Tigeryouth - Alles neu
Zeitstrafe / Cargo
VÖ: 12.09.2025
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
Mentale Arbeit
Junge Tiger? Eine Jugend in Leoparden-Leggins? Welche Übersetzung seines Künstlernamens man kalauerartig auch bemüht, Tigeryouth-Kopf Tilmann Benning ist sicherlich kein junger Hüpfer mehr. Aber zu den grauen Eminenzen im deutschsprachigen Rock'n'Roll-Zirkus zählt der sympathische Songwriter aus dem Münsterland auch nicht mehr. Noch dazu heißt er mittlerweile offiziell Zick. Im wohlbesungenen Hafen der Ehe angekommen, gibt es dennoch keinen Grund, die Musik über Bord zu werfen. Warum nicht einfach mal "Alles neu" machen? In der Tat ist Tigeryouths vierte LP eine echte Band-Platte geworden. Weil Basser Simon Bäumer und Riccarda Belitzki am Schlagzeug nun seit geraumer Zeit bereits fest mit auf der "MS Tilmann" schippern, gibt es auf der Platte weniger Gisbert zu Knyphausen oder Matze Rossi, dafür mehr Muff Potter.
Ob das passt? Durchaus. Zugegeben, wenn der Titeltrack zu Beginn mit leicht hemdsärmelig-klischeegetöntem Gitarrenriff loslegt, sorgt man sich kurz, aber Zicks absolutes Gespür für euphorische Refrains rettet den Track umgehend. "Machst Du mit mir diese Stadt dem Erdboden gleich?!" fragt der Songschreiber alsbald, nachdem der Blick über die Kleingartenanlage und diverse Deutschlandfähnchen als Sinnbild für den akut bräsigen Zustand des Landes unerträglich geworden ist. Gerade die richtige Zeit auch, das ähnlich gepolte Kleinod "Welche Zukunft?" vom Vorgänger "Schmuck" mit der Band noch einmal neu zu interpretieren. Der kleine Hit "Disso Disko", Kollabo mit der Zeitstrafe-Label-Kollegin Jule, fühlt sich animiert, und wenn die Protagonisten ihre sägenden Gitarren und kratzenden Stimmen übereinanderschichten, fliegt nicht nur im Aufnahmestudio die Decke weg. Um Musik und Selbsttherapie geht es, und beide konkludieren: "Ohne Leiden keine Kunst!". Wohl was dran.
Nach solchen emotionalen Rückschlägen und vor dem berühmten Kronerichten gibt es sie, die unausweichlich durstigen Abende an der Lieblingstheke. Den letzten Runden genau dort huldigen Tigeryouth im wohl räudigsten Stück "Trinkgeld". Um die schmerzhafte Suche nach sich selbst geht es in "Winzige Schritte". Schaut man retrospektiv in den Spiegel, tauchen sie unweigerlich auf, die vielen Erlebnisse von der Kindheit bis hin zur frühen Adoleszenz. Die man meist nicht selbst in der Hand hatte, die einen in der Analyse bloß zum hilflosen Betrachter machen. Aber: die einen auch verstehen lassen. Einen gelungenen Schwenk zum melodietrunkenen Indierock liefern Tigeryouth in "Alles Gute" und tief emotional, weil zunächst leise, dann immer intensiver, münden in "Risse" die persönlichen Verluste und Schicksalsschläge unweigerlich in Richtung Therapie: ein so wichtiges, leider aber auch völlig überlastetes Hilfssystem. Und Tigeryouth konstatieren unverblümt: "Die Zeit heilt / Einen Scheiß!". Eben. Warum nicht öfter den Mut haben, "Alles neu" zu machen? Weil's eben auch harte mentale Arbeit ist.
Highlights
- Alles neu
- Disso Disko (feat. Jule)
- Trinkgeld
Tracklist
- Alles neu
- Disso Disko (feat. Jule)
- Alles Gute
- Winzige Schritte
- Autobahn
- Nikotin
- Risse
- Welche Zukunft
- Parkallee
- Kurz kaputt
- Trinkgeld
Gesamtspielzeit: 35:15 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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Immermusik Postings: 1816 Registriert seit 04.11.2021 |
2025-09-23 18:27:34 Uhr
Sehr schön. Danke für die Rezension. Freitag in Berlin und Samstag in Hamburg sind noch Releasekonzerte. |
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Armin Plattentests.de-Chef Postings: 30571 Registriert seit 08.01.2012 |
2025-09-15 21:20:15 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. Meinungen? |
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Immermusik Postings: 1816 Registriert seit 04.11.2021 |
2025-09-14 10:28:16 Uhr
Neues Album in Bandbesetzung auf Zeitstrafe. Crowdfunding mit Releasekonzerten in Berlin und HH sowie Vinyl läuft noch https://www.startnext.com/alles-neu |
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