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Prolapse - I wonder when they're going to destroy your face

Prolapse- I wonder when they're going to destroy your face

Tapete / Indigo
VÖ: 29.08.2025

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Jetzt gibt's was hintendrauf

Das Leben einer Plattentests.de-Schreibkraft könnte so einfach sein! Man würde einfach schreiben: "Liebe Leserschaft, werft doch bitte einen Blick in die Referenzen – und wenn da nur drei Bands dabei sind, die Ihr richtig mögt, dann rennt in Gottes Namen los und besorgt euch den neuen Prolapse-Tonträger! Aber sowas von pronto und avanti!" Doch leider geht das nicht: Wer dergestalt sträflich handelt, wird üblicherweise zum Einzelgespräch mit Selbstanklage gebeten, vielleicht sogar abgemahnt und mit einem Eintrag in der Personalakte gedemütigt. Und – nicht zu vergessen – mit einem Fünf-Minuten-Terrinen-Bann belegt. Daher jetzt doch nochmal etwas ausführlicher.

Es gibt Musiker und Produzenten, deren Werk so eigenständig und unnachahmlich ist, dass sie als nicht ersetzbar gelten. Zum Beispiel Mark E. Smith von The Fall und Steve Albini (unter anderem Shellac und Big Black). Beide weilen nicht mehr unter uns – und kaum jemand würde sich anmaßen wollen, hier musikalisch die Nachfolgerschaft anzutreten. Die gute Nachricht: Prolapse könnte man das ohne Wimpernzucken zugestehen. Die Band mit dem etwas unappetitlichen Namen (wer nicht weiß, was ein Prolaps ist, der befrage eine Gynäkologin oder einen Proktologen seines Vertrauens, vom Bildgoogeln wird abgeraten) bringt nämlich so einiges zusammen, was man nach dem Ableben der genannten Musiker ziemlich übel vermisst: Da wäre die enorme Lust an der stumpfen Repetition, der überwiegend motzig-mäkelige Sprechgesang von Mick Derrick und Linda Steelyards, da gibt es aber auch höchst sperrige und laute Gitarrenwände – und live dreht die ganze Band nochmal gehörig mehr am Rad als eh schon im Studio. Eine ganze Weile schon, denn ursprünglich gegründet haben sich Prolapse im Jahr 1992.

Der Opener "The fall of cashline" macht die Stoßrichtung unmissverständlich klar: mit einem nachgerade bretthart-stumpfen The-Fall-Riff, das immer und immer wiederholt wird, mit bauchig-tiefem Bass und stolpernden Drums, wozu Derrick eine ebenso übellaunige wie wortreiche Sprechgesang-Litanei im allerfeinsten East-Midlands-Dialekt raushaut. Das ist wütend, das ist voll böser Energie, das schallert schon mal gut rein. Auch die beiden nächsten Stücke schlagen in diese Kerbe, aber mit etwas anderem Einfallswinkel: "Cha cha cha 2000" kommt mit Beat-artiger Strophe und kurz-schmerzlosen Stakkato-Refrains – das klingt ziemlich genau so, wie man sich eine mordsmäßig schlechtgelaunte Variante der B-52's vorstellen würde. "Err on the side" wiederum ergießt einen sinistren und schwermütig-metallischen Mahlstrom in den Hörraum, der in seiner Konsequentheit stark an Swans erinnert. Und dann wird plötzlich alles nochmal ganz anders.

"Ghost in the chair" setzt nach den ersten drei Stücken die Antäuschung eines Verschnaufpunkts (und klingt nebenher wie Sonic Youth zu ihren allerstärksten Zeiten): Finstere Drones, immer wieder aufschimmernde Beckenwirbel, verhallte Gitarren – das hier beginnt wie eine Klangmeditation, in die man sich nach dem aufreibend-energetischen Start allzugerne fallen lassen würde. Interessanterweise ist hier auch ein ganz anderes Sounddesign zu hören: Während zuvor alles ziemlich raubauzig und quasi in Mono aus den Lautsprechern kachelte, öffnen sich plötzlich sphärische Weiten und Tiefen. Und als man sich gerade in Sicherheit wiegt, kommt da wieder diese merkwürdig-irrlichternde Stimme von Mick Derrick, der alsbald in ein Zwiegespräch mit Linda Steelyards geht. Ein Zwiegespräch, das man aber nicht so wirklich inhaltlich versteht, weil es eher einem Stream of Unconciousness gleicht. Mantra-artig wird wiederholt: "Ghost in the chair. What you gonna do?" Das hat eine unfassbar bedrohliche Sogwirkung, je länger man dem Stück zuhört, desto abgedrehter wird es – und am Ende fühlt man sich, als liege man geknebelt und gefesselt im Kofferraum eines alten Buick, in dem man von einem verrücktgewordenen Ehepaar durch nächtliche Weiten Amerikas gefahren wird. Spooky as hell, das würde bestens in einem David-Lynch-Film als Untermalung reüssieren.

Die folgenden Stücke gehen dann den eingeschlagenen Weg langsam wieder zurück: Manchmal ("On the quarter days") wird sogar kurz mal zweistimmig gesungen (!) und man denkt wehmütig an The Falls "Pacifying joint" zurück, dessen markiges Gitarrenriff hier offenbar Pate stand. Richtig laut und übel wird's im chaotischen "Jackdaw": Hier wird ein ungeheures Getöse veranstaltet, gegen das Melvins wie ZDF-Fernsehgarten wirken, bei dem der Drummer es aber auf numinose Weise dann doch immer im letzten Moment schafft, die herunterfallenden Scherben aufzusammeln und die Band zusammenzuhalten, bevor der ganze Kladderadatsch auseinanderbricht. Und ganz am Schluss, bei "A forever" wird's sogar ein wenig besinnlich: Linda Steelyards flüstert einem ganz nah ins Ohr – das könnte eigentlich richtig heiß, richtig erotisch sein, aber so ganz sicher ist man sich bis zum Schluss nicht, ob sie einem vielleicht doch noch das Ohr abbeißt. Und vielleicht ist das auch das Besondere an Prolapse: Man weiß eigentlich nie, was einen erwartet. Manches fängt gutgelaunt an und kippt dann ins Bedrohliche, anderes kommt zuerst sinister und nihilistisch daher und wird dann durch ein dahergerotztes "Bollocks!" ganz am Schluss wieder ins Lächerliche gezogen. Fest steht, dass dieses beeindruckende Werk eine knappe Dreiviertelstunde ohne eine Sekunde Langeweile bietet.

(Jochen Reinecke)

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Highlights

  • Cha cha cha 2000
  • Err on the side of dead
  • Ghost in the chair
  • Ectoplasm

Tracklist

  1. The fall of cashline
  2. Cha cha cha 2000
  3. Err on the side of dead
  4. Ghost in the chair
  5. On the quarter days
  6. Cacophany No. C
  7. Jackdaw
  8. Ectoplasm united
  9. A forever

Gesamtspielzeit: 43:45 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Hierkannmanparken

Postings: 2988

Registriert seit 22.10.2021

2025-09-08 18:38:47 Uhr
The Fall of Cashline höre ich in Dauerschleife. Ich liebe Lieder, bei denen ich nicht still sitzen bleiben kann.

Freue mich schon auf die Tour-Termine in D, gerne mit Wedding Present! :D

Danke für die Rezi! Ja, beim Googeln achte ich auch besonders auf Präzision. "Prolapse BAND! MUSIC!"

Und krass, dass es scheinbar das erste Album seit den 90ern ist.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 30393

Registriert seit 08.01.2012

2025-09-08 17:39:58 Uhr
Ach Ihr findet die richtige schon. :-)

Immermusik

Postings: 1816

Registriert seit 04.11.2021

2025-09-08 14:25:57 Uhr
Sehr schöne Rezension. If it‘s mäkelig-motziger-Mahlstrom-Kladderadatsch, than it‘s a Prolapse.
Bollocks!
Danke Jochen.

coco2

Postings: 164

Registriert seit 17.06.2025

2025-09-05 21:00:32 Uhr
@Armin: da ist die falsche Rezi verlinkt;)

Schon ein starkes Album, mir aber manchmal etwas zu "gewollt dissonant", falls es so etwas gibt. 8/10 aber auf jeden Fall.

Jochen Reinecke

Postings: 111

Registriert seit 22.12.2023

2025-09-05 19:47:46 Uhr
Hier noch ein paar Rezis:

https://thequietus.com/quietus-reviews/prolapse-i-wonder-when-theyre-going-to-destroy-your-face-review (Ohne Wertung)

http://www.apessimistisneverdisappointed.com/2025/08/by-stan-cierlitsky-who-saw-this-coming.html (Ohne Wertung)

https://louderthanwar.com/prolapse-i-wonder-when-theyre-going-to-destroy-your-face-album-review/ (Album der Woche)

https://www.normanrecords.com/records/209874-prolapse-i-wonder-when-theyre-going/reviews (Album der Woche)

https://www.silentradio.co.uk/08/12/album-review-prolapse-i-wonder-when-theyre-going-to-destroy-your-face/ (Ohne Wertung)
Zum kompletten Thread

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