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Chameleons - Arctic moon

Chameleons- Arctic moon

Metropolis
VÖ: 12.09.2025

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Auf Messers Schneide

Wer haupt- oder nebenberuflich damit befasst ist, Musik, Literatur oder andere Kunstformen in Form von Rezensionen zu bewerten, der (oder die) kennt einen bestimmten Zwiespalt: Dieser zeigt sich immer dann, wenn man über Künstler*innen schreibt, die man sehr schätzt oder deren Gesamtwerk man richtig gut kennt. Auf der einen Seite ist das natürlich vorteilhaft – denn so kann man den aktuellen Tonträger oder das zu rezensierende Buch in den Kanon einordnen und eine einigermaßen gereifte und auch glaubhafte, ja evidenzbasierte Wertung abgeben. Auf der anderen Seite gibt es da aber auch systemimmanente Herausforderungen: Mal fehlt die kritische Distanz und man neigt zur Verklärung – oder aber es zeigt sich das Phänomen der enttäuschten Liebe: Wie jetzt, die waren doch immer so toll, warum müssen die denn jetzt so ein maues Album abliefern? Diese kleine feuilletonistisch-pfeiferauchende Betrachtung sei vorausgeschickt, denn sie soll verständlich machen, welche widerstrebenden Stimmungen sich in dem Schreiber dieser Zeilen und Absätze so die Klinke in die Hand gaben, als er das neue Chameleons-Album hörte. Denn eines ist gesetzt: Die Chameleons gelten bis heute verdientermaßen (trotz des nie so richtig dagewesenen kommerziellen Erfolgs) als eine der relevantesten Post-Punk-Bands schlechthin. Von Interpol bis zu Editors, von Jarvis Cocker bis zu The Verve, von den Charlatans bis zu den Smashing Pumpkins: Sie alle zählen die Chameleons zu ihren erklärten Referenzen und Inspirationen. Das ist Erbe und Verpflichtung zugleich. Kann man das auch noch Jahrzehnte später irgendwie am Leben halten? Hm.

Ausgerechnet der Opener ist entsetzlich schwach. Auch nach zigmaligen Reinhören bleibt der Eindruck: Bereits im Intro verstolpert der Drummer seinen Einsatz schändlich – und er kommt leider auch im weiteren Verlauf des Stücks nicht so richtig auf Trab, die Band spielt ungefähr so energetisch wie ein abgenudelter Ford-Fiesta-Motor, der nur noch auf drei Pötten läuft und bei dem der Zahnriemen kurz vorm Reißen ist. Viel schlimmer ist aber, dass "Where are you" auch ohne jedwede kompositorische Raffinesse auskommt, sondern gefährlich in die Nähe des Genres Schweinerock rückt. Sowas dachte man zwar seinerzeit kurz auch bei "Mad Jack", dem Opener des Albums "Strange times", aber ebenda gelang es der Band nach den ersten allzu simplen Riffs dann doch die geschätzten, sehnsuchtsvollen Chameleons-Stimmungen zu evozieren. Hier indes geht das ordentlich daneben, noch dazu ist "Where are you" mit mehr als fünf Minuten Spielzeit schlicht zu lang: Der Song gestattet sich gegen Ende zwar noch ein paar neue Changes, trotzdem hätte man das alles auch locker in der halben Zeit erzählen können.

Dankenswerterweise kommen nach diesem vergeigten Einstieg gleich zwei starke Nummern: "Lady strange" erinnert im Intro an das elegische "Tears" (ebenfalls auf "Strange times" zu hören), zeigt sich aber deutlich abwechslungsreicher, indem sich Refrains im 7/8-Takt mit kompakten, fast schon Nada-Surf-artigen Strophen-Arrangements mischen. Und in "Feels like the end of the world" kommen dann erstmals hart nostalgische Gefühle auf, denn die Chameleons ziehen endlich mal wieder die Trumpfkarte, mit der sie zu ihren besten Zeiten jedes Turnier gewannen: die komplette Neuerfindung oder Weiterentwicklung eines Songs in seiner zweiten Spielzeithälfte. Ob "Second skin" oder "Monkeyland", ob "View from a hill" oder "Swamp thing": Diese unnachahmliche zweite Erzählebene oder auch Coda, die sich ab der Songmitte plötzlich ganz neu auftut, hat wohl kaum eine andere Band so raffiniert und emotional packend ausgestaltet wie die Chameleons. Das gelingt auch hier und heute vortrefflich, denn ab der vierten Minute schweigen die Drums, die Gitarren perlen aufs Wunderbarste – und "the Artist formerly known as Mark Burgess" (er hat sich umbenannt in "Vox") spricht dazu wie ein Wanderprediger. Zwar fragt man sich angesichts dieses unerwartet eintretenden Melancholie- und Vergangenheits-Flashs, ob man hier womöglich einem uralten Trick auf den Leim gegangen ist, aber verwirft diese Zweifel lieber und genießt.

Der Rest ist dann schnell erzählt. Es folgen drei sehr mediokre Nummern, die auch beim wiederholten Hören nicht verfangen wollen – und ganz am Schluss kommt wiederum mit "Saviours are a dangerous thing" ein echter Riesentrack und lupenreiner Grower um die Ecke. Elektrisierendes Intro, in allen Herbstfarben flirrende Gitarren, unglaublich tightes Zusammenspiel aller Beteiligten. Wäre "Arctic moon" ein Livekonzert, dann würde man sich als Zuschauer*in jetzt langsam entspannen, das nächste Bier ordern und die Gewissheit spüren, dass die Band jetzt zueinander gefunden hat. Der Drummer spielt treibend und sauber, alles ist genau am richtigen Fleck, jetzt macht dieses Album richtig Spaß. Leider ist es aber nun auch zu Ende.

(Jochen Reinecke)

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Highlights

  • Lady strange
  • Feels like the end of the world
  • Saviours are a dangerous thing

Tracklist

  1. Where are you
  2. Lady strange
  3. Feels like the end of the world
  4. Free me
  5. Magnolia
  6. David Bowie takes my hand
  7. Saviours are a dangerous thing

Gesamtspielzeit: 43:07 min.

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User Beitrag

carpi

Postings: 1984

Registriert seit 26.06.2013

2025-09-21 19:25:56 Uhr
Mir gefallen die letzten drei Songs etwas besser als Tracks 1-4, wobei der zweite Teil von Feels like the end of the world ab ca.4,00 sehr schön ist. Magnolia und der Schlusstrack machen das schon zu einer ordentlichen 7. Lady Strange ist ganz nett, Begeisterung kommt da aber bei mir nicht auf.
Live im Frankfurter "Das Bett" mit White Rose Transmission wäre sicher eine Reise wert, auch wenn es zeitlich wahrscheinlich nicht reinpasst. Vor zwei Jahren in Strasbourg hat mir das sehr gut gefallen.

MickHead

Postings: 14413

Registriert seit 21.01.2024

2025-09-20 11:12:42 Uhr
Laut.de 4/5

https://laut.de/Chameleons/Alben/Arctic-Moon-125843

oldschool

Postings: 1255

Registriert seit 27.04.2015

2025-09-17 09:29:55 Uhr
@bunte Kuh: in diesem Sinne ist das bei dir ne WinWIn-Situation.

Bei mir eher LooseLoose-Situation. Leider.
Natürlich habe ich erwartet, dass sich auch beim Neuen Album etwas wie ein Chameleons feeling einstellt. Tat es aber nur bei 2 songs.

Hätte ich die schönen Harmonien auch entdeckt, wäre es mir dennoch egal gewesen, dass das Album kein typisches Chameleons Album ist. Aber songs wie Free me, David Bowie takes....und auch zuweilen Magnolia finde ich schnarchnasig, langweilig, zu ausufernd und nur mittelprächtig.
Das Album funktioniert bei mir also weder auf der einen, noch auf der anderen Ebene

BunteKuh

Postings: 712

Registriert seit 17.07.2022

2025-09-16 16:49:35 Uhr
Ich habe jetzt auch ein wenig in die älteren Alben reingehört und Stelle fest, dass es damit eigentlich eher wenig zu tun hat. Es ist kein Post-Punk Album.

Ich finde es trotzdem unglaublich schön und es ist mir eigentlich egal ob die Band The Chamäleons oder xy heißt. Es hat wirklich schöne Harmonien und die Songs sind auch dramaturgisch gut gelungen.
Wer aber seine Erwartungen an älteren Alben verknüpft, wird wohl enttäuscht werden.

Ich habe es bisher recht gerne gehört

Talibunny2

Postings: 928

Registriert seit 28.07.2025

2025-09-16 14:53:26 Uhr
Ich für meinen Teil habe weder erwartet, noch erhofft, dass Sie an die Meisterwerke der 80er anknüpfen.
Aber ein sehr gutes Album, welches nach den Chameleons klingt (und klar, da sind Reminiszenzen an die frühen Alben erwünscht) und ähnlich gut bei mir ankommt.
Aber mein Empfinden ist da leider! im lauwarmen Bereich.
Zum kompletten Thread

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