Big Thief - Double infinity
4AD / Beggars / Indigo
VÖ: 05.09.2025
Unsere Bewertung: 8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
Das Große im Kleinen
Für eine Band, die so viel Intimität und familiäre Einheit ausstrahlt, gehen Big Thief seit jeher erstaunlich maximalistisch zu Werke. Dies äußert sich nicht nur in großen existenzialistischen Themen, sondern auch im schieren Umfang ihres Outputs, sei es im 80-minütigen Doppelalbum "Dragon new warm mountain I believe in you" oder dem 2019er-Doppelschlag aus "U.F.O.F." und "Two hands". Auch für ihre sechste Platte haben sie wieder viel Material in mehrwöchigen Neun-Stunden-Sessions erarbeitet – ohne den mittlerweile ausgestiegenen Bassisten Max Oleartchik, dafür mit einer ganzen Riege an Studio-Gästen, darunter New-Age-Koryphäe Laaraji, Singer-Songwriterin Hannah Cohen und Jazz-Drummer Mikel Patrick Avery. Ihre kreativen Synergien konzentriert "Double infinity" in kompakte neun Songs, deren fließende Dichte jedoch wieder den Eindruck vermittelt, als würde sich das ganze Universum in ihnen abspielen. Von Genre-Koordinaten wie Folk, Americana und Indie-Rock gelöst schärfen Big Thief ihre künstlerische Identität im freiförmigen, teils improvisierten Zusammenspiel.
Dass das Trio um Adrianne Lenker diesmal wenig Lust auf reduzierte Lagerfeuer-Balladen hat, beweist gleich der Opener "Incrompehensible". Vielschichtige Percussion treibt den Track vorwärts, während sich Streicher-Andeutungen, torkelnde Saiten und allerlei anderes Wohlklang erzeugendes Geräusch um ihn schlingen. "Words" beginnt zwar mit einer fröhlich geschrummten Akustischen, doch knistert ihr elektrisches Pendant schon im Hintergrund und entlädt sich in herrlichen Anti-Solos, die wie in einem Aquarium aufgenommen klingen. Die größte hypnotische Qualität weist allerdings "No fear" auf, das mit markantem Bass und Tabla-Trommeln einen bewusstseinsverändernden Sog in seinen sieben Minuten entwickelt. "Double infinity" teilt sich mit seinem Vorgänger die Abenteuerlust, den stetigen Drang nach draußen, äußert dies aber nicht in wilden stilistischen Ausflügen, sondern in jazzigen Arrangements und an jeder Ecke wuchernden instrumentalen wie rhythmischen Spielereien.
Und doch stehen im Herzen von Big Thiefs Musik weiterhin die unendlich schönen Melodien und aus jedem Ton tropfenden Emotionen, mit denen sich Lenker längst im Pantheon der großen US-amerikanischen Songwriter*innen etabliert hat. "Los Angeles" ist einer dieser Songs, die einerseits schon 50 Jahre alte Klassiker sein, andererseits aber auch aus keiner anderen Feder stammen könnten. Die hier präsenten Background-Vocals von besagter Hannah Cohen, June McDoom und Alena Spanger heben auch das Piano-geschmückte "All night all day" auf ein höheres Podest, als es ohnehin schon steht. Das famose Titelstück fährt wiederum einen schwereren Groove auf, leitet mit Lenkers Einsatz jedoch auch schnell den Schwebezustand ein. Dem Spannungsfeld von traditionellen Americana-Tugenden und dem Aufbruch festgefahrener Strukturen ringen Lenker, Buck Meek und James Krivchenia noch immer schlicht Magisches ab.
Das gilt auch für das letzte Albumdrittel, eingeleitet von "Grandmother": einer Auseinandersetzung mit generationsübergreifendem Schmerz, die der eingangs erwähnte Laaraji mit seinen entrückten vokalen Dehnübungen bereichert. "Happy with you" entdeckt die heilsame Kraft der Repetition, ehe das mit Streichern behangene "How could I have known" zum Abschluss den Western-Himmel öffnet. "Double infinity" bleibt im Gesamten auf der hellen Seite des Big-Thief-Schaffens, was aber nicht mit Einseitigkeit einhergeht. Im Gegenteil sorgt der neue kollaborative Spirit dafür, dass die Band ihren Sound weiter entfaltet und noch unvorhersehbarer in dem wird, was als nächstes kommt. Sollte Lenker in der Zwischenzeit nicht das Songwriting verlernen, lässt sich zumindest gesichert sagen: Es wird wieder grandios werden. Darunter macht es diese im Kleinen immer nach dem ganz Großen strebende Band ja auch nicht.
Highlights
- Los Angeles
- Double infinity
- No fear
Tracklist
- Incrompehensible
- Words
- Los Angeles
- All night all day
- Double infinity
- No fear
- Grandmother (feat. Laaraji)
- Happy with you
- How could I have known
Gesamtspielzeit: 42:49 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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saihttam Postings: 2937 Registriert seit 15.06.2013 |
2026-04-06 11:25:59 Uhr
Jemand noch ein Köln-Ticket für nächste Woche abzugeben? |
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Lucas mit K Postings: 527 Registriert seit 19.07.2024 |
2026-04-04 14:22:44 Uhr
Sehr sehenswerte Session + Interview. Inklusive neuem, bisher unveröffentlichtem Song „Trade Tomorrow“:https://www.youtube.com/watch?v=quG1UawJOmA |
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Kevin Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion Postings: 1192 Registriert seit 14.05.2013 |
2025-09-13 21:03:35 Uhr
Fand den Vorgänger auch zu unübersichtlich und gemischtwarenmäßig. Die neue ist wesentlich kohärenter. |
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smrr Postings: 450 Registriert seit 02.09.2019 |
2025-09-13 20:47:43 Uhr
Kam nicht auf den Vorgänger klar (aber eigentlich das bessere Album). Opener und das Ding mit Larajii ("Grandmother") sind meine Favoriten. Aber schön zu sehen, dass sich alle hier eigene Highlights raushören. Spricht einfach für 'ne gute Platte. |
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Kevin Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion Postings: 1192 Registriert seit 14.05.2013 |
2025-09-13 15:08:22 Uhr
Ich fühle die Platte. Sicherer Anwärter auf meine Jahrescharts. |
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Referenzen
Adrianne Lenker; Buck Meek; Joni Mitchell; Linda Perhacs; Haley Heynderickx; Faye Webster; Bill Callahan; Fleet Foxes; Daniel Rossen; Grizzly Bear; Van Morrison; Weyes Blood; Feist; Japanese Breakfast; Alice Phoebe Lou; Eleanor Friedberger; Lomelda; Cass McCombs; Bonnie 'Prince' Billy; Lord Huron; Bright Eyes; Alex G; Aldous Harding; Jessica Pratt; Wye Oak; Sharon Van Etten; Julia Jacklin; Wednesday; Hop Along; Indigo De Souza; Angel Olsen; Mitski; Waxahatchee; Mount Eerie; Amen Dunes
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