Tom Odell - A wonderful life
UROK / Virgin
VÖ: 05.09.2025
Unsere Bewertung: 8/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
Odell sei der Mensch, hilfreich und gut
"'A wonderful life' entstand teilweise als Reaktion auf die Nachrichtenflut und das Gefühl, dass fast jede Woche die Welt in irgendeiner Form untergeht – was sie für manche Menschen auch tut." So lässt sich Tom Odell in der Pressemitteilung zu seinem neuen Album zitieren. Das klingt nach Marketinggewäsch – und nach einem zweischneidigen Schwert, denn einerseits können wir alle ein wenig Wohlgefühl dringend brauchen, andererseits besteht da aber auch stets die Gefahr, die handfesten Erosionen von Welt und Gesellschaft und die allüberall herrschenden Probleme mit allzuviel Schmalz zuzukleistern. Glücklicherweise gelingt Tom Odell dieser wackelige Spaziergang auf dem schmalen Grat zwischen echter Schönheit und mariniertem Kitsch nachgerade meisterhaft. Dass er sich nach dem Tophit und Tränenzieher "Another love" nicht als One-Trick-Pony erwiesen hat, wurde bereits unter Beweis gestellt. Wie gut dieser noch junge Musiker aber weiterhin altert und reift – das war nicht zwingend zu erwarten.
Und so gönnt er sich – und uns – den Luxus einer im besten Sinne handgemachten Produktion. Anstatt sich von stromlinienförmigen Consultants zu einer risikolosen und glattgebügelten Songsammlung raten zu lassen, setzte Tom Odell auf Manufakturarbeit: Sämtliche Songs wurden live on tape eingespielt, also ohne unnötige Overdubs oder tontechnische Feinkorrekturen. Und das hört man, oh boy! Hier gibt es ungeachtet des sehr guten Sounds die eine oder andere Ecke und Kante. Kleine Malheurs wie das Schnarren nicht richtig heruntergedrückter Gitarrensaiten wurden nicht in minimalinvasiver Arbeit am Mischpult entfernt, auch ist die Produktion meilenweit entfernt von einem hart gemasterten Einheitsbrei. Hier gibt es jede Menge Dynamik und Entwicklung in den Songs – gleich spürbar im traumschönen Opener "Don't let me go": Das Stück kommt im wiegenden 6/8-Takt und wagt sich vom ersterbend-leisen Gesang bis hin zur wuchtigen Koloratur – oder auch vom zarten Geplänkel bis hin zur waschechten Hymne.
Mehr als einmal muss man an Radiohead denken, denn Odell kann nicht nur das melancholische Tremolo-Timbre, das ihn berühmt gemacht hat. In Stücken wie "Can we just go home now?" oder "Ugly" klingt es fast wie Thom Yorke on fire. Gerade "Ugly" hört sich an, als habe man das Beste aus "Last flowers" und "Karma police" zu einem funkelnden Krafttrunk destilliert. "Why do I always want the thing that I can't have?" wiederum zeigt exemplarisch, dass Melancholie und Weltschmerz elegant vertont werden können; hier wird die Tränendrüse nicht mit dem dicken Daumen niedergedrückt, sondern bestenfalls zärtlich massiert. Und "Prayer" atmet den Geist der Beatles zu besten Zeiten – so klang es damals, wenn Lennon und McCartney symbiotisch miteinander musizierten und sangen.
Richtig danebengegangen ist kein einziger Song. Selbst die etwas schwächeren Tracks ("Wonderful life") bewegen sich immer noch auf einem Niveau, für das sich manch ein anderer Musiker erheblich anstrengen müsste. Und noch einmal: Es ist nicht zuletzt die klare, transparente und am Livekonzert-Gefühl orientierte Produktion, die hier eine gewichtige Rolle spielt. Man merkt es einfach, wenn Musiker gemeinsam spielen, interagieren, aufeinander hören – und nicht nacheinander zu unterschiedlichen Zeiten oder an unterschiedlichen Orten ihre Tracks einspielen, auf dass sie später irgendwann im Studio mal schnell zusammengebastelt werden. Das hier ist Musik mit Herz und Hand, mit Anstand und Attitüde – schlicht und einfach eine unglaublich saubere Arbeit, die noch lange nach dem Hören nachhallt. Das freut uns nicht nur aus ganz egoistischen Motiven (denn dieses Album ist ein Dauerbrenner), sondern auch für Odell: Mit diesen Songs im Gepäck wird sich die folgende Mammut-Tournee im Handstreich bestreiten lassen.
Highlights
- Don't let me go
- Can we just go home now?
- Ugly
- The end of suffering
Tracklist
- Don't let me go
- Don't cry, put your head on my shoulder
- Prayer
- Can we just go home now
- Why do I always want the thing that I can't have
- Wonderful life
- Ugly
- Strange house
- Can older lovers just be friends?
- The end of suffering
Gesamtspielzeit: 38:42 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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swallow Postings: 19 Registriert seit 29.10.2020 |
2025-09-05 15:30:47 Uhr
Starkes Album - musste wirklich bei einigen Songs an Radiohead denken. Die Rezi von Jochen Reinecke ist brilliant und ich gehe da voll mit. Die Produktion wirkt gerade durch die Reduzierung sehr lebendig und kraftvoll. Dieses Album lässt einen nicht los. |
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MickHead Postings: 11489 Registriert seit 21.01.2024 |
2025-09-05 11:56:28 Uhr
Komplette Playlist bei YouTube:https://www.youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_k2SopLZdGt5XtKQWgwuRrfRwEvdibxeCk MusikBlog https://www.musikblog.de/2025/09/tom-odell-a-wonderful-life/ |
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Armin Plattentests.de-Chef Postings: 30605 Registriert seit 08.01.2012 |
2025-09-01 21:11:29 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. Meinungen? |
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Obrac Postings: 2864 Registriert seit 13.06.2013 |
2025-08-20 22:02:47 Uhr
So überraschend finde ich es gar nicht. Die letzte war auch stark. |
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Jochen Reinecke Postings: 112 Registriert seit 22.12.2023 |
2025-08-20 19:40:20 Uhr
Ich sag's mal so, nach vier Durchläufen: Das Album ist überraschend gut. |
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Referenzen
Thom Yorke; Radiohead; The Go-Betweens; Randy Newman; The Beatles; John Lennon; Paul McCartney; Ben Folds; Ben Folds Five; Brandon Flowers; Keane; Coldplay; OneRepublic; Seafret; Elton John; Billy Joel; Ed Harcourt; Fyfe Dangerfield; Guillemots; The Killers; Bastille; John Newman; Hozier; James Morrison; Tom Gregory; James Arthur; Jamie Cullum; Paolo Nutini; SYML; Sam Smith; Adele; Birdy; Regina Spektor; Tori Amos; Jake Bugg; Luke Roberts; Passenger; James Blunt; Dean Lewis; Lewis Capaldi; Roo Panes; George Ezra; Vance Joy; Ben Howard; Tom Walker; L.A. Salami; Milky Chance; Alt-J; Cold Specks; Daughter; Angel Olsen
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