Algernon Cadwallader - Trying not to have a thought
Saddle Creek / Rough Trade
VÖ: 12.09.2025
Unsere Bewertung: 8/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
Da sind wir wieder
Manchmal verschwinden Bands, ohne wirklich weg zu sein – und manchmal verschwinden auch welche, von denen nur wenige wussten, dass es sie überhaupt gab. Algernon Cadwallader aus Yardley, Pennsylvania, gehören komischerweise in beide Kategorien: Gründung Anfang der Nullerjahre, Veröffentlichung von zwei Alben, 2012 war plötzlich Schluss. Während manch einer nun überrascht feststellen mag, dass es sich bei Algernon Cadwallader tatsächlich um ein Quartett handelt und nicht etwa um einen verschrobenen Holzfäller-Gitarristen aus Wyoming mit merkwürdigem Namen, zählen die anderen nach: Echt schon so lange? Wo ist die Zeit geblieben? Nun, die Midwest-Emo-Welle ist zum Glück aller früheren Emo-Diaries-Anhänger nie ganz abgeebbt dank Vertreter wie The World Is A Beautiful Place & I Am No Longer Afraid To Die. Und nun sind, 14 Jahre nach ihrem letzten Album "Parrot flies", auch Algernon Cadwallader wieder da. Wie schön ist das, wenn eine Rückkehr nicht bloß banale Flashbacks abruft, sondern neue Geschichten schreibt?
Dazu passend mutet der Opener von "Trying not to have a thought" an: "Hawk" ebnet den Weg und mischt bitteren Verlust mit süßen Erinnerungen. Die melodische Intensität zieht den Hörer sofort in den Bann, während Zeilen wie "I don't know if the devil remembers / But our laughter will echo on forever" kurz den Atem stocken lassen. Gleich danach meldet sich "Shameless faces (Even the guy who made the thing was a piece of shit)" zu Wort, ein Song, der an Snowing erinnert – Kinderspiel, da es sich dabei um das Zweitprojekt von drei der vier Bandmitglieder handelt. Deren Fähigkeit, auch komplexere Gefühle in zugängliche Hooks zu verpacken, wird hier jedenfalls eindrucksvoll demonstriert. "What's mine" zeigt derweil die emotionale Breite von Frontmann Peter Helmis & Co.: Zunächst zart und nachdenklich, steigert sich die Nummer zu einem wütend-aufwühlenden Ausbruch über mentale Kämpfe – der Satz "I can't let 'em know / I'm not fine" trifft direkt in die Magengrube und hallt lange melancholisch nach.
Charmant, fast schon poppig und trotzdem dicht verwebt präsentieren sich "You've always been here" und der Titeltrack "Trying not to have a thought", die beide den typischen Midwest-Emo-Sound mit unbeschwerter Energie versehen. "World of difference" schließt sich mit elektrisierend-umarmender Kraft an, lässt Gitarren und Gesang ineinanderfließen und kommt so warm und herzlich wie ein alter Freund daher, den man lange nicht mehr gesehen hat. Überhaupt ist genau das vielleicht das größte Kunststück des Albums: Jeder Track fühlt sich gleichzeitig neu und vertraut an – ein Beweis dafür, dass die Band ihren Biss trotz der langen Pause nicht verloren hat, und auch dafür, dass sie ihrer relativen Unbekanntheit zum Trotz doch mit zu den besten des Genres gehört. Das Songwriting ist versiert, die Arrangements verspielt, ohne jemals überladen zu wirken – Emo, wie man ihn liebt, ohne jegliche Attitüde.
Dazu macht ein Herzensstück wie "Attn MOVE" auch unmissverständlich klar, warum die Rückkehr von Bands wie Algernon Cadwallader, die ihr Herz auf der Zunge tragen, so wichtig ist. "Some black clouds never go away / Just hover in place / And change their shape right in front of your face / This is America." In Zeiten, in denen schreckliche Parolen immer lauter gebrüllt werden, in denen die Lauten oft auch wie die Meisten erscheinen, braucht es Künstler, die die Dinge anpacken und einen Safe Space für jene zur Verfügung stellen, die sich ungehört fühlen. Und genau das ist es, was "Trying not to have a thought" so stark macht – es ist ein Album, das den Zahn der Zeit trifft. Algernon Cadwallader sind zurück und erinnern daran, dass Emo so viel mehr sein kann als Herzschmerz oder Nostalgie: ein Raum für Ehrlichkeit, Wut, Freude und Trost zugleich. Wer erst hier bei dem Vierer einsteigt, merkt sofort, dass manche Comebacks keine bloße Rückkehr sind. Sondern ein kleines, triumphales Ereignis.
Highlights
- Hawk
- What's mine
- You've always been here
- Attn MOVE
Tracklist
- Hawk
- Shameless faces (Even the guy who made the thing was a piece of shit)
- What's mine
- noitanitsarcorP
- Koyaanisqatsi
- Trying not to have a thought
- You've always been here
- Revelation 420
- Million dollars
- Attn MOVE
- World of difference
Gesamtspielzeit: 42:12 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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myx Postings: 6222 Registriert seit 16.10.2016 |
2025-09-26 22:28:01 Uhr
Freue mich ebenfalls, dass Jenny wieder mit an Bord ist, wird die Schnittmenge bei den Updates nochmals etwas vergrössern, so ist zu erwarten. Hier muss ich dann noch in Ruhe reinhören. |
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Gomes21 Postings: 5976 Registriert seit 20.06.2013 |
2025-09-26 00:31:03 Uhr
Ja coole Platte, freue mich auch, und ebenfalls über die Rezension von Jennifer! |
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fakeboy Postings: 6346 Registriert seit 21.08.2019 |
2025-09-25 22:29:13 Uhr
Cap'n Jazz wurden als Referenz ja schon genannt. Die Gitarren und der Gesang erinnern mich teilweise auch an The Jazz June. Ja, die Stimme nervt zuweilen schon etwas, aber auf ne ganz charmante Art. Holt mich ab und ich fühl mich auch grad in die späten 90er zurückversetzt. |
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Vive Postings: 1345 Registriert seit 26.11.2019 |
2025-09-25 14:49:29 Uhr
Kalle, you took the words out of my mouth |
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Kalle Postings: 505 Registriert seit 12.07.2019 |
2025-09-25 14:42:56 Uhr
Die Stimme macht es für mich unhörbar! |
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Referenzen
Snowing; American Football; Owls; Joan Of Arc; Owen; Cap'n Jazz; Their / They're / There; The One Up Downstars; The Half Thirds; Birthmark; Make Believe; Ghosts And Vodka; Shipping News; June of 44; North Of America; Into It. Over It.; Seahaven; Empire! Empire! (I Was A Lonely Estate); The World Is A Beautiful Place & I Am No Longer Afraid To Die; Braid; Dads; Tiny Moving Parts; Joie De Vivre; The Promise Ring; Pretty Girls Make Graves; Football, Etc.; Old Gray; Merchant Ships; Modern Baseball; You Blew It!; Mineral; Lewis; Benton Falls; A Great Big Pile Of Leaves; Sunny Day Real Estate; Deer Leap; Grown Ups; Pity Sex; Foxing; TTNG
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