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Cate Le Bon - Michelangelo dying

Cate Le Bon- Michelangelo dying

Mexican Summer
VÖ: 26.09.2025

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Schritt für Schritt

Von den skurrilen Verrenkungen eines "Crab day" zu der statuesken Schockstarre von "Pompeii" war Cate Le Bons Musik schon immer von einer auffallenden Körperlichkeit geprägt. Im Video zu "About time", einer Auskopplung ihres siebten Albums "Michelangelo dying", sehen wir nur ein Paar Füße, die seltsam erratische Tanzschritte ausführen. Le Bon ist eben die große Pragmatikerin unter den aktuellen Art-Pop-Auteurinnen und findet selbst für die überwältigendsten Gefühle griffige Bilder. Eigentlich wollte sie eine ganz andere Platte als "Michelangelo dying" schreiben und aufnehmen, doch eine Trennung zwang sie dazu, dieses einschneidende Erlebnis künstlerisch aufzubereiten. Sie empfand das Beziehungsende wie eine Amputation, die einem bei allen damit verbundenen Schmerzen letztlich das Leben rettet. Trotz dieser brutalen Metapher ist das Album Le Bons sanftestes Werk bisher, das ihre Eigenwilligkeit fortschreibt, gleichzeitig aber auch etwas weniger zwingend daherkommt als seine grandiosen Vorgänger.

An so unterschiedlichen Orten wie Cardiff, der griechischen Insel Hydra und der kalifornischen Wüste entstand "Michelangelo dying", was womöglich die vielschichtige landschaftliche Textur der Songs erklärt. Gerade im Opener "Jerome" bilden die Instrumente eine dichte, fühlbare Substanz, die auch als Nährboden fungieren könnte. Stilistisch bleibt die Waliserin bei den Referenzen der letzten beiden Platten, wozu vor allem Achtziger-Sophisti-Pop und der Spätsiebziger-Bowie gehören – oder auch der jüngste Solo-Output von John Cale, der wenig überraschend ein Bewunderer von Le Bon ist und im schwermütigen "Ride" dezent mitsingt. Le Bon nimmt zwar gerne jedes Instrument selbst in die Hand, erweist sich aber sowohl in der eigenen Musik als auch in ihren Produktionsarbeiten für andere regelmäßig als wertschätzende Kollaborateurin. Eine besonders langanhaltende künstlerische Partnerschaft pflegt sie zu Saxofonist Euan Hinshelwood, der sich hier etwa im Finale von "Love unrehearsed" in den Vordergrund spielt.

Aufgrund der ruhigen Beschaffenheit des Albums stechen diejenigen Tracks am stärksten heraus, in denen Intensität und Tempo zunehmen. Allen voran brilliert in dieser Hinsicht "Mothers of riches" mit seiner hypnotischen Bass-Linie und einer Schlussminute, die mit beinahe Shoegaze-artiger Wucht die ganze Umgebung in sich aufsaugt. Auch die Single "Is it worth it (Happy birthday)?" projiziert ihre Gedanken über Liebe und Sterblichkeit auf eine immer mehr Sternenstaub aufwirbelnde Klimax. "Body as a river" setzt dahingegen auf stoisches Drumcomputer- und Tasten-Stakkato, gibt sich ganz dem Titel entsprechend dem instrumentalen Fluss hin. Selbst Le Bons charakteristisches Gitarrenspiel – für das sie unter anderem von Jeff Tweedy gelobt wurde – fügt sich in die Klangstrudel einer Platte ein, auf der einzelne Elemente nur selten an die Oberfläche drängen.

Es gebe keine Erkenntnisse, Schlussfolgerungen oder Gründe nach Le Bons Weltanschauung, nur Chaos und Wiederholung. In ihrer Musik ist letzteres klar herauszuhören, ersteres nur bedingt. Zwar windet sich selbst ein unscheinbares Stück wie "Pieces of my heart" zu einem undurchdringbaren Knäuel zusammen, doch macht kein Ton den Eindruck, als sei er zufällig platziert worden. Ein Groover wie "Heaven is no feeling" schlingt sich auch viel zu elegant um die Saiten, um irgendeiner Form von Chaos nahezukommen. Einzig der von einer grobkörnigen Akustikgitarre angetriebene Closer "I know what's nice" verliert die Fassung, wenn er zur Halbzeit plötzlich kollabiert und eine Weile braucht, um sich von verzerrtem Noise begleitet wieder aufzurichten. Jeder Körper braucht seine Ruhephasen und jünger werden wir alle nicht. Doch wer selbst nach einer emotionalen Amputation noch steht, wird das Gleichgewicht noch lange halten können.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Mothers of riches
  • Is it worth it (Happy birthday)?
  • I know what's nice

Tracklist

  1. Jerome
  2. Love unrehearsed
  3. Mothers of riches
  4. Is it worth it (Happy birthday)?
  5. Pieces of my heart
  6. About time
  7. Heaven is no feeling
  8. Body as a river
  9. Ride (feat. John Cale)
  10. I know what's nice

Gesamtspielzeit: 43:31 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

MickHead

Postings: 11419

Registriert seit 21.01.2024

2026-01-08 18:17:23 Uhr
Erster neuer Song seit dem Album!

"Always The Same (Feat. St. Vincent)"

https://youtu.be/SSdWSCznhD4?si=ZQTbCdTJLRgOXYuM

saihttam

Postings: 2943

Registriert seit 15.06.2013

2025-10-09 00:27:05 Uhr
Ich mag den Sound der Platte wieder unglaublich gerne, aber gebe euch recht, dass einige Songs nicht so richtig auf den Punkt kommen. Jerome als Einstieg steht da sinnbildlich. Der mäandert einfach nur vor sich hin, ohne eine Klimax zu erreichen oder auch sonst irgendeine griffige Line zu bieten. Reward bleibt auch für mich ihr bestes Album dicht gefolgt von Pompeii und dann dahinter nun Michelangelo Dying. Leichter Abwärtstrend ist also zu erkennen, aber schon ingesamt eine tolle Künstlerin, wobei ich die alten Alben noch nicht kenne.

Lucas mit K

Postings: 539

Registriert seit 19.07.2024

2025-10-08 07:27:39 Uhr
Das Album ist bei mir nochmal gewachsen. Mag eigentlich fast jeden Song, teils mit Einschränkungen. Der letzte Song mäandert so uninteressant aus und „Jerome“ als Einstieg finde ich eine seltsame Wahl. Auf „Pieces of My Heart“ hätte ich verzichten können. Und „Is It Worth It (Happy Birthday)?“ klingt, als hätte sie Beach House gecovert und wäre ziemlich nah am Original geblieben. Highlight ist die Strecke „About Time“ bis „Ride“ für mich. Letzterer richtig gut, John Cale im Background passt wunderbar. Insgesamt ein solides Album, würde auch 7/10 geben.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 30571

Registriert seit 08.01.2012

2025-10-01 20:40:19 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Lucas mit K

Postings: 539

Registriert seit 19.07.2024

2025-10-01 16:57:08 Uhr
Aus Pompeii hatte ich mir aber auch schon eine eigene EP gezimmert

Ich finde auch, ihre Songs fallen in die Kategorien Hit or Miss, sodass ich einige nach zweimal Hören fallen lasse und mir andere dafür obsessiv gebe (z.B. „Home To You“ oder „French Boys“).
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