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Jehnny Beth - You heartbreaker, you

Jehnny Beth- You heartbreaker, you

Virgin / Fiction
VÖ: 29.08.2025

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Nahe dem wilden Herzen

Jehnny Beth wollte ein Punk-Album machen. Das trifft sich gut, hat sie mit ihrer Band Savages bereits zwei besonders eindrucksvolle Exemplare dieser Gattung in ihrem Lebenslauf stehen. "Punk" bezieht sich bei der Französin, die eigentlich Camille Berthomier heißt, nicht auf starre Genre-Muster, sondern auf die rohe, unbändige Energie, die aus den beiden Savages-Platten ebenso herausölt wie aus Beths Liveauftritten. So schiebt ihr zweites Soloalbum "You heartbreaker, you" den stellenweise verkopften Gestus von "To love is to live" wieder beiseite, um sich auf das unmittelbare Erlebnis des Moments zu fokussieren. Textlich ist zwar wieder einiges los, die Botschaft lässt sich allerdings auch ganz simpel herunterbrechen: Die Welt ist am Arsch, doch müssen wir trotzdem irgendwie vorwärtskommen. Und das geht umso einfacher, wenn ein Werk wie "You heartbreaker, you" das passende Ventil anbietet, um sich jeden Ballast im kollektiven Ausrasten abzuschütteln.

Oder im gepflegten Seele-aus-dem-Leib-Schreien, wie Beth selbst gleich im eröffnenden "Broken rib" demonstriert. Flüsternd und keifend leidet sie sich durch diese dynamische Dampfwalze, die zwischen leiseren Strophen und explodierenden Refrains pendelt. Die musikalische Artikulation von Schmerz gehörte schon immer zum Repertoire dieser Frau, die es mit nur 15 Jahren temporär nach London zog, weil sie in der französischen Provinz ihre Identität nicht wie gewünscht ausleben konnte. "I wear you down and you get unhappy / But I'm alive so I guess / You haven't found a way to kill me yet", formuliert "No good for people" den Widerstand gegen alle Widrigkeiten, während der Song seinen aggressiven Industrial-Beat mit Beruhigungsmitteln in Form von Piano-Anschlägen auffängt. Von solchen Sperenzchen will das ebenfalls ausgekoppelte "High resolution sadness" nichts mehr wissen, drückt mit brutaler Kompromisslosigkeit nach vorne und wälzt sich stellenweise gar im Sludge-Dreck.

In diesem Sinne inhaliert "You heartbreaker, you" wieder mehr den Geist von Savages, auch wenn es weniger auf scharfkantigem Post-Punk als auf Fließbandarbeiten im Nine-Inch-Nails-Stahlwerk fußt. Namhafte Gäste sind ebenfalls abwesend: Rezitierte auf dem Solo-Debüt noch Cillian Murphy eine poetische Erzählung, stammt die einzige andere Stimme hier von Beths Kreativ- und irgendwie auch Lebenspartner Johnny Hostile, der dem klaustrophobisch nach Luft schnappenden "Obsession" die Kehle zuhält, bis der notwendige Ausbruch schließlich doch kommt. Stattdessen ist Beth sich meistens selbst die liebste Duettpartnerin, treibt etwa mit verschiedenen Vocal-Spuren durch das grandiose "Out of my reach", um einem weitflächigen Neunziger-Rock-Refrain den Weg zu ebnen. Eine vergleichbar schwebende Hook fährt auch "Stop me now" auf, das gleichzeitig ein paar New-Metal-Vibes ausstrahlt – wenn man sich eine Festivalbühne mit Korn teilt, mag so manches hängenbleiben.

Es ist wenig überraschend, dass es auf der gerade einmal 28 Minuten langen Platte keinen Platz für eine sanfte Pianoballade wie "French countryside" auf dem Vorgänger gibt. Wenn sich der Closer "I see your pain" eine Minute lang mit Bass und luftig gezupfter Gitarre aufbaut oder "I still believe" immer wieder zu unheilvoll reduzierten Strophen zurückkehrt, ist das so ruhig, wie ein Album sein kann, dessen Artwork von einem wütenden Graffiti mit dem Inhalt "YOU CHEATING BASTARD, I'M PREGNANT WITH YOUR CHILD" inspiriert ist. Trotz der destruktiven Mentalität, allerlei Verzerrungen und tatsächlichem Gläserklirren in "Reality" bleibt Beth konventionellen Songstrukturen treu und trägt dafür Sorge, dass ihr Publikum weder in die Scherben läuft noch sich in der Kunsthalle verirrt. So furchteinflößend und angepisst sie klingen mag, in ihrem Herzen bleibt Jehnny Beth eine Menschenfreundin – und reicht uns jedes Mal die Hand, wenn die Welt uns wieder ausgeknockt hat.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Broken rib
  • Out of my reach
  • High resolution sadness

Tracklist

  1. Broken rib
  2. No good for people
  3. Obsession
  4. Out of my reach
  5. I still believe
  6. Reality
  7. Stop me now
  8. High resolution sadness
  9. I see your pain

Gesamtspielzeit: 28:09 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

fuzzmyass

Postings: 20911

Registriert seit 21.08.2019

2026-03-06 14:13:34 Uhr
Kommt leider alles nicht annähernd an die Savages Sachen ran... das Album find ich recht okay, macht schon Spaß, aber haut auch nicht wirklich komplett um... Konzert war sehr cool, aber auch da hat irgendwie der letzte Funke zur Großartigkeit gefehlt, Sound war etwas stumpf, dumpf und undynamisch... der neue Song reiht sich da ein - ganz gut, aber nicht großartig...

MickHead

Postings: 10155

Registriert seit 21.01.2024

2026-03-06 14:06:45 Uhr
Erster neuer Song seit dem Album!

"Look At Me (Feat. Mike Patton)"

https://youtu.be/Wb8XZXiMfcw?si=mxZUp2dFov_UmwY6

Klaus

Postings: 12780

Registriert seit 22.08.2019

2025-08-31 00:24:59 Uhr
Gute 7/10. Rockig.

MickHead

Postings: 10155

Registriert seit 21.01.2024

2025-08-29 19:49:14 Uhr
Jetzt auch komplett bei Bandcamp:

https://jehnnybeth.bandcamp.com/album/you-heartbreaker-you

MickHead

Postings: 10155

Registriert seit 21.01.2024

2025-08-29 10:47:30 Uhr
Komplette Playlist bei YouTube:

https://www.youtube.com/playlist?list=PLA7iTGL6dL5iNEEAxkMZ4zGhaawo-cohw

Rolling Stone 4/5

https://www.rollingstone.de/reviews/jehnny-beth-you-heartbreaker-you-wie-juckreiz/

Musikexpress 3.5/6

https://www.musikexpress.de/reviews/jehnny-beth-you-heartbreaker-you/
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