Jens Lekman - Songs for other people's weddings
Secretly Canadian / Cargo
VÖ: 12.09.2025
Unsere Bewertung: 8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
Zwischen Fiktion und Autobiografie
Als Jens Lekman im Jahr 2004 im fünften Song seines Debütalbums "If you ever need a stranger (to sing at your wedding)" verlauten ließ, kannte die hellauf begeisterte Indie-Szene weder Erbarmen noch Ironie. Die Anfragen kamen – und der schwedische Songwriter hielt, was sein literarisches Ich singend versprochen hatte. Zwei Jahrzehnte später mündet diese zunächst etwas kurios anmutende Nebenkarriere in einem ebenso ungewöhnlichen wie charmanten Projekt: "Songs for other people's weddings", eine Album-Roman-Kooperation mit dem US-amerikanischen Autor David Levithan. Der Romancier mit einer Schwäche für Lovesongs hatte sich bereits 2005 völlig in Jens Lekmans Musik versenkt, die ihn beim Schreiben ständig begleitete – und sich daraufhin prompt persönlich bei ihm bedankt. Der Kontakt blieb bestehen. Kurz vor Beginn der Pandemie schlug der Songwriter ihm vor, gemeinsam einen Roman über einen Indie-Musiker zu verfassen, der auf Hochzeiten spielt. Inspiriert von der Erzählstruktur von Lekmans' Lieblings-LP "Watertown" von Frank Sinatra, entwarfen die beiden den Plan eines narrativen Konzeptalbums.
Im Mittelpunkt des Romans – und (in leicht abgewandelter Form) auch des Albums – stehen der Hochzeitssänger J und seine Freundin V. Nach zwei Jahren Beziehung zieht V nach New York, J bleibt zurück. Was folgt, ist eine fragile Chronik ihrer Entfremdung, gespiegelt durch die Hochzeiten anderer Menschen, bei denen J als Musiker auftritt. Während einige der Details auf Lekmans tatsächlicher Erfahrung gründen, sind J und V Fiktion. Den Part der V singt Matilda Sargren, die ursprünglich nur für die Demoversionen vorgesehen war. Sie verleiht den Aufnahmen eine dermaßen anrührende Präsenz, dass die Entscheidung, sie tatsächlich auch für die fertige Platte zu besetzen, wohl nur begrüßt werden kann.
Musikalisch knüpft "Songs for other people's weddings" nahtlos an jenes Klangbild an, das Lekman bereits 2007 mit "Night falls over Kortedala" kultivierte. Das kann man im Hinblick auf eine musikalische Weiterentwicklung bewerten, wie man mag. Stilsicher ist es allemal. Musiker müssen sich schließlich nicht auf jedem Album neu erfinden – und warum auch, wenn der eigene Tonfall so unverwechselbar ist? Wer schon damals Gefallen an der Mischung aus verspielten Streichern, cleveren Samples, lässigem Saxofon und natürlich an des Sängers charakteristischer Gitarre fand, wird sich auch hier sofort zuhause fühlen. Umso bemerkenswerter wirkt die Rückkehr zu diesem Sound, bedenkt man, dass sich die Arrangements der letzten beiden Alben – "I know what love isn't" und "Life will see you now" – bereits in andere Richtungen bewegten. Nun aber klingt der Skandinavier wieder so, als hätte er seine Kortedala-Tage neu entdeckt.
Dass er dabei nicht nur Chronist, sondern auch Kommentator seiner eigenen Geschichte ist, macht den zusätzlichen Reiz des Albums aus. Er schreibt Lovesongs, die klanglich voller Leichtigkeit sind und dabei einen lyrischen Seiltanz zwischen Melancholie, Witz und Gefühl vollführen. "Baby, soon we'll be / On the junkyard of history / Let it be forgotten and obsolete / Oh the world is picking up speed / At a pace that I can't keep / But time stood still when you were here with me", heißt es im pointiert betitelten "Increasingly obsolete", das eindeutig The-Smiths-Vibes verströmt. Gemeinsam betrachtet stellen Album und Buch ein interdisziplinäres Kunstwerk dar, dessen alleinige Idee es bereits zu würdigen gilt. Aber auch nur für sich genommen, erzählt diese Platte eine Geschichte, die größer wirkt als die Summe ihrer Hochzeiten. So bleibt dem geneigten Publikum wohl weiterhin zu intonieren: "Dear Jens, if you ever need a wedding to sing at …"
Highlights
- Candy from a stranger
- With you I can hear my own voice
- I want to want you again
- Wedding in Brooklyn
- Increasingly obsolete
Tracklist
- The first lovesong
- A tuxedo sewn for two
- Candy from a stranger
- Two little pigs
- Speak to me in music
- With you I can hear my own voice
- I want to want you again
- GOT-JFK
- Wedding in Brooklyn
- For Skye
- Increasingly obsolete
- On a pier, on the Hudson
- Wedding in Leipzig
- LEJ-GOT
- You have one new message
- Just for one moment
- The last lovesong
Gesamtspielzeit: 80:13 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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MickHead Postings: 11885 Registriert seit 21.01.2024 |
2026-05-27 09:46:19 Uhr
Am 3. Juli veröffentlicht Secretly Society eine limitierte Vinyl-LP von „Other People, Other Wedding Songs“ von Jens Lekman. Das digitale Album wird am selben Tag auch auf allen Streaming-Diensten verfügbar sein. Diese Lieder waren ursprünglich als Download-Beilage zu dem Buch „Songs For Other People’s Weddings“ enthalten, das von David Levithan verfasst wurde. Es handelt sich um Hochzeitslieder, die „J“ (der Protagonist der Geschichte) als Dienstleistung für Paare schreibt, die kurz vor der Eheschließung stehen. Einige dieser Stücke finden sich auch auf Jens’ Album „Songs For Other People’s Weddings“ wieder, das im vergangenen Jahr erschienen ist; hier jedoch präsentieren sie sich in reduzierten, akustischen Versionen. Wer möchte, kann die Lieder begleitend zur Lektüre des Buches hören – indem man sie nacheinander genau in der Reihenfolge abspielt, in der sie in der Geschichte auftauchen. Dies gewährt einem gerade genug Zeit, um sich ein kühles Stück Wassermelone aus dem Kühlschrank zu holen, bevor man das nächste Kapitel in Angriff nimmt. Aber letztlich haben Sie das Sagen: Hören Sie die Lieder ganz so, wie es Ihnen beliebt. Quelle: Bandcamp Erster Song "CHAPTER 07 - We Were Here" https://youtu.be/kQTKPl_y0EM?si=n4KmtfOp-JuJqUBQ "Other People, Other Wedding Songs" bei Bandcamp: https://jenslekman.bandcamp.com/album/other-people-other-wedding-songs-music-from-the-book-songs-for-other-people-s-weddings |
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maxlivno Postings: 3086 Registriert seit 25.05.2017 |
2026-03-09 13:32:10 Uhr
ich war auch gestern im Gretchen und kann den Eindruck nur bestätigen. Ich fand auch den Sound bei Jens' Vocals irgendwie breiig und manche der Songs (Increasingly Obsolete vor allem) haben nicht so richtig als fünfköpfige Band funktioniert, da gefiel mir die Albumversion schon deutlich besser. |
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Kiezgrün Postings: 138 Registriert seit 29.05.2023 |
2026-03-09 13:31:12 Uhr
So ungefähr hatte ich das erwartet und weil mir das aktuelle Album nicht so sehr zusagt - zu lang, es bleibt nichts hängen - habe ich auf dieses Konzert verzichtet, um die schönen Erinnerung aus dem Silent Green nicht zu überschreiben. |
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Unangemeldeter Postings: 2609 Registriert seit 15.06.2014 |
2026-03-09 10:42:31 Uhr
Crosspost aus dem Konzerte-Thread: Ich war gestern bei Jens Lekman im sehr vollen, aber wohl nicht komplett ausverkauften Gretchen in Berlin. Support kam von Mythologen, was man von diesem allerdings nicht erfahren hätte. Ein Typ, schlurfte auf die Bühne, legte 3 Songs auf, sprach kein Wort, schaute nicht einmal ins Publikum und schlurfte wieder zurück. Die Musik (Indie-Elektro, bisschen Richtung Múm) war gar nicht so mies, aber die demonstrative Lustlosigkeit hat mich ziemlich getriggert. Ist ja bei manchen DJs so, dass man sich fragt, was die da eigentlich im Live-Setting überhaupt noch zu tun haben - Mythologen hat diese Frage klar mit "fast nichts" beantwortet. Der hätte auch einfach während seines Sets ein Buch lesen können. Es war halb schon irgendwie witzig, halb aber auch einfach unverschämt. Das Publikum war zwar größtenteils leise, ging aber auch 0 mit - kein Wunder. A propos halb-halb: Jens Lekman spielte danach zwei unterschiedliche Sets. Er kam mit Band (Drums, Bass, Saxophon/Querflöte, Piano+hervorragende Zweitstimme) in Hochzeitskapellen-Montur plus seinem Manager auf die Bühne. Letzterer mit Buch in der Hand stellte sich als "Narrator" für den Abend vor. Er erzählte den Hintergrund des aktuellen Albums und kam alle 2, 3 Lieder wieder auf die Bühne, um die Geschichte von J und V (nachzulesen in der Rezension hier) weiterzuerzählen. So spielten sie in Albumreihenfolge etwa 2/3 des neuen Albums. Das war musikalisch schon gut, teils auch lustig (der Bassist hatte als Tuxedo-Doppelgänger z.B. eine Schaufensterpuppe umgehängt), aber das Setting war seltsam: durch den starken Fokus auf die Texte und das "Theater" war 0 Bewegung im Publikum, obwohl das manche der Lieder ja hergegeben hätten. Jens selbst sagte auch kein Wort und es blieb seltsam distanziert. Nach dem Set verschwand die Band von der Bühne und kam dann für ein zweites Set mit nochmal ca. 7, 8 Songs zurück. Jens kündigte das an mit "when I play weddings, I play two sets. One for the ceremony, and one for the party. What we just did was the ceremony part, now comes the party" - und tatsächlich war ab den ersten Noten von Opposite of Hallelujah sofort mega Stimmung im Haus. Es war verrückt, jeder Song wurde gefeiert, es wurde mitgesungen und getanzt, es gab lustige Ansagen zwischen den Songs, es war richtig toll. Als wären Band und Publikum zwischen den Sets ausgetauscht worden. Was also erst nach einer ziemlichen Enttäuschung aussah wurde dann doch noch ein richtig schöner Abend. Vermutlich sollte man aber lieber zu irgendeiner anderen Tour gehen als zur aktuellen - wenn man nicht das neue Album besonders innig liebt. |
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Obrac Postings: 2875 Registriert seit 13.06.2013 |
2026-02-06 12:57:37 Uhr
Ich muss hier auch einmal anmerken, wie toll dieses Album ist. Die Meldoien, die Lyrics, die Songübergänge, Matilda Sargrens Gesang. Alles wundervoll, auch über die komplette Spielzeit und über 17 Songs.Und Kopf hoch, Jens, das wird schon wieder mit deiner Freundin. |
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Referenzen
Belle & Sebastian; Arab Strap; Camera Obscura; Hello Saferide; Beirut; Destroyer; Of Montreal; Håkan Hellström; Architecture In Helsinki; Stars; Allo Darlin'; The Pains Of Being Pure At Heart; Clap Your Hands Say Yeah; Shout Out Louds; Kristian Kjellvander; Sufjan Stevens; Damien Rice; Feist; Rilo Kiley; The Magnetic Fields; Alex Cameron ; Okkervil River; Ben Kweller; The Embassy; Nina Persson; Kristofer Åström; Tiger Lou; The Smiths
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