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Heinz Rudolf Kunze - Angebot und Nachfrage

Heinz Rudolf Kunze- Angebot und Nachfrage

Meadow Lake / Believe
VÖ: 12.09.2025

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Angedrohte Sarglage

Ob nun in der freien Wirtschaft oder im persönlichen Umkreis: Es gibt nur äußerst wenige Gelegenheiten im Leben, in denen man nach ganz oben gehört - dort, wo es beginnt, einsam zu sein. Die Spitze der Pyramide ist eben ein Punkt und keine Fläche, und folglich kann es auch keinen Platz für Nachbarn geben. "Du musst besser sein, Brille – besser als der Rest!" skandierte Heinz Rudolf Kunze schon 1991 auf gleichnamigem Album, wenn auch eher als galligen Rückruf in die Vergangenheit, und liefert nun mit "Angebot und Nachfrage" einen erneuten Antwortversuch auf die Frage, wie man in einer Branche überdauert, die seit den Tagen der eigenen großen Erfolge nicht mehr wieder zu erkennen ist. Entsprechenden Zweiflern, warum man denn nun zu einer solchen Rezension kommt ("Ist das nicht SCHLAGER?!") sei gesagt, dass Kunze durchaus zu einem künstlerisch bedeutsamen Spätwerk in der Lage ist. "Der Wahrheit die Ehre" aus 2020 gehört nicht nur zu einem der deutlich besten seiner Laufbahn über vier Dekaden, sondern wird den Test der Zeit auch in zwanzig Jahren vermutlich noch bestehen. Bloß, um uns diesen Albentitel mal gleich als Motto zu nehmen: Das ist fairerweise die klare Ausnahme.

Somit ist dieses Unterfangen hier weniger ein Kommando Zuversicht als eher ein ... Projekt "Wird schon irgendwie"? Aber tatsächlich gibt einem der Auftakt fast recht. HRK hat mal wieder exakt das Level an Spielwitz, Verschrobenheit und "Leckt mich doch"-Attitüde, die "Besuch mich Marie" zu einem gelungenen Auftakt machen. Textzeilen wie "Wenn die Raststätten-Voucher für Nuss-Schokolade verbraucht sind" sorgen auch bei Leuten, die nicht im Deutsch-LK waren, für ein ehrliches Lächeln. Aber was ist hier bloß mit dem Mastering passiert? Kunzes Stimme wirkt in der Abmischung zu den Instrumentals so weit im Hintergrund verloren, dass es unmöglich Absicht sein kann. Auch die sonstigen Titel im Verlauf leiden eher unter anderen Problemen, was bei so viel Produktionserfahrung nochmal seltsamer wirkt. Ist das jetzt Rage Bait gegenüber Musikrezensenten? Man weiß es nicht.

Kunze hat seit Beginn seines Schaffens ohnehin einen ganz klar stärkeren Fokus auf die lyrische Komponente als auf die instrumentale Virtuosität. Dass man also Melodien hören wird, die etwas abgegriffen oder generisch wirken, muss man bei der Erfahrung einkalkulieren. Auch hier folgt "Angebot und Nachfrage" dem Standardrepertoire von HRK und im Kern kann man froh sein, dass man im Großen und Ganzen von Schunkelbeats verschont bleibt. Und in einigen Fällen gelingt sogar die Kombination. "Dann fängt die Liebe an" ist etwas, wo ich mich definitiv bei Agnes und Wolfram unterhake und für einen Moment vergesse, dass wir in ziemlich jeder anderen Situation nur ein milde verächtliches Lächeln für einander übrig hätten. Und tja, eigentlich könnte man an dieser Stelle nach knapp einer Stunde Spieldauer nun ganz schiedlich und friedlich wieder getrennter Wege gehen, wäre da nicht der eine große Elefant im Raum: Die lyrische Qualität ist eigentlich immer dann, wenn Kunze versucht, etwas von wirklicher Tragweite zu sagen, erschreckend unterkomplex, dass man schwer anders kann als sich davon beleidigt zu fühlen.

Die zwei schmerzhaftesten Beispiele finden sich in "Die Angst geht um" und "Jeder Tote einer zuviel". "Das ist längst nicht mehr demokratisch / Das wird allmählich psychopathisch / Um jede Wahrheit auszuhebeln / Beginnen sie, sich selbst zu knebeln / Und keiner will mehr aufrecht gehen / Für irgendetwas geradestehen / Nichts hören, sagen und nicht sehen / Drei Affen, die um Gnade flehen." Nicht nur gilt meine Empathie der Bevölkerung des Großraums Hannover, die nun offensichtlich mit einer spontanen Knappheit an Alufolie haushalten muss, vielmehr ist es gelinde gesagt mutig, einem Social Media-Zeitalter vorzuwerfen, zu wenig Artikulation zu betreiben. Ist es nicht vielmehr die Kunst des gepflegten Schnauzehaltens bei diffuser Eigenkenntnis, die derweil abhanden kam? "Die Nächstenliebe ist schon hart genug / Die Feinde will man hassen / Doch jeder Sieg ist auch ein Selbstbetrug / Sie werden es nicht lassen / Sie werden wiederkommen, zornig heiß / Um sich an Dir zu rächen / Und schier unendlich scheint der Teufelskreis / Wer kann ihn nur durchbrechen?" Was genau hat Kunze uns jetzt hiermit gesagt? Töten ist bähbäh? Was ist die Vision hinter solchen Zeilen? Wird an den Frontlinien der Gegenwart nun auf einmal ungelenk getanzt? Oder will man einfach nur mal etwas gesagt haben? Ich käme mir als Angehöriger eines gefallenen Soldaten durch diesen Titel mindestens unsittlich verarscht vor. Die Ironie, sich in demselben Stück über "Drückebergerruhm" auszulassen, wird hier jetzt nicht weiter ausgeschlachtet und zur Handlungsempfehlung auf die Rückfrage am Ende des letzten Absatz verwiesen.

Vermutlich fällt bei der Bewertung der Tonfall so harsch aus, weil man ja sieht, dass es auch anders funktionieren kann. In "Wir sind wir" liefert Kunze seinen Beitrag zur piefigen germanischen Leitkulturdebatte und kann außerhalb einer Radioquotenidee tatsächlich etwas Fundiertes beitragen, da er dieses Land ja schließlich seit Jahrzehnten kreuz und quer bereist. Der Kniff liegt einfach darin, sich einzugestehen gar nichts Besonderes zu sein: "Dann wäre dies ein anderes Land / Von Oder bis zum Rhein / Dann könnten wir mal ganz entspannt / Ein Land wie andere sein." Leider zerfällt der Song direkt wieder in Gemeinplätze und der Befund bleibt identisch: Es sind Titel, die gerne Beitrag einer Debatte wären. Doch selbiger Disput schaut bloß kurz verwirrt drein, schüttelt sich und geht ohne Kunzes Beitrag weiter. Ansonsten sei in Chronistenpflicht erwähnt, dass Vergänglichkeit und Endlichkeit in der Tracklist einen größeren Raum einzunehmen beginnen. Man wird logischerweise nicht jünger und demnach ist das weder schändlich noch überraschend, aber werten wir es einmal als gutes Zeichen, dass das wirklich ehrliche Lamento in diesen Fällen nicht rüberkommt und damit ein paar weitere Versuche für ein gelungenes Spätwerk noch im Köcher stecken. Die beleidigte besserwisserische Leberwurst in mir wird warten.

(Gerrit Phil Abel)

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Highlights

  • Das was niemals war
  • Dann fängt die Liebe an

Tracklist

  1. Besuch mich Marie
  2. Das was niemals war
  3. Die Angst geht um
  4. Dann fängt die Liebe an
  5. Was bin ich wert
  6. Sie sind Migranten
  7. Mehr von dir
  8. Jeder Tote einer zuviel
  9. Einen andern Menschen lieben
  10. Wehrlos
  11. Wir sind wir
  12. Ich bin tot
  13. Freundlichkeit
  14. Irgendwo
  15. Du musst dich irren
  16. Wozu hat man Kinder
  17. Dein ist mein ganzes Herz (Duett 2025) (feat. Annett Louisan)

Gesamtspielzeit: 64:52 min.

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User Beitrag

nörtz

User und News-Scout

Postings: 18040

Registriert seit 13.06.2013

2025-09-10 07:34:20 Uhr
Ah, wusste ich gar nicht. Vielleicht besuche ich ihn mal mit dem Rad.

Kontermutter

Plattentests.de-Mitarbeiter (Gerrit Phil Abel)

Postings: 774

Registriert seit 04.03.2023

2025-09-09 22:12:25 Uhr
Da wohnt er. Also, so ein Dorf da drumherum.

Loketrourak

Postings: 3821

Registriert seit 26.06.2013

2025-09-09 22:11:43 Uhr
Es sind Titel, die gerne Beitrag einer Debatte wären. Doch selbiger Disput schaut bloß kurz verwirrt drein, schüttelt sich und geht ohne Kunzes Beitrag weiter.

haha, sehr schön!

nörtz

User und News-Scout

Postings: 18040

Registriert seit 13.06.2013

2025-09-09 22:09:51 Uhr
Was hat es mit der Hannover-Referenz auf sich?

Kontermutter

Plattentests.de-Mitarbeiter (Gerrit Phil Abel)

Postings: 774

Registriert seit 04.03.2023

2025-09-09 21:37:41 Uhr
Dann muss sich der Herr Kunze halt auch einmal ein bisschen daran anpassen, dass er hier nur alle 10 Jahre Thema ist. Kann ja auch nicht so schwer sein.
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