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Ashnikko - Smoochies

Ashnikko- Smoochies

Parlophone / Warner
VÖ: 17.10.2025

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Ich lecke, also bin ich

Für alle, die entweder mit dem bisherigen Schaffen von Ashnikko noch überhaupt nicht vertraut sind und mit dieser Rezension einen unschuldigen ersten Eindruck gewinnen möchten oder aber erst mit dem vergangenen Konzeptalbum "Weedkiller" in die Diskographie eingestiegen sind und nun Ähnliches erwarten – erstmal ein herzliches Uff, denn das wird beides nichts. Mit "Smoochies" kehrt Ashnikko zurück zu den Wurzeln ihres ersten Mixtapes "Demidevil", und damit geht die musikalische Stoßrichtung klar Richtung Hüfte. Ashton Caseys Musik ist auf diesem Album mal wieder so subtil wie eine Darmspülung und auch thematisch eher selten weit davon entfernt. Irgendwo in ihrem künstlerischen Bermudadreieck zwischen Harajuku-Gyarus, Electropop und kostenloser Internetpornographie werden bei den Hörenden mit voller Absicht einige Galeeren voller Gehirnzellen unrettbar im Sirenengesang verschollen gehen. Oder wie Ashnikko es in der ersten Single "Itty bitty" selbst als Ziel formuliert: "DJ me 'til I'm numb, / Suck me Dyson hoover dumb." Denn wer Probleme nicht mehr versteht, der hat plötzlich auch keine mehr. How cute! Und bei Trennungsschmerzen, wie nun nach dem Ende ihrer mehrjährigen Beziehung zu Arlo Parks, ist das eigene Schwelgen in Eskapismus und Hedonismus durchaus menschlich.

Der eigentliche Charme von Ashnikkos Songs liegt darin, dass sie zwar in erster Linie (sehr) explizit sind, sie sich als Kunstfigur für den Status einer unnahbaren Sexgöttin dabei aber doch immer zu ungelenk und geeky ausdrückt. Wer so verspielte Naschereien aus der Anfangszeit mit Zeilen wie "My girl looks like Wednesday Addams / Eyes go black when she orgasms" schon süß findet, der ist nun mit "Smoochies" quasi nachts alleine in einer Süßigkeitenabteilung eingeschlossen. Alles ist bunt, gehört einem auch nicht wirklich, und schon der Geruch alleine ist diabeteserregend, aber – egal, oder? Sollen die Kaufhausdetektive am Morgen danach halt nur noch einen wild zuckenden Körper vorfinden, "I'll take both pills tonight". Bereits "Liquid", einer in Form und Inhalt sehr starken Referenz zur "Das ist aber nicht mehr Disney"-Britney Spears, versucht das im letzten Absatz Gesagte schon wie eine strebsame Musterschülerin zu bedienen. "Can we play mermaids? / Like – naked mermaids? / You know... mermaids with hole?," steht mit Kulleraugen inmitten von recht grafischen Lyrics, wie man die beteiligten Körper auf molekulare Ebene zurückgebumst bekommt. Wirkt so nüchtern zusammengefasst vielleicht eindimensional, aber das ist es eben auch. Und unter dem Thema Selbstbetäubung funktioniert es. Auch dadurch, dass die verwendeten Bilder tatsächlich frisch sind. Stellenweise brutal, oft pervers, aber neu.

Spätestens "Chichinya", wenn Ashnikko ihre überraschenderweise recht versierten Rapskills auspackt, um textlich ihren Hund auf den undankbaren Ex zu hetzen, hat eine für offensichtliche Popmusik so rohe Unmittelbarkeit, die einfach und primitiv Spaß macht. "Microplastics" kanalisiert wiederum viele Aspekte von Gwen Stefani und zieht auch großzügig Samples insbesondere aus "Hollaback girl", konstruiert aber einen eigenständigen Sound damit, was für die Fans von Produktionstechnik ein interessantes Lehrbeispiel sein dürfte. Überhaupt ist die Mixtur aus etwaigen Ethno- und Industrial-Beats, die sich von hier an durch das Album zieht, ein so wohlkalkuliertes Chaos, das Ashnikkos Fokus auf Lyrics unterstützt, ohne dabei bloß passiv im Hintergrund zu dudeln. Dadurch lässt sich dann selbst musikalischen Ausfällen wie "I want my boyfriends to kiss" eine gewisse Hymnenhaftigkeit schwer absprechen.

Und nachdem einen der selbst für die Verhältnisse dieses Albums absurde WTF-Beat von "Lip smacker" auditiv so hart vermöbelt, dass die Energie für den bereits genannten Club-Track "Itty bitty" gar nicht mehr reicht, passiert auf diesem Album exakt derselbe Suckerpunch wie seinerzeit bei "Demidevil", auf den man dann trotzdem emotional nicht vorbereitet ist. Das Beatgewitter löst sich schlagartig auf, und es erinnert ein bisschen an das Gefühl nach einem Filmriss, wo sich Scham und Empfindsamkeit die letzten Räume des Gehirns teilen, die nicht mit Kopfschmerzen beschäftigt sind. Es ist nach dem ganzen Rausch an Endorphinen durch die eigenen Blutbahnen eigentlich nicht objektiv bewertbar, und dennoch sei an dieser Stelle die Festlegung gewagt, dass "Baby teeth" und insbesondere das gleich zitierte "It girl" Balladen von einer solchen Intensität sind, für die etwaige andere Popprinzessinnen eigene Körperteile opfern würden: "Eldest daughter, open water / My legs look like baby seals / And I am not a vessel for men to love themselves anymore / She made me go tank girl on my face / I go world war on my waist / I go blacksmith on my cage / I go naysay on my neck." Alle Fassaden sind zu Staub getanzt, und die Erschöpfung erlaubt es den zurückgehaltenen Tränen endlich, über das bereits zerfetzte Make-up zu strömen: Brat Summer ist vorbei – wir haben Ash Autumn.

(Gerrit Phil Abel)

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Highlights

  • Microplastics
  • Full frontal
  • Itty bitty
  • Baby teeth
  • It girl

Tracklist

  1. Smoochie girl
  2. Liquid
  3. Trinkets
  4. Chichinya
  5. Skin cleared
  6. Microplastics
  7. Full frontal
  8. She's so pretty
  9. Wet like (feat. Cobrah)
  10. I want my boyfriends to kiss
  11. Sticky fingers
  12. Lip smacker
  13. Itty bitty
  14. Baby teeth
  15. It girl

Gesamtspielzeit: 37:37 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Unangemeldeter

Postings: 2153

Registriert seit 15.06.2014

2025-10-23 17:09:03 Uhr
Mein erster Kontakt mit Ashnikko und ich bin leider sehr underwhelmed. Die Anleihen sind krass in-your-face (dieser Britney-Ripoff Liquid, OMG, soll das eine Persiflage sein? Oder Pastiche?) und ich habe mir nach der Rezension etwas Eigenständigeres/Verrückteres versprochen, ich finde das kickt alles nicht so richtig und klingt doch irgendwie wie Stangenware. Da war Peaches irgendwie schon vor 20 Jahren fresher.

Arne L.

Postings: 2475

Registriert seit 27.09.2021

2025-10-23 15:39:28 Uhr
Richtig viele Highlights, muss ich erst mal verarbeiten. Bin beim ersten Eindruck auch zwischen 7 und 8, kann einen auf jeden Fall gut aus der anfänglichen Herbst- und Winterlethargie reißen.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 29654

Registriert seit 08.01.2012

2025-10-22 20:29:08 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?


Gallants22

Postings: 77

Registriert seit 22.01.2025

2025-10-22 20:24:26 Uhr
Mir ist Ashnikko wegen ihrer Ballade 'Panic Attacks In Paradise' erstmals positiv aufgefallen. Die am Ende erwähnten Slow Tunes kommen da leider nicht ran.

Kontermutter

Plattentests.de-Mitarbeiter (Gerrit Phil Abel)

Postings: 636

Registriert seit 04.03.2023

2025-08-14 12:21:44 Uhr
VÖ 17.10.2025

Erste Single "Trinkets".

Könnte gut werden; musikalisch etwas ruhiger als man das so gewohnt ist, aber immer noch legitim verstörend. :D
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