Tristan Brusch - Am Anfang
Wasser & Licht / Sony
VÖ: 24.10.2025
Unsere Bewertung: 8/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
Am Anfang war der Feinschliff
Noch immer fühlt man sich beim Lauschen von Tristan Bruschs neuen Texten wie "ein Fisch im kochenden Wasser". Doch "Am Anfang", der letzte Teil seiner – so selbst bezeichneten – dunkelromantischen Trilogie, zeigt deutlicher denn je, in welche Höhen sich der Chansonnier terrible der deutschen Pop-Musik nun schraubt.
Bruschs Texte sind gewohnt pointiert und verzichten dieses Mal sogar auf allzu präsente Vulgarität, was zwar den aus der Diskrepanz zwischen Ton und Inhalt geborenen Schock-Effekt verringert, dafür aber auch erwachsener wirkt. Das mutet in Anbetracht seines Œuvres beinahe etwas anachronistisch an, bedenkt man, dass sich besonders dieses "Am Anfang" als Erzählung einer intensiven Coming-of-Age-Liebe lesen lässt und darum – der üblichen Reihenfolge des Lebens geschuldet – eigentlich viel mehr Sturm-und-Drang-Pathos versprühen müsste als seine Vorgänger. Dieser Impetus beschränkt sich aber überraschenderweise auf die Kernaussagen der Songs, die zwar fast radikal reflektiert erscheinen, aber dennoch Fragen an die innere Entwicklung des singenden Ich-Erzählers aufwürfen – verstünde man ebendiesen nicht als sehr frühe Version eines emotional ausgereiften Individuums. "Dass Du nicht aufhörst mich zu lieben / Ich kann nicht aufhören Dir wehzutun". Doch folgt man dem Verlauf der Platte, ergibt sich schnell ein Bogen der Erkenntnis. Schon ein Stück später heißt es im den leider allzu bekannten Grufti-Schlager herrlich karikierenden "Geboren um zu sterben": "Wir sind geboren, um zu sterben / und es gibt auf dieser Erde / genau zwei Dinge zu lernen / Lieben und geliebt zu werden".
Auch klanglich erstrahlt des Künstlers neuestes Werk noch ausgefeilter als seine Vorgänger. Kein Wunder, so konnte Tristan Brusch den namhaften Olaf Opal als Produzenten gewinnen, dem nicht nur die zeitgenössische Poplandschaft als natürlicher Lebensraum erscheint, sondern der sich dazu für wundervolle Produktionen innerhalb diverser musikalischer Genres verantwortlich zeigt. Yes, I'm looking at you The Notwist, Friends Of Gas, Die Sterne und Sportfreunde Stiller! Das klingt nicht nur auf dem Papier gut, man kann es auch deutlich im diesmal klarer strukturierten und emotionalitätsbefeuernden Arrangement vernehmen. In einer zehntägigen Studiosession zusammen mit Bass, Schlagzeug und Streichern aufgenommen, tragen letztere bereits zu Beginn des Songs "Grundsolider Schläger" – eine von drei vorab veröffentlichten Singles – zur besonderen Grundstimmung des Albums bei. Der filigranste Song "Wasser und Licht" heißt wie das neugegründete Label Bruschs. Generell gibt es viele Anspielungen zu entdecken, die den Deutungshorizont der Texte erweitern. Vom Haifisch, der an Brechts Moritat von Mackie Messer – ein zudem gern gesungenes Stück Hildegard Knefs – denken lässt, bis hin zu Tristan und Elise, ein Titelkonglomerat des Wagnerschen Tragikliebespaares und dem teilnamensidentischen Klavierstück Beethovens: Tristan Brusch metatextet, wohin sich das Ohr auch richtet.
Die einzelnen Stücke setzen sich melodiös schon beim ersten Hören im kopfeigenen Erinnerungsarchiv fest und gewinnen nach wiederholtem Abspielen sogar noch an Intensität. "Am Anfang" klingt in allen Belangen zarter, etwas verhaltener und im Mixing deutlich aufgeräumter als Tristan Bruschs frühere Werke. Das steht der Platte gut. Sie wirkt dadurch reifer, aber mitnichten gefälliger. Vielleicht ist das die schönste Form von Erwachsenwerden, die Popmusik durchleben kann.
Highlights
- Grundsolider Schläger
- Haifisch
- Vierzehn
- Die Liebe in Maßen
Tracklist
- Grundsolider Schläger
- Haifisch
- Vierzehn
- Wasser und Licht
- Am Ende
- Danke, dass Du nicht aufhörst mich zu lieben
- Geboren um zu sterben
- Die lange Nacht
- Die Liebe in Maßen
- Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
- Heiliges Land
- Tristan und Elise
Gesamtspielzeit: 42:59 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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AndreasM Plattentests.de-Mitarbeiter Postings: 812 Registriert seit 15.05.2013 |
2026-03-31 10:19:45 Uhr
Gern und vielleicht kann die Beiträge dann jemand in "Traistan Brusch live" verschieben, falls besser passend. In Leipzig war das Set-Up Tristan Brusch und vierköpfige Band: Friedrich Paravicini, der die Streicher auf dem aktuellen Album arrangiert hat, war an Tasten und Cello; eine Bassistin, eine Sängerin und ein Schlagzeuger. An und an saß Tristan Brusch auch selbst an den Tasten. Ich kann mich nicht erinnern, dass irgendetwas vom Band gekommen wäre. Insbesondere die Streicher waren dadurch nicht ganz so schön untermalend wie auf "Am Anfang", aber trotzdem schön umgesetzt. In Berlin - und scheinbar auch auf ein paar anderen Tour-Stationen - gab es zudem teilweise noch zwei chilenische Mitmusiker, die waren in Leipzig aber nicht dabei. Zur letzten Tour war die Besetzung etwas kleiner, dafür gab es in meiner Erinnerung auch einen Bläser (Saxofon?), dass ich als tolle Ergänzung in Erinnerung hab. In meiner Erinnerung wirkte die Formation auf der letzten Tour noch etwas harmonischer als jetzt. Aber das sind maximal Mikrounterschiede, die auch einfach an meiner eigenen Verfasstheit an den jeweiligen Tagen bzw. meiner sich trübenden Erinnerung liegen können. |
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Unangemeldeter Postings: 2609 Registriert seit 15.06.2014 |
2026-03-31 09:35:59 Uhr
Danke für die Berichte, ich hatte leider keine Zeit. Wenn ihr mögt schreibt gern bisschen mehr dazu wie das live so arrangiert wurde. Gab es Streicher? Oder umarrangiert? Kam viel vom Band? |
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AndreasM Plattentests.de-Mitarbeiter Postings: 812 Registriert seit 15.05.2013 |
2026-03-31 08:55:51 Uhr
Ich war einen Tag zuvor in Leipzig, war ebenfalls ein Knaller, wenn vielleicht auch nicht komplett in Großbuchstaben ;)Ich staune immer noch und immer wieder, wieviele tolle und kluge deutsche Texte Tristan Brusch und Band an einem einzigen Abend aneinanderreihen können. Das Publikum war zudem aufmerksam wie sonst kaum ein anderes, das war auch schon zur letzten Tour in Leipzig so. Ich bin auf jeden Fall sehr glücklich nach Hause gegangen und sein neues Lied, das er in der Zugabe gespielt hat, zeigt schon an, dass der Lauf von tollen Alben auch nach der Trilogie noch nicht zu Ende ist! |
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Jochen Reinecke Postings: 115 Registriert seit 22.12.2023 |
2026-03-30 18:20:58 Uhr
Nur mal kurz: das Konzert im Huxleys WAR EIN KNALLER. Absolute Sensation. War jemand von euch auch da? |
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Ituri Postings: 600 Registriert seit 13.06.2013 |
2026-01-01 23:16:38 Uhr
Es ist ja auch ein fantastisches Album. |
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Referenzen
Hildegard Knef; Element Of Crime; Virginia Jetzt!; Blumfeld; Dota; Tocotronic; Die Sterne; Faber; Gisbert zu Knyphausen; PeterLicht; Von Wegen Lisbeth; Isolation Berlin; Dagobert; Damien Rice; Wanda; Casper; Mine; Die Goldenen Zitronen; Jens Friebe; Antony & The Johnsons; Drangsal; Die Höchste Eisenbahn; Fortuna Ehrenfeld; The Notwist; Haller; Wir sind Helden; Funny van Dannen; Tomte; Kettcar; Philipp PoiselAcht Eimer Hühnerherzen; Der Nino aus Wien; Schmyt
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