Roddy McKinnon - Tourist on the moon
Silberblick
VÖ: 05.09.2025
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
Am seidenen Faden
Wenn ein Künstler mit der Diagnose einer schweren Krankheit konfrontiert wird, verändert sich oft nicht nur sein Leben, sondern auch sein künstlerischer Ausdruck. Plötzlich treten Dringlichkeit und Endlichkeit in den Vordergrund: Texte gewinnen an Schärfe, Melodien an Gewicht. Manche reagieren mit rastloser Produktivität, andere mit einer bis dato ungekannten Klarheit, die jede Note und jedes Wort auf das Wesentliche verdichtet. In dieser Spannung zwischen Verletzlichkeit und schöpferischer Kraft entstehen Werke, die nicht nur intime Einblicke ins Innere des Künstlers geben, sondern bestenfalls auch den Zuhörer und die Zuhörerin mit der Frage nach der eigenen Endlichkeit konfrontieren. Ist ja auch verständlich: Wer jemals in einem Krankenhausbett stark gezeichnet zur Tatenlosigkeit verurteilt herumlag, der erlebte ganz neue Gedankenwelten: Da draußen tobt die Welt unbeirrt mit ihren gesammelten Belanglosigkeiten weiter – und drinnen, während eine Chemo in die Vene reinläuft, wird man plötzlich komplett ergeben und denkt sich verzweifelt aus dem kleinen hässlichen Raum hinaus in das, was möglich war und noch ist. Daraus kann große Kunst entstehen – zum Beispiel bei Roddy McKinnons neuem Album. McKinnon hat bereits vor einigen Jahren eine Krebsdiagnose bekommen – und er lässt sich davon das Musizieren nicht nehmen. Nur mit Gitarre, seiner brüchigen Stimme, gelegentlich einem Klavier und sehr sparsam eingesetzten Streichern stellt sich McKinnon auf seinem kleinen Segelboot direkt in den Wind. Und lässt sich einfach nicht umpusten.
"Tourist on the moon" ist trotz aller Stürme, die wohl in McKinnons Seele wüten dürften, ein unglaublich leises und merkwürdig ausgeruht wirkendes Album. Dynamische Extreme sucht man vergebens, auch in Bezug auf das Songwriting werden keine ungewöhnlichen Schritte gegangen – wenn man mal von "Joshua Green" absieht, wo McKinnon ein recht raffiniert-eierndes Taktmaß einsetzt; was einen witzigerweise eben nicht gegen den Strich bürstet, sondern eher einen beschaulichen Wiegenlied-Effekt mit sich bringt. Ja, ganz generell scheint ein Metronom nicht zum McKinnonschen Werkzeugkasten zu gehören, er gestattet sich auch in "Vertebrae" ein ganz freies Tempo mit dem einen oder anderen Ritardando. Besonders gänsehautverdächtig ist "The boy who doesn't eat", wo das lyrische Ich möglicherweise schon mit der irdischen Existenz abgeschlossen hat: "When the time comes / When the clock stops / The hands put on hold / I will I will return / This broken body": So singt nur einer, der schon bereit ist, die sterbliche Hülle abzugeben und in den Äther zu verschwinden. Ebenso anrührend, aber knapp am Kitsch vorbei, ist das bittersüße "Dancing shoes have gone": "The dream waltzes one two three / Will you lead the dance? / I awake the dream is gone / I await alone / The dancing shoes have gone"; zwingender und reduzierter kann man wohl kaum von dem schrecklichen Gefühl singen, im Traum kerngesund und wohlauf zu sein – um dann zu erwachen und sofort wieder die Last einer schweren Krankheit zu spüren.
Besonders bemerkenswert bei diesem Album ist, dass McKinnon nie in Weinerlichkeit oder Larmoyanz abgleitet, er verkneift sich auch eine – ja durchaus angebrachte – Wut oder ein zorniges Aufbegehren. Nein, hier singt und dichtet jemand, der die ersten vier Stufen der Trauer (Verweigerung, Zorn, Verhandlung und Depression) bereits zu überwunden haben scheint und in die Zielgerade, die Akzeptanz, einbiegt. Es erfordert bestimmt sehr viel Kraft und Selbstbeherrschung, in all dem Schlamassel noch so eine reife, abgeklärte und emotional anfassende Musik zu erschaffen. Und noch dazu sogar den einen oder anderen schönen musikalischen Moment heraufzubeschwören. Alles das macht "Tourist on the moon" zu einem besonderen Kunstwerk. Wir hoffen jedenfalls, dass Roddy McKinnon noch lange auf dieser Erde bleibt, bevor er sich in weitere Sphären aufmacht.
Highlights
- Tourist on the moon
- The boy who doesn't eat
- Dancing shoes have gone
Tracklist
- Paint me a rose
- Joshua Greene
- Vertebrae
- Tourist on the moon
- Dear planet blue
- Beachhouse in the sun
- The boy who doesn't eat
- Madeleine
- O stone street
- Twinkling
- Dancing shoes have gone
- Despite me and everything
Gesamtspielzeit: 35:29 min.
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