Cass McCombs - Interior live oak
Domino / GoodToGo
VÖ: 15.08.2025
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
Die Verweigerung des Doppel-Wumms
Was ist eigentlich eine Künstlerseele? Vielleicht können wir uns darauf einigen, dass sie Selbstzweck sein darf, aber natürlich erst in ihrer Außenwirkung wirklich als solche bewertet werden kann. Das entscheidende Kriterium dabei ist, was Musik und Texte beim Publikum auslösen. Der Idealfall, das hypothetische Maximum ist dann wohl – und es schmerzt, sich diesen Begriff ausgerechnet aus der Politik ausleihen zu müssen – der "Doppel-Wumms". Dem sich Cass McCombs auch auf seinem neuesten Album "Interior live oak" ganz bewusst verweigert.
Weil der Mann grob gesagt Folk-Musiker ist, darf man dabei ohnehin keinen lauten, effektheischenden Knall erwarten, trotzdem ist das Ergebnis regelmäßig im positiven Sinne verheerend. "Bum bum bum" hieß der erste Song auf "Mangy love" von 2016 und offenbarte – und das gilt für des Künstlers gesamtes Werk – auf Textebene ein scharfes Auge für gesamtgesellschaftliche Unwucht und ein Talent für Analogien und bildhafte Szenarien. Dass es dabei nicht tatsächlich um eine weiße Hündin ging, diese Erkenntnis muss man sich erarbeiten. Wenn man möchte. Denn sich McCombs' lyrischer Wahrheit zu nähern, geht auch mit einem Gefühl von Unbehagen einher. Was die musikalische Umsetzung trefflich zu kaschieren weiß. Nicht so, wie es Pernice Brothers tun, wenn sie Tragödien in jangligen Sonnenschein wickeln, sondern durch eine universelle Unaufgeregtheit.
Diese gründet zunächst einmal auf McCombs' sanfter Stimme, die immer traurig klingt, aber oft auch relativ unbeteiligt. Zum anderen liegt es an der musikalischen Stoßrichtung, die er seinen Songs angedeihen lässt. Nur selten ist diese so eindeutig zu klassifizieren wie bei "Van Wyck Expressway", das ganz genau so auch von Elliott Smith stammen könnte. Viel öfter findet man jedoch kein "ganz genau so". McCombs bewegt sich zwischen spärlichem Folk, Blues-Surrogat, Bedroom-Soul und üppiger instrumentiertem Folk, aber kommt nirgends wirklich an. Die letzten Meter sollen die Zuhörenden selbst zurücklegen. Dort, auf diesem struppigen musikalischen Feldweg im Zwielicht, muss man sich entscheiden, welchen Einfluss man den Lyrics zugestehen will. Die melancholisch-beschwingte Single "Peace" erwähnt zum Beispiel die Sybillinischen Orakel. Weißte? Willste wissen? Ach ja, es gibt auch einen Song über eine Kellertür, wobei – nur zur Info – "cellar door" einer der wohlklingendsten Begriffe der englischen Sprache sein soll. Der Song selbst hingegen klingt ein bisschen wie eintönige Evening Hymns. "Asphodel" könnte analog zum Albumtitel ein Terminus aus der Pflanzenwelt sein. Oder ein lauschiges Plätzchen in der griechischen Unterwelt. Um den Künstler selbst zu zitieren: "Don't ask me what it means."
Stattliche 16 Songs umfasst "Interior live oak" und ist damit randvoll mit entzückenden Melodien, warm klingenden Instrumenten und Texten, bei denen es einem eiskalt den Rücken runterlaufen kann. Wenn man sich darauf einlässt. Eigenverantwortung und so. Ein Begriff, der zumindest in der Politik nur ungern und erst zur Sprache kommt, wenn der Doppel-Wumms längst verhallt ist. Everything's not okay. Unbehaglich schön.
Highlights
- Missionary bell
- Van Wyck Expressway
- Juvenile
Tracklist
- Priestess
- Peace
- Missionary bell
- Miss Mabee
- Home at last
- I'm not ashamed
- Who removed the cellar door?
- A girl named Dogie
- Asphodel
- I never dream about trains
- Van Wyck Expressway
- Lola Montez danced the spider dance
- Juvenile
- Diamonds in the mine
- Strawberry moon
- Interior live oak
Gesamtspielzeit: 74:11 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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MickHead Postings: 11353 Registriert seit 21.01.2024 |
2026-04-01 21:30:26 Uhr
Aktuelle Split 7" Single mit Hand Habits!Cass McCombs - Seeing The Elephant https://cassmccombs.bandcamp.com/album/seeing-the-elephant Hand Habits - Good Person https://handhabits.bandcamp.com/track/good-person |
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MickHead Postings: 11353 Registriert seit 21.01.2024 |
2026-03-05 19:10:55 Uhr
Letztes Jahr veröffentlichte der großartige Singer-Songwriter Cass McCombs sein Album „Interior Live Oak“. McCombs' langjähriger Freund und Weggefährte Chris Cohen war Co-Produzent der LP. Cohen, ehemals Mitglied von Deerhoof und The Curtains, hat bereits mehrere Soloalben veröffentlicht; das jüngste ist „Paint A Room“ aus dem Jahr 2024. Nun haben sich McCombs und Cohen zusammengetan, um eine neue gemeinsame 7-Inch-Single mit zwei Songs zu veröffentlichen."Steel Reserve" https://youtu.be/-JGVxM04uAE?si=n_bHM0z63fJolhmI "Ignis fatuus, Hinkypunk, Sharkfins and Ambergris" https://youtu.be/hYbOgVYH8_0?si=HJYZyg0I2IPbNWQT |
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swallow Postings: 18 Registriert seit 29.10.2020 |
2025-12-23 16:57:53 Uhr
Finde das Album auch ausgezeichnet... gefühlvoll und toll arrangiert |
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swallow Postings: 18 Registriert seit 29.10.2020 |
2025-12-23 16:56:05 Uhr
Finde das Album auch ausgezeichnet... gefühlvoll und toll arrangiert |
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Lucas mit K Postings: 536 Registriert seit 19.07.2024 |
2025-10-21 15:36:31 Uhr
Ein wirklich tolles Album. |
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Referenzen
Elliott Smith; Iron & Wine; Rufus Wainwright; The Wooden Sky; Sixteen Horsepower; Pete Yorn; Ron Sexsmith; Ryan Adams; Christian Kjellvander; Kristofer Åström & Hidden Truck; Neil Halstead; Mojave 3; Jeff Buckley; Tindersticks; Sophia; Red House Painters; Bright Eyes; Conor Oberst; The Good Life; Desaparecidos; Boy Omega; American Music Club; Evening Hymns; Damien Jurado; José González; Loney Dear; Grandaddy; Denison Witmer; Teitur; Sparklehorse; Songs:Ohia; Saint Thomas; Jason Molina; Wovenhand; Neil Young; My Morning Jacket; Glen Phillips
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