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Boko Yout - Gusto

Boko Yout- Gusto

Hoopdiggas
VÖ: 05.09.2025

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Krach auf Krankenschein

Stell Dir vor, es ist 42-Stunden-Woche, und keiner geht hin. Was Friedrich Merz bestimmt zum Resthaareraufen triebe, ist für Paul Adamah Tagesgeschäft. Und der Künstler wird nicht müde, es zu betonen: "I can't see myself going to work today." Dazu rattert der Drumcomputer, als würde wenigstens der dafür bezahlt. Genauso mäßig angetan wie vom Konzept Lohnarbeit ist der Schwede Adamah von toxischen Beziehungspartnern oder heteronormativen gesellschaftlichen Strukturen: Als sein Alter-Ego Boko Yout ruft er auf dem Debütalbum "Gusto" zur vollumfänglichen Revolution auf. Seine Musik hat er dabei auf den schönen Namen "Afro-Grunge" getauft – was natürlich gleich hellhörig macht. Kombiniert der Sohn einer mosambikanischen Mutter und eines togolesischen Vaters etwa den Seattle-Sound mit Einflüssen aus "Black music", etwa so, wie eine nicht dem Teufel anheimgefallene Punk-Version von Zeal & Ardor es tun würde? Nicht wirklich. Einen Riesenaufstand machen er und seine Bandkollegen trotzdem. Außerdem haben sie diebischen Spaß an guter alter Provokation.

Grunge im herkömmlichen Sinne hat "Gusto" nicht zu bieten, Flanellhemden und Laut-Leise-Dynamik bleiben im Schrank. Gitarre und Bass winden sich bei eher reduzierterem Spiel dennoch in massiver Distortion. Adamah operiert eher im Sinne der britischen Crank-Wave-Schule oder auch näher am zerfledderten Postpunk seiner Landsmänner Viagra Boys, mit denen er bereits auf Tour ging. Offenbar geht es linken Leuten in Schweden doch nicht so prächtig, wie man hierzulande für gewöhnlich annimmt. "I need a 9-to-5", bettelt Kunstfigur Boko Yout dann auch beinahe verzweifelt – nicht, weil er das will, sondern weil sich der Studienkredit nicht anders abbezahlen lässt (der Rezensent fühlt das). Zwischen hibbeligen Akkorden und nervösen Shouts schreit alles hieran nach Hit. Im lakonischen Sprechgesang von "Ignored" brüstet der 27-Jährige sich derweil damit, schon zu Schulzeiten wegen Krawall und Ungehorsam aufgefallen zu sein. Nicht nur in Sachen Intonation, auch inhaltlich ruft Boko Yout immer wieder Kele Okereke und dessen biestigere Bloc-Party-Rants ins Gedächtnis.

Ob Adamah zwischen den Punkposen kurz davon träumt, jemandes "Boyfriend" sein zu dürfen, und dafür auch mal Synths bemüht, oder das Intro-artige "Volleyball" von afrikanischen Gesängen in ein dissonantes Fuzz-Finale mündet: Der Ideenreichtum des offen queeren Künstlers ist beeindruckend. Oft ist "Gusto" auch vor allem eines: ganz schön schräg. Und das liegt nicht nur daran, dass hier eigentlich gar nicht Adamahs Geschichte erzählt wird, sondern Boko Yout ein weiteres Alter-Ego namens Mortdecai besitzt, dessen Therapiesitzungen mit dem namensgebenden "Dr. Gusto", einer wieder anderen Inkarnation des Schweden, das Konzept des Albums stellen. Alles klar soweit? "Imagine" überzeugt mit psychedelischer Note, "In the dark" mit formvollendetem Melancho-Britpop und Akustikgitarre. Zwischendurch unternimmt ein Schamane, begleitet von gespenstischen Talking Drums, den Versuch, seine Leute mit Dr. Gustos Hilfe von den "evil spirits of the Western atmosphere" zu erlösen – aber vergeblich, denn dann beginnt schon die nächste Schicht. Erst, wenn die Finger Blasen schlagen und der Rücken sich krümmt, verfällt Adamah in "Beast" schließlich in schmerzvolle Resignation: "I really need to go home / I'm not that strong / So carry me home." Irgendwie ein ziemlich britisches Album für einen nicht-britischen Musiker. Aber ein beachtliches und dabei ziemlich abgedrehtes Erstlingswerk allemal.

(Ralf Hoff)

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Highlights

  • 9-2-5
  • Imagine
  • In the dark
  • Beast

Tracklist

  1. Volleyball
  2. Ignored
  3. 9-2-5
  4. Boyfriend
  5. Demolition man
  6. Shift
  7. Gusto
  8. Imagine
  9. In the dark
  10. Shadow work
  11. Enemy
  12. Beast
  13. Gimmie love

Gesamtspielzeit: 36:35 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

dogs on tape

Postings: 582

Registriert seit 14.06.2013

2026-04-10 10:15:29 Uhr
Live sehr mitreißend.

Skinner

Postings: 75

Registriert seit 13.01.2020

2026-04-10 10:14:18 Uhr
Beim Durchstöbern der anstehenden Konzerte in Berlin entdeckt und bin sofort sehr angetan.

Tickets werden geholt und das Album hat hier mehr Aufmerksamkeit verdient! Erinnert wirklich an gute Bloc-Party Momente und bringt neue Akzente in die manchmal doch sehr ähnliche aktuelle Post-Punk-Schiene.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 30512

Registriert seit 08.01.2012

2025-09-08 21:17:38 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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