Noah Cyrus - I want my loved ones to go with me
Records / Columbia
VÖ: 11.07.2025
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
Baby Melancholie
Gibt es eigentlich einen Begriff dafür, wenn Personen des öffentlichen Lebens stets mit "Die Frau von ...", "Die Schwester von ...", "Der beliebige andere Verwandte von ..." vorgestellt werden? Manche Namen sind schon beinahe dynastienartig so eng mit einer Person verknüpft, dass sich die restliche Familie bloß wie eine Art Meteoritensystem um diesen Fixpunkt kreisend zu definieren scheint. Gerade nach dem hervorragenden Debüt ""The hardest part" ist dies gegenüber Mileys jüngster Schwester Noah Cyrus, die immerhin auch schon 24 ist, eigentlich auf mehreren Ebenen ungerecht. Es zeigt aber exemplarisch, wie unterschiedlich das Verständnis darüber sein kann, wie man sich künstlerisch ausdrückt.
Mit "I want my loved ones to go with me" schließt sie nicht ganz an die berührend-herzzerreißenden Balladen wie "Noah (Stand still)" des Debütalbums an, sondern lässt ein wenig mehr Folk-Anteile und (in sehr spärlichen Dosen) Sonnenlicht in ihren Titeln zu. Nichtsdestotrotz bleibt der Grundton sinister, sphärisch und von einem Gefühl getragen, als wäre es eines ihrer Lieblingshobbys, sich mit Geistern früherer Epochen über die menschlichen Abgründe auszutauschen. "The holy ghost, he only knows / As much as you're willing to tell / Don't need to remind you / But sometimes, I like to / Just so you know how it felt" aus der zuvor ausgekoppelten Single "Don't put it all on me" mit Fleet Foxes steht hierbei stellvertretend für ein in so jungen Jahren beeindruckend klares Selbstverständnis der eigenen Möglichkeiten.
Auch die sonstigen Featuregäste tragen etwas zur Auflockerung der Stimmung bei und helfen dem Album, in seinem durchgängig schwermütigen Grundton einen höheren Grad an Varianz zu erhalten. Gerade die erwähnte Single zeigt, beispielsweise nebeneinander gelegt mit "Way of the world" mit Ella Langley, eindrucksvoll, dass Cyrus ihre musikalische Identität bereits zweifelsfrei gefunden hat und diese, auch ohne dieses Mal im Gegensatz zum Erstlingsalbum ihre persönliche Vita in den Fokus zu stellen, einnehmend und einladend artikulieren kann. Zeilen wie "I think of myself as a road that's been driven right through / But love is a canyon that I keep on falling into" sind zwar textlich etwas einfache Bilder, bleiben aber nicht weniger gefühlvoll. Cyrus ist zu jedem Zeitpunkt des Albums persönlich, glaubwürdig und auf angenehme Art von jeder Ironie befreit, die das andächtige, mitfühlende Lauschen hindern könnte. Während man für die Atmosphäre enorme synthetische Klangwände hätte aufbauen können, bleibt Cyrus überwiegend akustisch und bei ihrer souveränen Stimme. Vielleicht hätte es hier an manchen Stellen noch etwas mehr emotionalen Ausbruch geben dürfen, um gerade in der Mitte des Albums für etwas mehr Wiedererkennungswert zu sorgen.
Manchmal sagt man ja so gemeinhin, dass es eine unfaire Welt ist, in der kommerzieller Erfolg und zugeschriebene musikalische Fähigkeiten nur selten zusammengehen. Gerade in einem Geschwisterverhältnis mit einem Megastar könnte man diese Debatte nur allzu leicht wieder aufbrechen. Aber es gibt eben auch die Facette des Musikmachens, in der man einfach nicht anders kann, als sein eigenes Herz auszuschütten – unabhängig davon, ob nun da draußen jemand zuhört oder sogar applaudiert. Und dieser Drang ist auch auf Noahs zweitem Album allgegenwärtig spürbar. Und wenn es dann die Prophetin eben nicht so hoch auf den Berg schafft, dann kann man nur hoffen, dass das Echo genug trägt und sich dann doch genügend Berge dazu entscheiden, stattdessen zur Prophetin zu pilgern.
Highlights
- Don't put it all on me (feat. Fleet Foxes)
- Way of the world (feat. Ella Langley)
Tracklist
- I saw the mountains
- Don't put It all on me (feat. Fleet Foxes)
- What's It all for?
- Way of the world (feat. Ella Langley)
- New country (feat. Blake Shelton)
- Long ride home
- Apple tree
- Man in the field
- With you
- Love is a canyon
- XXX (feat. Bill Callahan)
Gesamtspielzeit: 42:14 min.
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Referenzen
Taylor Swift; Lana Del Rey; Feist; Lorde; Ella Langley; Angel Olsen; Mitski; Waxahatchee; Caroline Polachek; Father John Misty; Halsey; Charlotte Gainsbourg; Kali Uchis; Marina & The Diamonds; Emmylou Harris; Kacey Musgraves; KT Tunstall; Miley Cyrus; LeAnn Rimes; Maggie Rogers; Anna Of The North; Billie Eilish; Olivia Rodrigo; Willow
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