Birds On A Wire - Nuées ardentes
Sabia / PIAS
VÖ: 03.10.2025
Unsere Bewertung: 8/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
Das ist Schicksal
Wenn zwei sich treffen, die offensichtlich füreinander bestimmt sind und der Deckel auf dem Topf so bombensicher sitzt, dass kein Blatt Papier mehr dazwischen passt, dann dämmert's irgendwann auch dem größten Pragmatiker: Das muss Schicksal sein! Als die französisch-amerikanische Sängerin Rosemary Standley und die französisch-brasilianische Cellistin und Sängerin Dom La Nena sich vor über zehn Jahren über den Weg liefen, war ihnen wohl selbst noch nicht klar, was ihnen das Leben da in die Spur geweht hatte. Damals wollten sie ein paar Lieder zusammen machen, benannten sich nach Leonard Cohens Song "Birds on a wire" und veröffentlichten 2014 ein selbstbetiteltes Album. Von Anfang an ging es um eine unfassbare Bandbreite an Einflüssen, die von Interpretationen amerikanischer Populärmusik über französischen Chanson bis zu traditionellem südamerikanischen Volkslied alles abbilden konnte. Mittlerweile ist das musikalische Traumpaar bei Album Nummer 3 angekommen. Und hat auf "Nuées ardentes" keinen Funken Magie eingebüßt.
Den offensichtlichen Elefanten im Raum kann man dabei gleich benennen: Ja, der große Hit auf dem Album ist ein Cover von Bronski Beats "Smalltown boy", das als einer von vier Songs Unterstützung vom Chor der Maîtrise de Radio France bekommt und mit dieser Mischung aus Picking und Streichen des Cellos und den vielen dynamischen Stimmen nie geisterhafter und anmutiger klang. Und natürlich fällt auch The Cures "The lovecats" als Opener erst mal besonders auf – als Folk-Song voller umarmender Wärme. Und auch The Doors' "People are strange" bekommt einen Neuanstrich und klingt mit beißenden Streichern nach aufblitzenden Augen in der Dunkelheit, bevor es in das weniger bekannte, aber ähnlich fordernde "When I ride" von Moriarty übergeht. Die Songs auf "Nuées ardentes" strotzen vor Energie, Ideen und sind von Dutzenden Generationen belebt, die alle unter diesem akustischen Dach zusammenwohnen und sich die Hand reichen.
Das gilt besonders, wenn man über die bekannteren Titel hinausblickt. Denn bei Birds On A Wire stehen Interpretationen wie "Augellin" des italienischen Sängers und Komponisten Stefano Landi, der im 17. Jahrhundert wirkte, neben dem dramatischen, französischen "Perlimpinpin", dem die Sängerin Barbara mal zu etwas Ruhm verhalf. Und das launige "Pisa na fulô" des brasilianischen Sängers João do Vale, das mit seinen Rasseln gute Laune macht, das Klavier ein bisschen toben lässt und am Ende immer schneller wird, steht in Sachen Spaßfaktor dem humorvollen Chanson "La peinture à l'huile" von Boby Lapointe mit seinen Kinderreimen und Freude am Silbenverdrehen aus dem Jahre 1962 in nichts nach. Stimmungstechnisch eigentlich das genaue Gegenteil: "Hélas mon cœur", das mit ganz tiefem Cello düster und gotisch anmutet und das an Joanna Newsom erinnernde "Cold winter", das seinen Ursprung in einem frühneuenglischen Weihnachtslied findet.
Wenn man ob der Bandbreite schon ganz verdutzt und mit Freudentränen in den Augen bedauert, dass "Nuées ardentes" irgendwann ein Ende haben muss, wird man im Finale noch ein letztes Mal überrascht. Denn zwei Virtuosen wie Standley und La Nena, deren Gesang so spielend ineinandergreift, als hätte er nie was anderes gemacht und deren Interpretationen mühelos an jedem Zynismus vorbei ins Herz treffen, trauen sich natürlich auch noch zu, als wunderschönes Outro den Song "Gia tài của mề" der vietnamesisch-amerikanischen Sängerin Khánh Ly mit Bläsern zu covern. Es ist ein Hochgenuss, diesem multikulturellen Zusammenspiel, diesen Grenzen einreißenden sprachlichen Avancen zuzuhören, die mindestens mal das menschlichste Album des Jahres bedeuten. Man stelle sich mal vor, es wäre bei dem schnellen musikalischen Handschlag geblieben, und danach wären Birds On A Wire weitergeflogen, jede ihres Weges. Aber hier dämmert's wirklich jedem: Das muss Schicksal sein!
Highlights
- Smalltown boy
- Hélas mon coeur
- Pisa na fulô
- La peinture à l'huile
- Gia tài của mề
Tracklist
- The lovecats
- La jeunesse des morts
- Ando como hormiguita
- People are strange/When I ride
- Myla et l'arbre bateau
- Lilith
- Smalltown boy
- Hélas mon coeur
- Augellin
- Pisa na fulô
- Perlimpinpin
- Cold winter
- La peinture à l'huile
- Peregrinazioni lagunari
- Gia tài của mề
Gesamtspielzeit: 53:20 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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MickHead Postings: 10660 Registriert seit 21.01.2024 |
2025-12-17 17:36:49 Uhr
Tour 202608.06.2026 Frankfurt – Brotfabrik 09.06.2026 Berlin – Columbia Theater 10.06.2026 Köln – Stadtgarten |
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MickHead Postings: 10660 Registriert seit 21.01.2024 |
2025-10-31 21:51:16 Uhr
Komplette Playlist bei YouTube:https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_l4l7RhFqaMyfzXAjj2N20LqFiIa-f6hEc&si=pxYJhkMBAx2DLyQQ |
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Arne L. Postings: 2944 Registriert seit 27.09.2021 |
2025-10-31 09:27:47 Uhr
Das freut mich, dass das hier Hörer findet. Wird bei mir voraussichtlich auch in der Jahresliste landen. |
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gawain Postings: 262 Registriert seit 13.06.2013 |
2025-10-31 08:16:46 Uhr
Ist das schön und so herrlich eigen. Heute Morgen auf dem Weg zur Arbeit beim langsamen Hellwerden und mit opulenter Morgenröte war das ein tolles Hörerlebnis - die behalte ich mal auf dem Schirm für die Jahresabrechnung. Und wer Barbara so schön covert bzw. vielmehr interpretiert, hat eh schon gewonnen. |
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Ochsensemmel Postings: 457 Registriert seit 22.09.2025 |
2025-10-30 15:57:16 Uhr
Harfentrulla hat angerufen |
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Referenzen
Dom La Nena; Rosemary Standley; Piers Faccini; Alela Diane; Moriarty; Lhasa; Cocoon; Other Lives; Lael Neale; Timber Timbre; Valerie June; Rhiannon Giddens; Madison Cunningham; The Cure; The Doors; Bronski Beat; Jade Bird; Jesca Hoop; Emily Jane White; Molly Tuttle; Joanna Newsom; Ana Carla Maza; Ensemble Contraste; Bertrand Belin; Yom; Vicent Peirani; Bonbon Vodou; Marion Rampal; Clara Ysé; Ballaké Sissoko; Maîtrise de Radio France; Barbara; Kh´n Ly; Boby Lapointe; Joao Do Vale
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- Birds On A Wire - Nuées ardentes (6 Beiträge / Letzter am 17.12.2025 - 17:36 Uhr)



