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La Dispute - No one was driving the car

La Dispute- No one was driving the car

Epitaph / Indigo
VÖ: 05.09.2025

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Auf Autopilot

Und es schlägt doch. Am Ende von "Autofiction detail" sind alle Instrumente verstummt, allein die Stimme von Jordan Dreyer ist zu hören. Er schreit nicht, sondern klingt abgekämpft, die Worte fast beiläufig: "The snarling teeth / The face of God / A light above / A beating heart / And us the blood / In all of us / A beating heart." Dann ein Seufzer. Schluss. La Dispute haben sechs Jahre nach "Panorama" ein neues Album vorgelegt. Es trägt den Titel "No one was driving the car" und ist eine Tortur. Aber was für eine. Beglückend. Hardcore mit deepen Lyrics, die schwer im Magen liegen und lange nachhallen, das machen ja auch andere und haben andere schon vorher gemacht. Die Pioniere von Modern Life Is War etwa, die gerade nach jahrelanger Fast-Abstinenz eine durchaus überraschende neue Platte rausbringen. La Dispute sind besonders, weil sich hier mäandernde Spoken-Word-Poesie und Hardcore-Härte so wunderbar und unnachahmlich vermengen, eine Einheit bilden, einander bedingen. Das ist im Ergebnis oft sperrig und ergreifend zugleich, meilenweit entfernt von den Konventionen des Genres.

Natürlich ist auch "No one was driving the car" wieder ein Konzeptalbum. Vor allem Paul Schraders Psycho-Thriller "First performed", der von einem früheren Priester (gespielt von Ethan Hawke) handelt, welcher am Glauben wie am Leben zweifelt und verzweifelt, diente dem Vernehmen nach als Quelle der Inspiration. Motive und Themen des Films verquickt die Band aus Michigan mit Episodischem, Biografischem, zudem sind in die Sound- und Wortkaskaden immer wieder Mono- wie Dialoge im Stil von Tonbandaufnahmen eingeflochten. Formal ist "No one was driving the car" dabei unterteilt in fünf Akte, die zum allergrößten Teil bereits nach und nach veröffentlicht wurden. "Autofiction detail" beschließt den ersten Akt, der mit "I shaved my head" stark eröffnet wird, bevor "Man with hands and ankles bound" zum Schlag in die Magengrube ansetzt. Klickende Percussions, dazu Dreyer, der Satz um Satz förmlich ausspuckt. Der Bass setzt ein, nicht weich und warm, sondern rau, dunkel. Gitarren wie Messer. Der zweite Akt besteht dann lediglich aus "Enviromental catastrophe film", wobei dieses fast neunminütige Ungetüm auch den Stoff für drei weitere Songs hergegeben hätte. Die Endzeitstimmung klingt hier schon im Titel an, der Katastrophenfilm bildet aber auch die Folie, vor der sich persönliche Tragödien und Kämpfe abspielen.

Dann wieder fünf Songs, die zusammen Akt drei bilden, drei für Akt vier, bleiben noch zwei für den letzten. Und La Dispute denken nicht daran nachzulassen, sondern reihen intensive und atmosphärische Momente aneinander, zeigen sich vielseitig, fordern heraus. Auf die ruhige, von einer Akustikgitarre getragene Ballade "Self-portrait backwards" folgt mit "The field" ein Song, der bedrohlich anschwillt, zum Ende hin das Tempo aber drosselt, und schwere Doom-Riffs krachen hernieder. "Landlord calls the sheriff in" und "Steve" drücken und schieben dann wieder nach vorn, ein Anlauf folgt auf den nächsten, bevor mit "Top-sellers banquet" der nächste Brocken die Acht-Minuten-Grenze überschreitet. Dreyer zieht darin alle Register, entwirft ein surreales Szenario, abgründige Gier, göttliche Entrückung. Dazwischen versteckt sich mit "Siblings fistfight at mom's fiftieth / The un-sound" noch ein eindringlicher Song, der La Dispute von einer vergleichsweise melodiösen Seite zeigt. Es geht um Unzulänglichkeiten und Verfehlungen, um Schuld. Menschliches, Allzumenschliches. Mal wieder. Und doch erscheint das Ende geradezu versöhnlich. "That's life / We love and we rely / On the beauty we can find / To make it through."

Merklich zurückgenommen dann der erhabene Abschluss dieses Albums. "I dreamt of a room with all my friends I could not get in" ist eine geronnene Traumsequenz, Dreyers rhythmische Beschwörungen legen sich über tröpfelnde Gitarren. "Please come back, sweetheart / Please, I need this / Please don't leave / You said, 'You're mine' / You said, 'It's all fine' / Said, 'It's my fault' / I believed it every time every time you said." Die Intensität nimmt zu, wird unerträglich. Schließlich der letzte Akt. Inhaltlich nimmt der Titelsong Bezug auf einen Zeitungsartikel über einen tödlichen Verkehrsunfall, verursacht von einem selbstfahrenden Tesla. La Dispute machen daraus eine atmosphärische Ballade ohne jede Härte, doch Dreyers Stimme bleibt aufs Äußerste gespannt, überschlägt sich. Im daran anschließenden "End times sermon" ist freilich auch diese Anspannung verschwunden. Eine Akustikgitarre, dazu ein Flüstern. "Did we get what we wanted? / Did we get what we deserved?" La Dispute haben sich eine eigene Welt erschaffen, die offenbar noch lange nicht auserzählt ist.

(Markus Huber)

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Highlights

  • Environmental catastrophe film
  • Sibling fistfight at mom's fiftieth / The un-sound
  • Top-sellers banquet
  • I dreamt of a room with all my friends I could not get in
  • No one was driving the car

Tracklist

  1. I shaved my dead
  2. Man with hands and ankles bound
  3. Autofiction detail
  4. Environmental catastrophe film
  5. Self-portrait backwards
  6. The field
  7. Sibling fistfight at mom's fiftieth / The un-sound
  8. Landlord calls the sheriff in
  9. Steve
  10. Top-sellers banquet
  11. Saturation diver
  12. I dreamt of a room with all my friends I could not get in
  13. No one was driving the car
  14. End times sermon

Gesamtspielzeit: 64:32 min.

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User Beitrag

eric

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 2958

Registriert seit 14.06.2013

2026-02-25 08:30:27 Uhr
Meh, Neid. Ich konnte nicht, war in Köln gestern Abend, aus familiären Gründen.

saihttam

Postings: 2926

Registriert seit 15.06.2013

2026-02-25 01:03:46 Uhr
Ich bin auch vorhin aus Mainz heimgekommen und kann dir beipflichten. Sehr gelungener Abend mit viel Energie bei Jordan und der richtigen Mischung im Publikum. Man konnte schön für sich in der Musik versinken, aber bei ein paar Songs auch mal die anderen Körper um sich rum spüren.
Und in die Vorbands werde ich bei Gelegenheit auch mal reinhören. Ich hatte ein wenig Angst, dass sich das ein bisschen zieht mit den beiden Vorbands, aber die Setlängen waren sehr passend. Und auch gut, dass sich ihre Genres ziemlich unterschieden haben und so sich quasi aus zwei entgegengesetzten Richtungen an die Hauptband herangepirscht wurde. Erst Post-Rock/-Metal und dann Emo/Screamo!

doept

Postings: 894

Registriert seit 09.12.2018

2026-02-24 23:05:53 Uhr
Gerade in Mainz gewesen (und hey, endlich mal eine angenehme Zeit für ein Konzert unter der Woche, Schluss war um 22:15), hat viel Spa0 gemacht!
Schöne Setlist, etwa 50% neues Album und 50% ältere Songs, und Jordan Dreyer ist halt ein richtig guter Sänger und auch "Frontmann" in dem Sinne dass er den Abend mit seinen Ansagen gestaltet incl. einer kurzen aber sehr prägnanten politischen/sozialen Ansage.

Dazu ein angenehmes gut durchgemischtes Publikum und auch durchaus hörenswerter Support, hat sich also wirklich gelohnt. Und auch bemerkenswert dass die Band immer noch so viel Zuspruch bekommt (Mainz war nicht ausverkauft, aber sehr gut gefüllt was für einen Dienstag sicher OK ist) obwohl man ja gefühlt recht wenig von ihnen in den Medien mitbekommt.

Wer die Gelegenheit hat sollte sich La Dispute live nicht entgehen lassen!

kiste

Postings: 329

Registriert seit 26.08.2019

2026-02-24 17:35:46 Uhr
Erstaunlich, wie frisch und abwechslungsreich die Band nach all den Jahren noch klingt. Und normalerweise mag ich keine so langen LPs, doch hier kann ich echt nicht aufhören. Hoffentlich schaffe ich es zu einem ihrer Gigs demnächst!

saihttam

Postings: 2926

Registriert seit 15.06.2013

2026-02-02 23:15:44 Uhr
Für Mainz am 24.2. gibts noch Tickets. Hab mir gerade meins gekauft und nehme das Konzert zum Anlass mich mal wieder mehr mit der Band zu beschäftigen. Hab eigentlich nur Wildlife viel gehört. Ja, wegen der Visions! Die anderen Alben eher sporadisch. Aber das Neue geht gerade ziemlich gut rein. Sind ja noch drei Wochen hin. Da kriege ich bestimmt alles noch mal durch vorher.
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