Van Holzen - Solang die Erde sich dreht
Munich Warehouse / Membran
VÖ: 12.09.2025
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
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"Wir wollten uns ändern, irgendwie / Uns in den Gedanken neu verliebt": Schon kurz nach "Aus der Ferne" hatten Van Holzen ihre Musik in eine andere Richtung geschubst und mehrere Einzel-Singles veröffentlicht, die sich keinem Albumkontext unterordnen sollten. Dabei heraus kamen weitaus direktere und auch persönlichere Songs wie "Stich um Stich", die mit reduzierterem Abstraktionsgrad geradewegs in die Herzen der Gen Z trafen. Diesen erfolgreichen Ansatz will das Trio für "Solang die Erde sich dreht" auf Albumlänge übertragen. Eine Herausforderung, die gelingt: Ihren Alternative-Post-Hardcore-Hybriden ziehen die Ulmer kerzengerade, ohne dass er an Komplexität und Durchschlagskraft einbüßt. Das vierte Album der Mittzwanziger nimmt keine erhabene Außenperspektive ein, sondern schmeißt sich stattdessen mitten in die Menge. Und selbst wenn die Wüstenrock- und Post-Punk-Elemente zurücktreten, helfen schneidende Riffs und nach wie vor donnernde Fuzz-Exzesse den zwölf Songs dabei, das bei aller Greifbarkeit etwas austauschbare Label "Indie-Rock" zu vermeiden.
So dreht zum Beispiel "Gedanken neu", im Kern ein Liebeslied, seinen Beinahe-Deutschrock mit wohldosierten Noise-Spitzen gekonnt auf links. Der ganze Krach illustriert die weiterhin jugendlich anmutende Nachdenklichkeit und das konsequente Angefressensein von Florian Kieslings Texten jedoch gegenwärtig vielmehr, als dass er für die gewohnte Distanz zu den besungenen Dingen sorgt. Van Holzen gehen musikalisch sowie textlich neue Wege. Nirgends wird beides so deutlich wie in der Coming-of-age-Episode "25", die die Band derart selbstverständlich auf der Neuen Neuen Deutschen Welle surfen lässt, als sei sie dort schon immer beheimatet. Mit Zeilen wie "Für so große Fragen sind wir die meiste Zeit zu high" und dem unschlagbaren Refrain "Ich will für immer jung und dumm sein" haben die Musiker möglicherweise die Hymne für eine ganze Generation geschrieben. Man fühlt jedes Wort, selbst wenn man, wie vermutlich viele Plattentests.de-Leser*innen, 25 plus ist. Die 2023er-Kooperation "Virtuell" mit Mia Morgan hat zweifelsohne Spuren hinterlassen.
Generell netzwerkt die Band heute wesentlich großzügiger als früher: Der Feature-Part des Ulmer Hip-Hoppers Lance Butters passt wie angegossen auf die Riffs von "Gut genug", ohne dass das Stück nach Limp Bizkit (oder auf Deutsch noch viel schlimmer: Nevada Tan) klingen würde. Im Text erkennt das lyrische Ich seinen ängstlichen Bindungsstil und befreit sich von dem Zwang, der oder dem Angebeteten ständig gefallen zu wollen – Rap-Rock als Empowerment. Solches ist auch dringend nötig, regieren in "Gewitter" doch in erster Linie Verwirrung und Survival-Modus. Das Stück aber hat die beste Kraftklub-Hook, die Kraftklub so nicht (mehr) hinbekommen. Und all der neuen Geradlinigkeit zum Trotz bringen Van Holzen doch noch eine relative Seltsamkeit wie "Ein neues Programm" unter, in der harschester Noise-Rock auf unheilvolles Geflüster trifft.
Auch jene keineswegs verloren gegangene Experimentierfreudigkeit zeigt: Geschwister im Geiste sind immer noch die wiederholten Tour-Kolleg*innen von Heisskalt, deren Einfluss nicht nur in Songs wie "Ins Licht" unüberhörbar ist, sondern die kurz vor Schluss auch ihren eigenen Auftritt bekommen und das kleine Emo-Epos "Himmel" vergolden. Ritterschläge wie dieser sorgen außerdem dafür, dass Van Holzen sich hin und wieder Krummes wie "Heute Nacht bin ich ein viel zu kaltes Eis am Stil / Deine Zunge klebt an mir" leisten können, ohne dass es das Gesamtwerk beschädigt. "Solang die Erde sich dreht" pendelt zwischen (Selbst-)Findungsphase und Angekommensein, versteckt sich aber niemals hinter irgendeinem Filter. Kein "Computer", keine "Masquerade" – sondern konsequent erste Person, ob im Singular oder Plural. In bandeigenen Worten: ein Album wie "kostenlose Psychotherapie". Der immer gelingende Drahtseilakt zwischen angsty Alternative-Rock und noisigem Gebretter aber lässt sich derweil definitiv als abschließender Erfolg verbuchen.
Highlights
- Gut genug (feat. Lance Butters)
- Gewitter
- 25
- Am Schluss
Tracklist
- Ins Licht
- Gedanken neu
- Nichts geworden
- Vorbei
- Gut genug (feat. Lance Butters)
- Ein neues Programm
- Bergab
- Gewitter
- 25
- Süchtig
- Himmel (feat. Heisskalt)
- Am Schluss
Gesamtspielzeit: 39:39 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
| User | Beitrag |
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noise Postings: 1130 Registriert seit 15.06.2013 |
2025-09-23 19:37:44 Uhr
Mich kann das Album leider nicht überzeugen. Einige gute Songs dabei, aber viele Sachen gehen in die Richtung Hits und Mainstream. Dazu wird mir zuviel in der gleichen Tonart gesungen. Das langweilt dann ein bisschen.Klar man kann sich das Album locker anhören. Tut nicht weh, fesselt aber auch nicht. |
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Vennart Postings: 1416 Registriert seit 24.03.2014 |
2025-09-19 16:43:12 Uhr
Gutes Album, vom Songwriting ihr bisher bestes für mich. Absolutes Highlight “Gedanken neu“, wenn „Killerpilze mit Noise-Gitarre“ so klingt, dann will ich mehr davon haben! :) |
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Affengitarre User und News-Scout Postings: 11771 Registriert seit 23.07.2014 |
2025-09-18 11:31:37 Uhr
Hmm. Ich habe mir vom Album doch ein kleines bisschen mehr erhofft, aber vermutlich bin ich mit falschen Erwartungen herangegangen. "Gut genug" fand und finde ich fantastisch, weil es die Band von einer härteren, experimentelleren Seite zeigt und gleichzeitig sehr catchy ist, wohingegen der Rest des Albums dann doch eher "wie Alternative-mäßigere Muff Potter oder, wenn ich gemein bin, auch wie Killerpilze mit Noise-Gitarre". :D "Ein neues Programm" finde ich dann auch noch ziemlich cool und es gibt immer wieder gute Momente, mir ist die Band dann doch immer zu sehr auf Hit unterwegs. Textlich lässt mich das alles meist auch eher kalt. Schon alles sehr ordentlich, aber nicht wirklich meins. |
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Armin Plattentests.de-Chef Postings: 30393 Registriert seit 08.01.2012 |
2025-09-08 21:17:24 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. Meinungen? |
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Arne L. Postings: 2969 Registriert seit 27.09.2021 |
2025-08-29 08:44:45 Uhr
Neues Video zu "Gewitter". Find ich auch wieder ganz gut:https://youtu.be/KNTvCVSaDOk?si=PVMFAcq8kLO_uWvW |
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Referenzen
Heisskalt; Die Nerven; Adolar; Madsen; Royal Blood; Biffy Clyro; Muff Potter; Fjørt; Queens Of The Stone Age; Thrice; Mia Morgan; Mikrokosmos23; Lygo; Blackout Problems; Marathonmann; Kind Kaputt; Donots; KMPFSPRT; 1000 Robota; Sperling; All Diese Gewalt; Scumbucket; Samavayo; Desolat; Tigercub; Messer; Herrenmagazin; Trümmer; Gewalt; Lyschko; Montreal; Schrottgrenze; Sparta; Milliarden; Brand New; Kraftklub; Killerpilze; Escapado; Mclusky; Metz; Kaufmann Frust; Isolation Berlin; Drangsal; Betterov; Nils Keppel; Tocotronic; Sport; Karies; Casper; Temmis; The Hirsch Effekt; Billy Talent; Farin Urlaub; Tokio Hotel; Echt
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