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The Charlatans - We are love

The Charlatans- We are love

BMG / Universal
VÖ: 31.10.2025

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Play it again, Tim

Die Historie der Charlatans ist vielleicht eine der erstaunlichsten Überlebensgeschichten der zeitgenössischen britischen Rockmusik. 1988 gegründet, stieg die Band früh mit ihrem Orgel-getriebenen Indie-Sound und Rave-Hits wie "The only one I know" aus der ebenso kreativen wie drogenschwangeren Madchester-Szene empor. Doch Erfolg und Tragik lagen dicht beieinander: Diverse Labelwechsel, mehr oder weniger kreative Neuanfänge und vor allem der tödliche Unfall ihres Keyboarders Rob Collins 1996 hätten mehr als einmal das Ende bedeuten können. Stattdessen suchten die Charlatans, vor allem nach dem Einstieg von Tim Burgess als Sänger und Kopf der Band, stets weiter nach einem neuen Sound; vielleicht nicht immer mit durchschlagendem Erfolg, aber zumindest stets engagiert und alles andere als bocklos. Und trotzdem haut es einen jetzt geradezu vom Hocker, wie frisch und klar und – ja! – neu diese Band klingen kann. Die Ohren gespitzt!

Der Auftakt "Kingdom of ours" macht als Opener alles richtig, denn er erzeugt nicht nur Neugier, sondern macht unmissverständlich klar, dass hier auf der nächsten Dreiviertelstunde keinesfalls nur ein wenig rumgejammt und altes Zeug neu aufgegossen wird. Der gewagt holpernde 7/8-Takt stolpert ebenso sperrig wie angstfrei ins Album hinein, die Wurlitzer-Klangfarben und Hammond-Layer öffnen dann aber gleich den Imaginationsraum – und der erlösende Wechsel in den 4/4-Refrain ist einer dieser nach vorne preschenden Charlatans-Momente, für die man die Bands schon immer geliebt hat. Auch im weiteren Verlauf überzeugt immer wieder das schlafwandlerisch sichere Gespür der Band für ambitionierte und abwechslungsreiche Arrangements: "We are love" verbindet versponnene Gitarrenlinien und federnde Drums mit einem Refrain, der tatsächlich wie eine Befreiung klingt – das alles findet statt irgendwo im Dreieck zwischen der Melancholie der Smiths, der herrlich-stumpfen Breitbeinigkeit von Oasis (aber ohne deren häufig abgestrahlte emotionale Kälte) und der Poppigkeit von New Order. Und allein für die wunderbar eiernde Farfisa-Orgel muss man "Many a day a heartache" lieben.

Kurz vor Albummitte sitzt mit "You can't push the river" der wohl stärkste und am nachhaltigsten begeisternde Song, wenn er sich auch als Hidden Champion fast schon versteckt: Erst schwebende, kaum greifbare Harmonien zu flirrendem Shaker, die Snare kommt mit Verzögerung in der zweiten Strophe hinzu – und dann plötzlich entfaltet der Song eine ebenso melancholische wie treibende Sogwirkung, die schon beim ersten Hören die Widerhaken ausfährt. Überhaupt ist dieses Album erstaunlich vielseitig, dabei aber immer in sich geschlossen. "Out on our own" erinnert zu Beginn an selige Coldplay-Zeiten ("Parachutes"), um dann geradezu schwindelig machend immer weiter das Tempo anzuziehen. "Appetite" wiederum flirtet nicht nur mit Madchester-Party-Erinnerungen, sondern macht später mit Taktwechseln, Beatles-Harmonien und einem frickeligen Orgelspiel à la Ray Manzarek diverse Verbeugungen vor den ganz alten Heroen, ohne sich anzubiedern. Und der Abschluss "Now everything" ist schließlich ein Rausschmeißer, wie er im Buche steht: verhangene Vocals, unerwartete Harmoniewechsel – und dann ein Finale, das sich mählich steigert, dabei immer organisch und schlüssig bleibt.

Was ist denn nun das Geheimnis dieser Platte, die man nach dem ersten Durchgang gerne gleich noch mehrmals hören will? Es ist nicht nur der perfekt gestaltete Spannungsbogen, der zeigt, wie viel Liebe auch in die kunstvolle Dramaturgie des Albums gesteckt wurde. Sondern da ist auch diese perfekte Mischung aus gelungenen Madchester-Zitaten, groovenden Gitarren, treibender (aber nie hektischer) Schlagzeugarbeit, unauffällig-sachdienlichem Bassspiel – und exakt richtig dosierten Vintage-Keyboards, die das perfekte Gleitmittel ergeben. Und nicht zuletzt klingt Tim Burgess einfach immer noch verdammt jung. Vielleicht haben die Herren ja eine gut funktionierende Zeitmaschine, die sie gekonnt einsetzen, um mit Würde von der Gegenwart in die Vergangenheit bis hin in die Zukunft zu reisen. Auf jeden Fall aber sind die Charlatans inzwischen die einzige Band aus Madchester-Zeiten, die sich wirklich kontinuierlich weiterentwickelt hat und immer noch für Überraschungen sorgen kann.

(Jochen Reinecke)

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Highlights

  • We are love
  • For the girls
  • You can't push the river
  • Out on our own

Tracklist

  1. Kingdom of ours
  2. We are love
  3. Many a day a heartache
  4. For the girls
  5. You can't push the river
  6. Deeper and deeper
  7. Appetite
  8. Salt water
  9. Out on our own
  10. Glad you grabbed me
  11. Now everything

Gesamtspielzeit: 46:12 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Talibunny2

Postings: 279

Registriert seit 28.07.2025

2025-11-09 19:35:30 Uhr
Ach, DAS ist Marco Werner.
Gucke seine Videos öfters. Offenbar ohne, dass seine Name bei mir hängen geblieben ist.

kingsuede

Postings: 4974

Registriert seit 15.05.2013

2025-11-09 12:11:58 Uhr
Props auch von mir an Marco Werner. Das Album geht recht weit nach vorne in der Diskographie der Charlatans. Ich betreibe allerdings keine Exegese und habe doch einige Lücken, die es irgendwann einmal aufzuarbeiten gilt.

BunteKuh

Postings: 482

Registriert seit 17.07.2022

2025-11-09 11:38:50 Uhr
Gutes Album, guter alter Britpop......


Und..... Scheiss auf die Charts. Lang lebe Marco Werner m.

oldschool

Postings: 944

Registriert seit 27.04.2015

2025-11-08 21:31:58 Uhr
"Das klingt jetzt nicht so überwältigend, also die Chartplatzierungen."

Uns selbst wenn! Das hatten Modern Talking in den 80ern mit Leichtigkeit übertroffen. Hat es das besser gemacht?

MickHead

Postings: 8536

Registriert seit 21.01.2024

2025-11-08 00:15:35 Uhr
Wollte ich gerade posten. Marco Werner sehr angetan von seinen früheren Helden!

https://youtu.be/feDdo5kceao?si=XvHOwM8hT2rakbCk
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