David Byrne - Who is the sky?
Matador / Beggars / Rough Trade
VÖ: 05.09.2025
Unsere Bewertung: 4/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
Alter schützt vor Torheit nicht
Kann und will man jemandem, der maßgeblich an einer satt zweistelligen Zahl von Alben beteiligt war – solo, mit Talking Heads und auch mit Exkursen in Richtung Filmmusik – ernsthaft noch am Zeug flicken? David Byrne ist insofern bereits deutlich über den Zenit hinaus und muss nun wirklich niemandem mehr etwas beweisen. Das Promo-Material zu "Who is the sky?" unterstreicht das, indem Byrne zitiert wird: "In meinem Alter – zumindest ist es bei mir so – da setzt diese 'Don't give a shit about what people think'-Einstellung ein. Ich kann aus meiner Komfortzone treten mit dem Wissen, wer ich bin und was ich tue." Das freut uns natürlich für ihn, andererseits macht er das alles ja nicht im stillen Kämmerlein, sondern vielmehr öffentlich mit gewolltem Einfluss auf die Komfortzone der geneigten Hörerschaft. Darüber hinaus auch mit reichlich Personaleinsatz: So lässt er sich auf seinem neuen Album vom Ghost Train Orchestra unterstützen, einer mehr als zehn Personen starken Truppe, die irgendwo an der Schnittstelle von Jazz, Soul, Blues und Avantgarde operiert. Die berechtigte Hoffnung eines solchen Unterfangens: Vielleicht kann man so neue Wege beschreiten und neue Zielgruppen erreichen. Das, lieber David Byrne, gelingt aber leider nur so halb.
Die zwölf Stücke des Albums folgen einer zwar häufig verwendeten, aber meist auch zum Scheitern verurteilten Dramaturgie: Das Beste kommt am Anfang, danach wird's medioker bis ärgerlich. Der Opener macht noch richtig gut Laune, das ist schmissige Musik mit Bläsern und Streichern, gut dosierten Background Vocals und echtem Hochsommergefühl. Ja, das ist der Soundtrack für Menschen, die in ihrer Jugend wilde Buben und Mädels waren, intensiv gelebt und reichlich Unsinn getrieben haben, später aber dann doch Karriere machten und heute an den Schaltstellen von Wirtschaft und Gesellschaft sitzen. Ist ja auch nicht schlimm: "Everybody laughs" dürfte die Gartenpartys von Zahnärzten, Kreativdirektorinnen und "Senior Consultants" ordentlich auf Trab bringen, während Aperol Spritz grellorange im Glase leuchtet, Stilettos beim Tanze über Terracotta-Terassen schaben und die Eiswürfel im Old Fashioned der zuschauenden Nichttänzer verheißungsvoll klackern. Auf diesem Qualitätsniveau geht es auch noch drei Stücke lang weiter; die Mischung aus allerlei klassischen Instrumenten (man hört sogar mal Klarinette und Fagott), Gitarre, Bass, Drums und hier und da auch einigen Sequencern und Drumprogrammings sorgt für Abwechslung. Auch kompositorisch erfreuen ungeahnte Akkordwechsel, klug gesetzte Pausen und liebevoll gemachte Vokal-Arrangements.
Ab "What is the reason?" kippt die Sache dann. Zwar ist hier noch auf der Habenseite eine ganz pfiffige Mariachi-Seligkeit zu verbuchen, doch Byrnes Stimme und auch die Art der Phrasierung und Intonation fangen langsam richtig hart an zu nerven. Nun schied sein Organ schon immer die Geister; entweder man liebt oder man hasst dieses bewusst komprimierte, glattgebügelte Powercrooning nach Art einer gesanglichen Interpretation der virtuellen Figur Max Headroom. Schwierig wird es allerdings, wenn der Protagonist sich über längere Abschnitte in überkomplexen Arrangements oder schlicht und einfach altersbedingt bezüglich der noch erreichbaren Tonhöhe verhebt.
Ein weiteres Problem: Hier gibt es – anders als zu besten Talking-Heads-Zeiten – auch textlich nur noch wenig doppelten Boden, Selbstironie oder gar Raffinesse: "The avant garde" will Avantgarde karikieren, entlarvt diesen Ansatz aber durch bewusst "schräge" Instrumentierung leider selbst. Ebenso auch "Moisturizing thing", ein Stück, das im Grunde einfach nur einen schlechten und fürchterlich vorhersehbaren Herrenwitz instrumentiert. Wenn Byrne dann "I'm an outsider" singt, wird es wirklich bescheuert: Eine solche Textzeile verbittet sich für jemanden, der mit seiner Musik Multimillionär (wir gönnen es ihm ja!) geworden ist. Einzig und allein der Schlusstrack "The truth" reißt einen nochmal kurz hoch, weil er mit seinen Balkan-Beats und der glaubhaften Party-Atmosphäre wieder ein Stück weit zu der euphorischen Stimmung des Openers zurückführt. Und um ebenfalls nochmal zum Beginn dieser Rezi zurückzukehren: Der gute Mann ist 73 Jahre alt. Und wir würdigen es ausdrücklich, dass er nicht wie manch ein Zunftkollege nur noch Aktien und Fonds in seinem Depot verschiebt, sondern immer noch die Mühen der Musiziererei und Studioarbeit auf sich nimmt. Aber ob die Welt auf diesen Tonträger wirklich gewartet hat?
Highlights
- Everybody laughs
- A door called No
- The truth
Tracklist
- Everybody laughs
- When we are singing
- My apartment is my friend
- A door called No
- What is the reason for it?
- I met the Buddha at a downtown party
- Don't be like that
- The avant garde
- Moisturizing thing
- I'm an outsider
- She explain things to me
- The truth
Gesamtspielzeit: 37:34 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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MickHead Postings: 14413 Registriert seit 21.01.2024 |
2026-04-29 21:34:19 Uhr
David Byrne hat „¿Cuál Es La Razón?“ veröffentlicht, eine Neuinterpretation seines Songs „What Is The Reason For It?“ aus seinem Album „Who Is The Sky?“ von 2025, in dem die mexikanische Sängerin Natalia Lafourcade mitwirkt.https://youtu.be/IJ6F-_K41U4?si=nXoyIHCDysm76BEE https://davidbyrne.bandcamp.com/album/cu-l-es-la-raz-n |
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Denniso Postings: 49 Registriert seit 19.06.2015 |
2025-12-18 19:41:50 Uhr
Ich habe noch nie so ein Diskrepanz von eigenem Geschmack zu einer pt-Bewertung gehabt wie bei diesem Album. Für mich ist das eine 8/10 und "What is the reason for it?" trotz anfänglicher Zweifel ob des recht einfachen Textes eines meiner liebsten Lieder des Jahres. Ein sehr sonniges Album und vielschichtig instrumentiert. Auch hörenswert der Soundtrack-Beitrag von David und Hayley Williams: "Open the door" https://youtu.be/cWKTTG6IvEU?si=Z0bD5M1keZ7LgCmN |
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afromme Postings: 693 Registriert seit 17.06.2013 |
2025-09-09 22:33:07 Uhr
"Moisturizing thing" handelt, heruntergebrochen, von der These, dass Menschen sehr nach ihrem Äußeren beurteilt (und Jungspunde nicht ernst genommen) werden.Ich weiß nicht, ob es ein wirklich guter Text ist, aber einen "Herrenwitz" erkenne ich da nicht. Ja, so hätte ich den Text auch gelesen. Also... definitiv nichts für den ewigen Pantheon der Byrne-Texte. Weit entfernt davon. Aber Herrenwitz? Genauso weit entfernt. Bin ansonsten leider noch nicht zum ausführlichen Hören gekommen, aber was du schreibst, klingt erwartungsgemäß. |
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afromme Postings: 693 Registriert seit 17.06.2013 |
2025-09-05 19:07:17 Uhr
"Moisturizing thing", ein Stück, das im Grunde einfach nur einen schlechten und fürchterlich vorhersehbaren Herrenwitz instrumentiert. Nachdem ich das Stück gehört habe... ich habe keinerlei Ahnung, was der Rezensent meint. Also... ich habe genau genommen auch keine Ahnung, wovon Byrne da singt. |
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MickHead Postings: 14413 Registriert seit 21.01.2024 |
2025-09-05 12:37:48 Uhr
Komplette Playlist bei YouTube:https://www.youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_nTR8k4-hbGM-emmnXgJ4eOclJ8k7wmou0 Gaesteliste: Platte der Woche https://gaesteliste.de/2025/09/05/review/david-byrne-who-is-the-sky/ Musikexpress 4/6 https://www.musikexpress.de/reviews/david-byrne-who-is-the-sky/ Rolling Stone 3/5 https://www.rollingstone.de/reviews/david-byrne-who-is-the-sky/ |
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Referenzen
Talking Heads; Peter Gabriel; David Bowie; Paul Simon; Dirty Projectors; Brian Eno; TV On The Radio; The Fiery Furnaces; Destroyer; St. Vincent; The Apples In Stereo; Dan Deacon; The Magnetic Fields; Sparks; Ed Harcourt; Andrew Bird; The Divine Comedy; Beck; Roxy Music; John Cale; Laurie Anderson; Björk; Robyn Hitchcock; Bill Laswell; Violent Femmes; Ry Cooder; Nick Cave & The Bad Seeds; Morrissey; Elvis Costello; Lou Reed; Tom Tom Club; XTC; The B-52's; Devo; They Might Be Giants
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