Tortoise - Touch
International Anthem / Nonesuch / Indigo
VÖ: 24.10.2025
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
Raumdeuter
Tortoise existieren. Immer noch, immer noch sehr. Die Band, die dafür berühmt wurde, Töne wegzulassen, hat sich rar gemacht in der zurückliegenden Dekade. Ganze neun Jahre sind seit "The catastrophist" vergangen. Seitdem ist viel passiert, nicht nur politisch, sondern überhaupt. Auch an Tortoise geht das Leben nicht spurlos vorüber, weshalb die Bandmitglieder mittlerweile an verschiedenen Orten leben. Die fünf Musiker teilen sich auf Chicago, Portland und Los Angeles auf, was in Zeiten elektronischer Kommunikation allenfalls eine kleine Hürde darstellt. Dass "Touch", das neue Werk des Kollektivs, in verschiedenen Studios entstanden ist, merkt man dem Ergebnis zu keiner Sekunde an. Alles fließt weiterhin organisch dahin. Es ist dieses Understatement, diese fast schon arrogante Beiläufigkeit, die die Musik von Tortoise so einzigartig macht. Songs wirken beim ersten Hören wie Skizzen, ehe sich in weiteren Durchläufen zusätzliche Ebenen offenbaren. Um den Fußballerjargon zu bemühen: Tortoise kommen aus der Tiefe des Raums. Sie sind keine Selbstdarsteller, sondern Meister der Effizienz. Man könnte auch sagen, dass sie der Uwe Bein des Post-Rock sind, aber man sagt viel, wenn der Tag lang ist.
"Touch" verbindet organische Elemente wie Gitarren, Bass und Schlagzeug mit allerhand elektronischem Gefriemel, welches es sich in den Definitionslücken gemütlich machen darf. Dabei räubern sich die Künstler nach wie vor durch die Musikgeschichte, ohne jedoch den Anspruch, Modernes zu schaffen, außer Acht zu lassen. So erinnert "Axial seamount" aufgrund seines Motorik-Beats an Krautrock-Giganten wie Neu! oder Harmonia. Der Track wechselt mehrmals das Tempo, die Grundstimmung bleibt jedoch stets im Halbdunkel. Mit traumwandlerischer Sicherheit springt das Quintett zwischen musikalischen Einfällen hin und her, Melodien entstehen, weil Platz für sie ist. Auch "Elka" zieht eine lange Hallfahne hinter sich her, während im Untergrund das Schlagwerk rumort. In einer besseren Welt wäre dies vielleicht sogar Musik für Clubs, aber so gut ist die Welt leider nicht. Tortoise interessieren sich ohnehin nicht für die Verwertbarkeit ihres Schaffens. Unbeeindruckt von allem, was sich Zeitgeist schimpft, vollenden sie lieber das eigene Denkmal, bevor es Staub ansetzt. Und manchmal scheppern sie auch einfach, nachzuhören in "Vexations".
Immer wieder geistern jazzige Elemente durch die Musik. Mal sind es komplexe Akkordfolgen wie in "Rated OG", mal zerstückelte Samples wie in "Works and days", die für ein wohliges Gefühl der Desorientierung sorgen. Angenehm ist zudem, dass Tortoise genau wissen, wann Schluss ist. Kein Song dauert länger als nötig. Ideen haben ein Verfallsdatum, weshalb sie bisweilen auch mal wie in "Organesson" per Bitcrusher zerfetzt werden. Deutlich feinsinniger geht es in "Layered presence" zu, das stellenweise wie die Documenta-Version eines Videospiel-Soundtracks aus den 90ern klingt. Doch bei aller Lust an der Dekonstruktion gibt es auch Momente, die in ihrer Erhabenheit tief beeindrucken. Diesbezüglich sei besonders der Closer "Night gang" hervorgehoben: Der Beat schlingert, die Synthies ächzen, und irgendwo dazwischen geistert eine Gitarrenmelodie herum, die ebenso simpel wie genial ist. Die Musik von Tortoise ist und bleibt ungreifbar, sie entzieht sich gekonnt gängigen Beurteilungsschemata, indem sie dorthin geht, wo sich Duracell und Hase Gute Nacht sagen. Das Diffuse, das Träumerische ist seit jeher ein Kernmerkmal der Musik der US-Amerikaner. Nicht die Hektik, sondern das Innehalten prägt ihren Ansatz. Ein dummes Wort, um diesen Ansatz zu beschreiben, ist "Anti-Haltung". Aber irgendwie passt es: Tortoise sind dagegen, aber mit Stil. Auch wenn die Bärte längst weiß geworden sind.
Highlights
- Layered presence
- Elka
- Axial seamount
- Night gang
Tracklist
- Vexations
- Layered presence
- Works and days
- Elka
- Promenade à deux
- Axial seamount
- A title comes
- Rated OG
- Oganesson
- Night gang
Gesamtspielzeit: 38:55 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
| User | Beitrag |
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ijb Postings: 8510 Registriert seit 30.12.2018 |
2026-02-05 23:35:51 Uhr
Tortoise:Ich war spontan beim Berliner Konzert im Sendesaal. War in der Tat auch toll, trotz Vorbehalt gegenüber eines solch distanzierten Settings. Aber die haben das sehr gut aufgefangen, waren auch durchaus showmasterlich drauf. Jeff Parker habe ich auch vermisst, wusste nicht, dass er auf der Tour vertreten wird. Auffällig fand ich als alter weißer Mann unter vielen ebensolchen, die fünf (naja 4+1) noch ältere weiße Männer beim Frickeln und Tuckern auf der Bühne beobachtete, allerdings, dass die alten Sachen (von den ersten Alben) einfach unfassbar gut kamen; da konnten die neueren Stücke nicht so richtig mithalten. Ich meine, das hat man auch an der Publikumsreaktion gemerkt. Aber speziell die Stücke von "TNT" waren einfach phänomenal und zeigte (wieder mal), was für ein geniales Album das doch ist. |
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Leneah Postings: 11 Registriert seit 10.10.2024 |
2026-02-05 15:40:29 Uhr
Ich habe sie letzten Freitag zum dritten Mal im Star Club/beatpol erleben dürfen. Und sie sind eine Bank. Sie spielen ihr Set perfekt, auch wenn Jeff Parker dieses Mal nicht dabei war. Sie sind keine Showmaster, aber Musiker durch und durch. Hoffentlich dauert es bis zum nächsten Dresden-Konzert nicht wieder zehn Jahre. |
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Akim Postings: 289 Registriert seit 17.04.2016 |
2026-01-28 20:34:18 Uhr
Die Platte trifft voll meinen Nerv und ich freue mich auf das Konzert am Freitag. |
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fakeboy Postings: 6770 Registriert seit 21.08.2019 |
2026-01-27 22:14:21 Uhr
Der Closer ist mir irgendwie zu, hmm, cineastisch? Zwischendurch vermag mich das Album durchaus anzusprechen, aber so richtig hängen bleibt dann doch nichts. Immerhin: ich hab grad richtig Lust gekriegt, mich mal wieder durch Millions, TNT und Standards durchzuhören. |
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The MACHINA of God User und Moderator Postings: 37181 Registriert seit 07.06.2013 |
2025-12-14 19:08:58 Uhr
Ist schon durchweg richtig gut, so wirklich begeistern kann mich aber nur der Closer. 7,2/10 |
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Referenzen
Slint; The Sea And Cake; Gastr Del Sol; Battles; Four Tet; Salaryman; Trans Am; Neu!; Can; Kraftwerk; Tarwater; To Rococo Rot; Atoms For Peace; Radiohead; Mogwai; The Octopus Project; Isotope 217; Ui; Salvatore; Air; Stereolab; Portishead; Architecture In Helsinki; Do Make Say Think; Pink Floyd; Fridge; The Mercury Program; Bark Psychosis; Dirty Three; Mice Parade; Disco Inferno; Tristeza; Maserati; Grails; A Silver Mt. Zion; Godspeed You! Black Emperor; Books; Die Wilde Jagd; Yndi Halda; Hella; Control; Pele; This Will Destroy You
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