Listen




Banner, 120 x 600, mit Claim


Hayley Williams - Ego death at a bachelorette party

Hayley Williams- Ego death at a bachelorette party

Hayley Williams
VÖ: 25.07.2025

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Selbst(er)findung

Meridian, die Geburtsstadt von Hayley Williams, trägt den Spitznamen Queen City. Den hat man damals im Jahr 1900 öfter für diejenige Stadt eines Bundesstaates genutzt, welche nach der jeweiligen Hauptstadt den größten Aufschwung erlebt und quasi ein kulturelles Zentrum wird. In Mississippi bedeutet das, knapp ein Jahrhundert später von etwas weniger als 40.000 Leuten umgeben zu sein, mehr Kirchen als Plattenläden im Umkreis zu haben und im Allgemeinen eher eine gute Liste an Gründen serviert zu bekommen, um doch lieber abzuhauen. Wenig später beginnt Williams in Tennessee zusammen mit Josh Farro und dessen Bruder Zac das Kapitel Paramore und ebnet ihren Weg auf die Poster an zahllosen Zimmerwänden angehender riot grrrls oder von selbigen faszinierter Jungs. So weit, so 2005.

Beinahe auf den Tag genau 20 Jahre nach dem Release des Paramore-Debüts "All we know is falling" steht nun das dritte Soloalbum von Williams ins Haus. Während sich die beiden vorigen Alben "Petals for armor" und "Flowers for vases / Descantos" hauptsächlich mit ihrer in Suizidgedanken gipfelnden Depression und den Erfahrungen der damit einhergehenden Psychotherapie befassten, wagt "Ego death at a bachelorette party" nun den Schritt danach und versucht sich an einer Antwort auf die Frage, wie man seine Persönlichkeit mit nun etwas weniger Ballast neu entwickeln kann. Und, vielleicht noch wichtiger, Spaß daran zu haben. Gerade der Spaßaspekt führt zu netten Details – wie beispielsweise ein Album mit dem Wort "Ego" im Titel einfach alleine herauszubringen. Selbst ist die Frau.

Weil die Zukunft aber letztendlich immer nur Vergangenheit plus Erfahrung ist, greift Williams für dieses Unterfangen dennoch großflächig auf Motive ihrer Jugend zurück. "True believer" zeigt beispielweise als kleine Ode an die spätere Heimat Nashville schön auf, dass Liebe eben nicht immer nur bedeutet, jemanden zu schonen: "They say that Jesus is the way / But then they gave him a white face / So they don't have to pray / To someone they deem lesser than them." Auch solche Zeilen wie "The long walk between the car and the house / I just sit behind the wheel 'til the battery runs out" schaffen es in "Negative self talk", dem düsteren Gedankenkosmos einer depressiven Episode und der Unmöglichkeit zum Bewältigen von alltäglichen Dingen einen Raum zu geben, der dennoch nicht von Negativität geprägt ist. So spricht eine Frau, die ihren Dämonen die Stirn geboten hat und das große Triumphgeheul danach gar nicht mehr braucht. Ihr gelingen auch ohne große Gesten phasenweise brillante Momente im Songwriting entlang der 17 Titel des Albums. Bester Beleg hierfür ist wahrscheinlich "Discovery Channel". Wenn einem als erste Assoziation hierbei "The bad touch" von der Bloodhound Gang in den Sinn kommt – dann liegt man tatsächlich goldrichtig. Den bekannten Chorus dann jedoch zusammen mit einigen Strophen (inklusive des stilvollen Zitats "Twenty (something) years ago we started / Playing a little game" aus dem Film Jumanji) so zu verbinden, dass dabei eine liebevoll melancholische Auseinandersetzung mit der eigenen Bandgeschichte entsteht, ist ein magischer Moment. Mindestens ein kleiner Kloß im Hals ist garantiert.

Musikalisch ist "Ego death at a bachelorette party" derweil, wie bei Williams' beiden Solo-Vorgängern auch, mehrere Stufen reduzierter, defensiver und schlichtweg introvertierter als sämtliche Paramore-Alben und schlägt auch nur selten, wie beispielsweise in "Hard", den Weg dorthin ein. In ihren Songs sind E-Gitarren lediglich ein geduldeter Gast und werden überwiegend durch das in Williams' Stimme liegende Gefühl von Einkehr, Milde und Nachsicht charakterisiert. Darüber legen sich dann geradezu spielerisch eine Vielzahl verschiedener Soundfamilien wie Bluegrass ("Whim"), Reggae ("Love me different") oder was auch immer genau "Ice in my OJ" sein mag. Aber wenn man erstmal seine eigene Chefin ist, dann kann man es ja auch einfach mal ausprobieren. Und wir dürfen dankenswerterweise dabei sein, wie Queen City's daughter das Zepter zurück in die Hand nimmt: als Musikerin, als Muse und nicht zuletzt als Mensch.

Hinweis: Die Rezension erfolgte auf Basis der ursprünglichen digitalen Veröffentlichung als Einzelsongs.

(Gerrit Phil Abel)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen bei Amazon / JPC

Highlights

  • Negative self talk
  • Discovery Channel
  • True believer

Tracklist

  1. Ice in my OJ
  2. Glum
  3. Kill me
  4. Whim
  5. Mirtazapine
  6. Disappearing man
  7. Love Me different
  8. Brotherly hate
  9. Negative self talk
  10. Ego death at a bachelorette party
  11. Hard
  12. Discovery Channel
  13. True believer
  14. Zizzou
  15. Dream girl in Shibuya
  16. Blood bros
  17. I won't quit on you
  18. Parachute

Gesamtspielzeit: 59:39 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread

Um Nachrichten zu posten, musst Du Dich hier einloggen.

Du bist noch nicht registriert? Das kannst Du hier schnell erledigen. Oder noch einfacher:

Du kannst auch hier eine Nachricht erfassen und erhältst dann in einem weiteren Schritt direkt die Möglichkeit, Dich zu registrieren.
Benutzername:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Kojiro

Postings: 5029

Registriert seit 26.12.2018

2026-02-03 10:21:09 Uhr
Sympathisches Statement :) Hätte ihr einen Grammy gegönnt. Freue mich über neuen Output und v.a. auf das Konzert in Berlin diesen Sommer.

MickHead

Postings: 10830

Registriert seit 21.01.2024

2026-02-02 18:29:45 Uhr
Letzte Woche enthüllte Hayley Williams die Existenz eines neuen Projekts mit ihrem „Ego Death at a Bachelorette Party“-Kollaborationspartner Daniel James namens Power Snatch, indem sie den Song „Assignment“ auf Apple Music 1 vorstellte. Fans recherchierten daraufhin und stellten fest, dass Power Snatch bereits im Dezember den Song „DMs“ auf Bandcamp veröffentlicht und im Juli einen weiteren Song auf Instagram angeteasert hatte. Nun, einen Morgen nachdem Hayley alle vier ihrer Grammy-Nominierungen verpasst hatte (und sagte: „Es ist mir jederzeit eine Ehre, gegen The Cure zu verlieren“), veröffentlichte Power Snatch ihre Debüt-EP „EP1“.

"EP1" bei Bandcamp:

https://powersnatch.bandcamp.com/album/ep1

Kojiro

Postings: 5029

Registriert seit 26.12.2018

2025-12-02 05:43:24 Uhr
Glum ist ziemlich gut, finde nur den Vocal-Pitch in den Strophen nervig und unnötig. Mit normal gemischter Stimme wäre das ein ziemlicher Kracher.

zolk

Postings: 2763

Registriert seit 15.01.2024

2025-12-01 22:16:39 Uhr
So richtig erschlossen hat sich mir das Album bis jetzt auch noch nicht. Es ist mindestens ganz nett, keine Frage. Mal sehen, ob es noch wächst. Mein Lieblingssong bist jetzt ist "Glum", von dem hier zu lesen ist, dass er "nervig" ist. Vielleicht ist dort der Hund begraben, dass es nicht so richtig zünden will :-)
("True believer" ist auch klasse.)

Kojiro

Postings: 5029

Registriert seit 26.12.2018

2025-11-20 10:57:27 Uhr
Stimme, Songwriting, Produktion, Sequenzing?

Also finde auf dem Album keinen Song, den ich im Radio erwarten würde. Klingt halt komplett anders als der übliche Pop-Kram im Radio.

Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Bestellen bei Amazon

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum

Anhören bei Spotify