Guedra Guedra - Mutant
Smugglers Way / Domino
VÖ: 29.08.2025
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 3/10
Doch, Weltmusik!
"Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen." So Johann Wolfgang von Goethe in seiner Gedichtsammlung "West-östlicher Divan". Seit deren Veröffentlichung sind mehr als 200 Jahre vergangen, in denen die Welt nochmal deutlich zusammengewachsen ist. Doch der Weg dorthin verlief weitaus weniger harmonisch, als so mancher Utopist sich das erträumt hatte. Nicht nur im nördlichen Teil des afrikanischen Kontinents wird die Formulierung "zusammenwachsen" im genannten Kontext angesichts der Kolonialisierung und ihrer Folgen großteils als eurozentrischer unverschämter Euphemismus bewertet. Sicher auch von Abdellah M. Hassak alias Guedra Guedra. Dessen erklärtes Ziel auf seinem zweiten Album "Mutant": nichts Geringeres als "die Tiefe und Sensibilität nicht-westlicher kultureller Ausdrucksformen zu erfassen" und nicht-westliche Musik zu "entkolonialisieren". Das versucht er nicht allein mit Field Recordings aus Marokko, Tansania und Guinea sowie Samples aus Schallplatten afrikanischer und arabischer Labels. Sondern auch mit einem Instrument, das man gemeinhin mit der westlichen Welt assoziiert: dem Synthesizer.
Der marokkanische Produzent und DJ lädt auf die Tanzfläche, lässt im Opener "Drift of drummer" die Schläge einer Djembé auf rollende Basslines treffen, spielt im loungigen "Paradigm" souverän mit Schnell-langsam-Kontrasten, verbindet Eingängigkeit und Atmosphäre. Samples wie ein Kinderchorus in "Paradigm" setzten unvermittelt ein und verstummen zumeist schnell wieder, wodurch die Tracks unberechenbar bleiben. Erfreulicherweise spiegeln die Samples auch die kulturelle Heterogenität Afrikas wider. Eine Vielfalt, die nicht von allen akzeptiert wird, wie die Regisseurin Jihan El-Tahri weiß. In "Tribes with flags" äußert sie ihr Bedauern und ihre Wut über innerafrikanische Kriege, bleibt dabei aber sehr vage. Viel gewagter: "Four lambs". Schwere Synthies treffen auf verfremdetes Röcheln, ehe eine Mizmar in die Wüste geleitet, die im zweiten Teil von einem englischsprachigen Sample und einem Piano abgelöst wird. Was in Worten anstrengend klingt, funktioniert hervorragend. Spätestens in diesen wunderbar abwechslungsreichen, hypnotisch-verträumten viereinhalb Minuten katapultiert sich Guedra Guedra in die Electronica-Elite.
Unabhängig von seiner Qualität klingt "Mutant" anders als im Promotext beschrieben (Zitat: "Guedra Guedra erinnert uns daran, dass Musik nicht global ist"). Nämlich keineswegs spaltend, weder nach einer Heraufbeschwörung eines Kampfes der Kulturen noch nach einem Einigeln des Globalen Südens gegenüber dem Globalen Norden, weder nach Samuel Huntington noch nach Edward Saïd. Sondern nach einem harmonischen musikalischen Miteinander in einer globalisierten Welt, nach dem Besten aus verschiedenen Kulturkreisen. Nach einem schicken Dancefloor irgendwo zwischen Dubai, Berlin-Friedrichshain und Conakry. Die erklärte Absicht war eine andere, aber "Mutant" beweist, dass Orient, Okzident und Afrika nicht mehr zu trennen sind. So klingt sehr gelungene "Weltmusik" im Jahr 2025.
Highlights
- Drift of drummer
- Paradigm
- Four lambs
Tracklist
- Drift of drummer
- Paradigm
- Renegade
- Calling out
- The arc of three colours
- Tribes with flags
- Ring of fire
- Four lambs
- Z
- Tamayyurt (feat. Foulane Bouhssine)
- Enlightenment
- Aït Crossing (Bonus track)
- Uggug (Bonus track)
Gesamtspielzeit: 47:14 min.
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