Not Scientists - Voices
Kicking / Cargo
VÖ: 05.09.2025
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
Ich kaufe ein "E"!
Manche Musiker haben eine Affinität zu bestimmten Buchstaben. Bei Herbert Grönemeyer ist es das "Ö". Man kann mit Fug und Recht sagen, dass er der Mann ist, der das "Ö" salonfähig gemacht hat, weil er wohl als einziger Musiker dieses Landes in der Lage ist, sämtliche Vokale eines Texts durch ebendiesen Buchstaben zu ersetzen ("föhl möch löör und vörbröucht, ölles töt'm wöh, höb Flögzöge ön möhnem Böch"). Bei Not Scientists wiederum wäre, hier aber musikalisch und nicht textlich, Sänger und Gitarrist Erwan Follain ohne das "E" nicht lebensfähig. Würde man mit einem Computer die Melodielinien seines, nun, Gesangs analysieren, würde man zweifelsfrei feststellen: Mindestens die Hälfte des Albums bellt er auf dem eingestrichenen "E" herum und erlaubt sich in der übrigen freien Zeit maximal zwei bis drei Schrittchen nach oben oder unten auf der Tonleiter. Aber gut, es muss ja nicht jeder fünf Oktaven aus dem Stand heraus singen können wie Mariah Carey; manch ein Makel lässt sich ja auch zum Markenzeichen machen – und einen Mark E. Smith schätzt man ja jetzt auch nicht wegen überbordenden Koloraturgesangs.
Das vorausgesetzt, kann und wird man mit dem Album "Voices" eine Menge Freude haben. Denn einmal mehr ballern die Franzosen hier ein hochenergetisches Gebräu aus tiefgekühlten Achtziger-Jahre-Riffs, bretthartem Emocore und New-Wave-Feeling in die heimische Stube. Die wohl sicherlich deutlichsten musikalischen Referenzen sind The Cure, Killing Joke und Maximo Park; wer mit den drei Bands was anfangen kann, der wird "Voices" sogleich ins Herz schließen. Wenn man so will, ist das ganze Album ein einziger Höllenritt, denn in fast allen Stücken geht es mit Dampf zur Sache. Das macht gehörig Spaß, denn neben der genannten Soundästhetik gefällt, wie saugut das alles eingespielt ist: Während The Cure in ihren Anfangsjahren ja noch etwas dilletantisch unterwegs waren, befindet sich die Instrumentalarbeit der Herren Follain, Allibert (Drums), Pieretti (Bass) und Measson (Gitarre) auf einem exquisiten Niveau. Allibert trommelt, als ginge es um sein Leben – und er setzt auch komplexe Fills mit der Präzision eines Drumcomputers, ohne dabei aber statisch zu wirken. Pieretti bringt die Spielfreude und Exzellenz des legendären Peter Hook (New Order) mit, und auch die Gitarren schallern mit Kraft, Energie und auf den Punkt. Besonders stark ist "The city calls", denn das Intro führt zunächst ein wenig in die Irre, man denkt unweigerlich an die ersten Takte von Interpols "Rest my chemistry" – doch schon bald biegt der Track ab in energetische Emo-Power, er erlaubt sich aber auch in einer Instrumentalbridge einen waghalsigen Ritt durch diverse Tonarten.
In "Cul de sac" wiederum zitieren Not Scientists das flirrende Gitarrenspiel von Justin Jones (And Also The Trees), allerdings geht das hier weniger in Richtung Romantic-Wave, sondern eher ins Sperrig-Schräge wie bei The Robocop Kraus oder auch The Ghost Of Tom Joad. Und "Burnout" entpuppt sich schon beim ersten Hören als Ohrwurm, den man über Tage nicht los wird, denn hier werden die fetten Bratzgitarren der Strophen im Refrain noch aufs Wunderbarste durch mehrstimmige Mitgröl-Refrains ergänzt – noch dazu gestattet sich Gitarrist Measson mehrmals einen derartig wagemutigen Griff an den Tremolo-Hebel, dass man erschrickt. Hat da jemand mit der Hand den Plattenspieler abgebremst? Ja, das macht Spaß, das ist nicht ohne Humor – und es hat bei all den Achtziger-Jahre-Reminiszenzen deutlich mehr Schmackes und auch Lebensbejahendes als das, was viele Düstertruppen vor rund 40 Jahren so veranstalteten.
Auf der anderen Seite ist es aber auch so, dass "Voices" fast kein Innehalten, keine Verschnaufpause kennt. So gut wie alle Stücke kommen im Uptempo, müsste man den Energiepegel auf einer Skala von 0 bis 10 darstellen, dann würde keines unter die "8" rutschen. Aus der Reihe fällt da eigentlich nur "Ball and chain" mit seinem wenigstens zu Beginn gedrosselten Tempo und den elegischen Gitarren, die hier ausnahmsweise mal weniger Fuzz und dafür mehr Hall bekommen. Ansonsten gibt's eigentlich permanent auf die Nase. Aber gut, so waren die Achtziger-Jahre, schlafen konnte man immer noch zu Hause. Wer schwächelte, nahm halt eine Wanderpille und dann ging's weiter. Insofern eine schöne Zeitreise zurück mit klarem Blick in die Gegenwart. Manchmal muss man halt ein "E" kaufen.
Highlights
- The city calls
- Voices
- Burnout
- Ball and chain
Tracklist
- Caught in a web
- End game
- The city calls
- Cul de sac
- Maze
- Voices
- Burnout
- Phone
- I remember
- Hurricane
- Ball and chain
- The architect
Gesamtspielzeit: 42:22 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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embele09 Postings: 211 Registriert seit 06.11.2024 |
2025-09-09 12:25:23 Uhr
Mir gefällt das Album. Den Vorgänger fand ich aber besser. Das mit dem E kann ich bestätigen. Das gilt auch für die die älteren Alben. Live sind sie super. Die Präzision können sie auch auf die Bühne bringen, wirklich beeindruckend. Album unbedingt antesten! |
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Armin Plattentests.de-Chef Postings: 30146 Registriert seit 08.01.2012 |
2025-09-08 21:15:31 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. Meinungen? |
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Referenzen
The Cure; Blink-182; INVSN; Maximo Park; We Were Promised Jetpacks; Action Action; Maxeen; The Drums; Soft Kill; The Faint; The Robocop Kraus; Leoniden; Drangsal; 100blumen; Edwin Rosen; The Subways; The (International) Noise Conspiracy; Fake Names; Against Me!; The Ghost Of Tom Joad; Killing Joke; Editors; White Lies; The Twilight Sad; The Draft; Goldfinger; Bombshell Rocks; The Interrupters; The Bouncing Souls; The Smith Street Band; Pulley; The Lawrence Arms; Gossip; The Kills; Arctic Monkeys; Randy; Samiam; Rancid; The Vaselines; The Clash; The Menzingers; Alkaline Trio; NOFX; The Breeders; Tribute To Nothing; Hüsker Dü; Wipers; Be Your Own Pet; Jay Reatard; The Gaslight Anthem; The Get Up Kids; Nada Surf; Buzzcocks; Ramones
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