The Jessica Fletchers - What happened to the?

The Jessica Fletchers- What happened to the?

Rainbow Quartz / Al!ve
VÖ: 29.03.2004

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

The band who shagged me

War die Welt eigentlich wirklich schöner, als Jahreszahlen noch mit 19 begannen und Bundeskanzler ihre Anzüge in Übergrößenläden kauften? Muß man der Zeit nachtrauern, als Renten noch gesichert und Benzinpreise niedrig waren? War früher ehrlich alles besser? Wir haben unseren Zivildienstleistenden darauf angesetzt und tatsächlich: Früher war alles besser. Früher, so hat er herausgefunden, hatte man Computer, die so groß waren wie ganze Kinderzimmer. Bei McDonalds wurde das Essen in warmhaltenden Styroporschälchen verkauft. Und Musiker sind nicht nur in Anzügen aufgetreten, ohne dafür Geld zu nehmen. Sie waren sogar richtige Musiker. Kein Wunder also, daß sich manche Band noch immer nach den guten, alten Zeiten sehnt.

Die Jessica Fletchers zum Beispiel. Die kommen aus Norwegen und haben sich 1997 gegründet. Daß sie trotzdem erst jetzt ein Album außerhalb der Heimat veröffentlichen, liegt wahrscheinlich daran, daß sie sehr viel Zeit in den Bau einer funktionstüchtigen Zeitmaschine investieren. Die fünf Jungs würden nach eigenem Bekunden nämlich gern dahin entfliehen, wo ihre Musik längst angekommen ist. London, Carnaby Street, 1966. Barbusige Mädchen machen auf offener Straße freie Hippie-Liebe. Paul McCartney schüttelt Austin Powers die Hand. Und die Jessica Fletchers stehen mittendrin und spielen ein paar psychedelische Popsongs. Ja, das wär's.

Also stürzt sich "What happened to the?" sogleich ins benebelte Getümmel. "Bloody seventies love" heißt der Opener dieser Dienstreise nach Vorgestern, und wenn er irgendwo falsch liegt, dann höchstens im Jahrzehnt. Drei Minuten sind rum, und es war schon alles dabei. Ein angeheiterter Damenchor, der zwischen zwei Zügen aus der Wasserpfeife zum begeisterten "Aaaaahhhh!" ausholt. Ein Mellotron. Mehr als ein Blasinstrument. Ein total verrückter Blubbereffekt. Und ganz kurz sogar eine mystisch angezerrte Gitarre, wie sie George Harrisson aus Indien mitgebracht hat. Die Jessica Fletchers spielen sich auf, als wären sie die Nachlaßverwalter der Popmusik mit Drogenproblem. Und sie tun das so unverfroren frech, daß man es sogar gut finden möchte.

Hätten die Herren einen Song wie "Shoot" vor 30 Jahren als Beatles-Reunion-Single angeboten, hätte man ihnen das abgekauft. Und hätten sie kurz darauf das gleiche mit "You can have Japan" und als Beach-Boys-Comeback versucht, wären sie höchstens daran gescheitert, daß die sich damals noch gar nicht aufgelöst hatten. "What happened to the?" klaut, stibitzt, mopst und ergaunert sich die größte Fete zusammen, die man 21. Jahrhundert noch ungestraft feiern darf. Orgeln orgeln, Bläser blasen, Flöten flöten und alle zusammen treiben sie es unter einer süßlich duftenden rosa Wolke derartig bunt, daß selbst Regina Regenbogen blaß wird vor Neid. Wunderbar hoffnungslos zurückgeblieben.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Bloody seventies love
  • (Come on) it's only nine
  • Shoot
  • You can have Japan

Tracklist

  1. Bloody seventies love
  2. Just another fashion band
  3. (Come on) it's onyl nine
  4. Christopher Jensen
  5. Early Monday
  6. Next year
  7. Sick of the action
  8. Let's go
  9. I got news
  10. Do you know what she hides
  11. Beatbox
  12. Shoot
  13. You can have Japan

Gesamtspielzeit: 42:31 min.

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