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Wucan - Axioms

Wucan- Axioms

Long Branch / SPV
VÖ: 29.08.2025

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Der nächste Schritt

Wenn man sich die Billings vieler Rock- und Metal-Festivals ansieht, drängt sich mitunter schon das Gefühl auf, es handele sich um Nostalgie-Shows. Die alten Platzhirsche dominieren seit Jahrzehnten, neue Bands rücken kaum nach oder werden weitestgehend ignoriert. Insofern kann man nur den Hut vor Wucan und ihrer Geschichte ziehen. 2011 schaltete die damalige Studentin Francis Tobolsky eine Anzeige, in der sie nach Mitmusikern suchte. Nach wenigen Auftritten war es ausgerechnet Karl-Uwe Walterbach, in den Achtzigern Chef des legendären Noise-Labels, der die Dresdner unter seine Fittiche nahm. Show für Show, Album für Album festigte die Band ihren Ruf als eine der spannendsten Retro-Rock-Acts der letzten Jahre, begeisterte spätestens mit dem Album "Heretic tongues" von 2022 mit einer höchst eigenwilligen Mischung aus Psychedelic, Hard Rock und Proto-Metal und verbindet gar Kraut- mit Ost-Rock.

Mit "Axioms" sehen sich die Sachsen also tatsächlich erstmals einer gewissen Druck-Situation gegenüber. Gelingt der Sprung vom Geheimtipp zur ganz heißen Nummer? Der Opener "Spectres of fear" pulverisiert diese Frage umgehend, reißt druckvoll mit und beamt direkt in die Siebziger, indem Francis Tobolsky ihre Querflöte über donnernde Gitarren fliegen lässt, ohne in die Jethro-Tull-Folk-Falle zu tappen. Etwas geradliniger, aber nicht weniger mitreißend, folgt "Irons in the fire", sprüht vor Spielfreude und zeigt eine Band, die mittlerweile perfekt aufeinander eingespielt ist. Wäre diese Platte eine Konzert-Setlist, das Publikum wäre spätestens jetzt auf Betriebstemperatur.

"Wicked, sick and twisted" verlässt den geraden Weg ein wenig, indem es um ein funky Gitarrenriff herumtänzelt, blubbernde Lava-Lampen geradezu hörbar macht und trotz ausufernder Jams den Weg zurück in die Spur findet. Das deutschsprachige "Holz auf Holz" greift dann noch tiefer in die Retro-Kiste. Hatten Wucan schon auf "Heretic tongues" die Klaus Renft Combo mit dem Klassiker "Zwischen Liebe und Zorn" gecovert, ist auch dieser Song eine tiefe Verbeugung vor dem in der DDR mehrfach verbotenen Musiker, verbunden mit einer mehr als eindeutigen Botschaft und einer entfesselt-exaltiert singenden Francis Tobolsky, die im Übrigen interessanterweise jegliche sich auf den ersten Eindruck hin aufdrängenden Vergleiche mit Blues Pills und ihrer Frontfrau Elin Larsson weit von sich weist.

Das Beste bewahren sich die Sachsen allerdings in fast schon guter Tradition zu ihren ersten Alben zum Schluss auf. "Fountain of youth" beginnt leise, lässt Tobolsky über eine sacht klimpernde Akustikgitarre singen, baut dann aber in bester Prog-Tradition Schicht um Schicht auf, klingt einmal wie Genesis zu "Trespass"-Zeiten, huldigt der Spielfreude des Krautrock und bleibt dennoch immer schlüssig, immer mitreißend. Es liegt in der Natur der Sache, dass diese Stilmixtur in höchstem Maße eklektisch bleiben muss. Aber die Stilsicherheit, mit der sich die Dresdner aus ihren Einflüssen bedienen, dabei höchst spannend bleiben, ist beeindruckend. Dass der eine ganz große Ohrwurm dabei vermieden wird, eher das Album der Star bleibt, ist für die heutigen Hörgewohnheiten nicht minder ungewöhnlich. Doch "Axioms" ist genau deshalb eine faszinierende, eine großartige Platte – mit der es Wucan gelingt, ein Genre von 50 Jahre altem Staub zu befreien und mit genau diesen vermeintlich alten Stilmitteln zu erneuern. Wenn es irgendeine Gerechtigkeit gibt, sind die Tage der Auftritte in winzigen Rock-Kneipen und Jugendzentren bald gezählt.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Irons in the fire
  • Holz auf Holz
  • Fountain of youth

Tracklist

  1. Spectres of fear
  2. Irons in the fire
  3. Wicked, sick and twisted
  4. KTNSAX
  5. Holz auf Holz
  6. Pipe dreams
  7. Axioms
  8. Fountain of youth

Gesamtspielzeit: 39:22 min.

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User Beitrag

Sneedlewoods

Postings: 910

Registriert seit 07.05.2023

2025-09-10 16:45:16 Uhr
Neulich in der Vergangenheit.
"Ich hab` da eine ganz heiße Band aus der DDR"
"Wie haste die denn rüber geschmuggelt?"
"Oma macht es möglich"
"Lass mal hören"
"Sicher dass die aus Dunkeldeutschland kommen?"
"Hör dir mal Holz auf Holz an"
"Aber alles davor, dass ist doch höchstes westliches Niveau, Disco können die auch"
"Ohne peinlich zu sein oder wie bei Spectres of Fear eine billige Jethro Tull Kopie zu sein"
"Wie heißt die Band? Wucan?. In ca. 50 Jahren werden die garantiert nachträglich als innovativste Band zwischen Apolda und Zwickau gewürdigt"
Was ist das denn für ein Störgeräusch? Der Wecker. Hab` ich nur geträumt. War aber ein schöner Traum. Der in Realität noch besser wird. Wucan leben und zelebrieren die Vergangenheit. Füllen das Vakuum "Retro" mit Ideenreichtum ohne peinlich zu wirken. Auf höchstem Niveau wird in "KTNSAX" den Talking Heads ein Denkmal gesetzt, ist das erwähnte "Holz auf Holz" eine wehmütige Erinnerung an die vielen Bands jenseits des Eisernen Vorhangs die erst spät entdeckt wurden.
"Axioms" ist in der Gesamtheit eine Wundertüte mit positivem Inhalt. Was drin ist, zeigt sich erst in seiner unterschiedlichen Pracht wenn man die vielen Überraschungen Stück für Stück entdeckt.

Hierkannmanparken

Postings: 2680

Registriert seit 22.10.2021

2025-09-07 19:00:28 Uhr
Macht echt Spaß, das Album. Den Gesang finde ich etwas gewöhnungsbedürftig. Er ist handwerklich richtig gut und die Sängerin gibt echt alles, alleine in Holz auf Holz, Hammer. Aaber ich werde trotzdem die Stadtfest-Liveband/Christina Stürmer-Assoziationen nicht ganz los. Ich gebe mir aber Mühe. :D

KTNSAX, Holz auf Holz und Pipe Dreams sind meine Highlights.

Hierkannmanparken

Postings: 2680

Registriert seit 22.10.2021

2025-09-03 11:17:57 Uhr
Die Sängerin erinnert mich stellenweise richtig an Amy Farina (The Evens).

Patch

Postings: 2

Registriert seit 25.02.2022

2025-08-26 12:03:52 Uhr
An dem Tag, an dem es ein Rezensent schafft, ein Review über sie zu schreiben, ohne Jethro Tull zu erwähnen, machen die auch gleich einen ganzen Karton Jägermeister zum Feiern auf... Meine Güte, die klangen vom ersten Album an schon nicht so.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 29665

Registriert seit 08.01.2012

2025-08-24 09:04:13 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?


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