte, während man in einer mit zwielichtigen Gestalten besetzten U-Bahn sitzt, die sich ratternd in einen schwarzen Tunnel bohrt.
Heimlicher Höhepunkt des Albums ist nicht nur der Titeltrack, sondern "Somewhere". Hier mischen sich zu Beginn merkwürdige Geräusche (Bahnhofshalle?) mit obertonreich sägenden Gitarren. Nach der ersten Strophe wabern sinistere Synthbässe umher, doch bald schon kommen warme analoge Flächensynthies als Kontrapunkt hinzu. Ein Song, der ständig zwischen Neonlicht und Kerzenlicht zu oszillieren scheint – und im gekonnten Wechsel zwischen weiblichem und männlichen Gesang anmutet wie The xx auf wachmachenden Drogen. Ziemlich starke Nerven braucht man dann für "That I might not see": verschmierte Fuzz-Gitarren, rasant knüppelnde Drums, die im Stereopanorama hin- und herrasen und eine stetige Steigerung des Wahnsinns bis zum lärmenden Finale. Das ist Musik, mit der man durchaus einen Herzinfarkt evozieren könnte und klar der dynamische Höhepunkt des Albums. Das im Anschluss folgende "The steps" erfüllt den Wunsch, dass man jetzt aber mal gern in ein Abklingbecken tauchen wollen könnte, nur so halb: Zwar ist der Schlagzeuger offenbar draußen eine rauchen – dafür zeigen sich Gitarren und Synthesizer nochmal schroffer als auf dem Rest des Albums. Und der Rausschmeißer "Out of heaven" ist nichts anderes als ein sinistrer, böser Abgesang mit reichlich Getöse. Nein, das alles ist nicht lieblich und nicht kuschelig, aber die Achtzigerjahre waren ja bekanntlich auch nicht gerade eine gemütliche Zeit. Und wer schon mal ein Löffelchen Bautzner Senf auf seiner Bratwurst hatte, der weiß: Schmerz kann schön sein. Nicht nur, wenn er nachlässt.
Highlights
- Silver
- We were just here
- Somewhere
Tracklist
- Pollyanna
- Endless deathless
- Silver
- Dreamer
- We were just here
- Somewhere
- Dandelion
- That I might not see
- The steps
- Out of heaven
Gesamtspielzeit: 39:21 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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saihttam Postings: 2754 Registriert seit 15.06.2013 |
2025-11-11 01:02:08 Uhr
Ich finds auch wirklich ganz toll. Sie steigen aus der dunklen Verzweiflung der Vorgängerplatte mit eine euphorischen Hymnenhaftigkeit hervor, die ihrer sehr eigenen Soundkulisse ausgezeichnet steht und einen wunderbaren Kontrapunkt zu Heart Under setzt, das ich ja auch hervorragend fand. Tolle Band! Würde ich ja wirklich auch gerne mal live sehen, wie sie ihre Sounds erzeugen, wenn es so ist, wie m. schrieb. |
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boneless Postings: 6762 Registriert seit 13.05.2014 |
2025-11-08 19:08:21 Uhr
+1 zum Cranes Vergleich. Sehe ich auch so.Platte finde ich nach kurzer Eingewöhungszeit bezaubernd. Besser als der Vorgänger, hier stimmt nämlich der Flow. Man wird förmlich vom Album aufgesogen und trotz einer nicht zu leugnenden Gleichförmigkeit gibts immer wieder kleine Highlights, die herausstechen, wie z.b. eine schöne Bassfigur. Klar, an Wednesday reicht das natürlich lange nicht heran, aber es passt perfekt zur Jahreszeit und die Atmosphäre stimmt. Zudem hat sich diese Band definitiv ihre eigene Nische im Genre erarbeitet. |
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m. Postings: 2 Registriert seit 05.11.2025 |
2025-11-05 20:29:25 Uhr
Ich würde diese Band nicht mit Slowdive u.ä. vergleichen wollen. Wenn sich Parallelen im Sound aufdrängen, dann zu Cranes, v.a. ihre frühen EPs und "Self-non-self" mit Marks genial kaputten Gitarren. Glücklicherweise emanzipieren sich Just Mustard aber im Sonwriting als völlig eigenständig. |
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m. Postings: 2 Registriert seit 05.11.2025 |
2025-11-05 20:13:14 Uhr
Eine schöne Rezension! Ich möchte jedoch korrigieren, dass Just Mustard keine Synthesizer verwenden, auch wenn es oft so klingt. Das sind - Shoegazer-typisch - alles Gitarren und der Bass mit reichlich Fußeffekten. Ich finde herausragend, welche unwirklichen Sounds sie aus diesen Instrumenten herausholen, und das auch noch erfolgreich live replizieren können. Aus meiner Sicht ist diese handwerkliche Komponente eine besondere Stärke dieser Band, und man kann ihr nicht ganz gerecht werden, wenn man sich dessen nicht bewusst ist. Es ist gleichzeitig wohl eine Auszeichnung, wenn man gar nicht mehr glauben mag, hier |
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Dulle Postings: 455 Registriert seit 29.10.2021 |
2025-10-31 14:22:10 Uhr
Schade, der Gesang geht echt gar nicht. |
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Referenzen
Ride; My Bloody Valentine; Slowdive; Monoland; Phillip Boa & The Voodooclub; The Cassandra Complex; The Sisters Of Mercy; Deerhoof; Bambara; Blondie; The Duke Spirit; Preoccupations; Protomartyr; Low Life; Sex Hands; This Mortal Coil; Bdrmm; Drahla; Silverbacks; Fontaines D.C.; Cigarettes After Sex; Idles; I Like Trains; Holy Wave; Pardoner; No Age; Metz; Royal Headache; Horsegirl; Cola; Crows; Naked; Doves; A Place To Bury Strangers; Wolf Alice; Esben And The Witch; Porridge Radio; Sinead O'Brien; O.Children; Shame; The XX; The Horrors; Portishead; Bdrmm; Ride; Slowdive; The Twilight Sad; Life; Ditz
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