Shindy - Love my people
Shindy / Urban / Universal
VÖ: 18.07.2025
Unsere Bewertung: 6/10
Eure Ø-Bewertung: 2/10
Midlife hybris
Wie kommt Michael Schindler eigentlich immer damit durch? Denn wieder mal hat er schlechte Promo-Arbeit gemacht, fast schon zynisches Marketing betrieben und trotzdem eine – diesmal gerade noch so – brauchbare Platte abgeliefert. Mal ehrlich, der Albumtitel, aus Formatierungsgründen für Plattentests.de ohne das Herzsymbol aus den Nullerjahren, "Love my people", ist hier mindestens irreführend. Ein hingerotztes Cover, Zeilen über Reichtum und Luxus in Zeiten der Wirtschaftskrise und quasi passend dazu absurde Bundle-Preise. Nach Billig-Rucksäcken und Feuerzeug-Abzocke versucht Shindy es jetzt mit "Brat"-Minimalismus, obwohl diese Merch-Strategie schon beim langweiligen Original (Charli XCX) unoriginell war. Ach ja, Musik gibt's auch noch – und sie bleibt das Interessanteste am Halbgriechen aus Bietigheim. Sein sechstes Soloalbum klingt wie eine heile Welt, in der er es sich so gemütlich gemacht hat, dass der Bezug zur Realität langsam abhandengekommen ist. Wer mal als Battle- oder Straßenrap-Fan mit Shindy begann, fühlt sich auf diesem Mixtape wie ein Mittelklasse-Tourist im Luxus-Loft; als ob der Hochglanz nur bewundert, aber bloß nicht berührt werden darf. Man muss eigentlich nur in den "Oberpfaffenhofen freestyle" reinhören und weiß sofort, wohin die Reise mit Lines wie "Feuilleton schwärmt von mei'm Neoklassizismus" geht.
Wahrscheinlich ist selbst das auch noch Absicht, denn nach diesem Tape ist die Transformation vom ehemaligen Lieblingsziehsohn Bushidos hin zur Shirin David für Ü30-Männer endgültig abgeschlossen. Anders lassen sich Tracks wie "Big bro" oder "Superhot" nicht mehr erklären, die inhaltlich im Materialismus schwimmen und gleichzeitig Schindlers ohnehin schon immer recht ausschweifende Bodypositivity mit seinem neuen Fitnesshype verweben. Auch ein Song, dessen Hook wohl Michael Schumacher gewidmet ist – "Habemus papam" – reiht sich nahtlos in die eigenwillige Selbstbeweihräucherung ein. Über allem, auch den eher flacheren Tracks, steht aber weiterhin ein Soundbild, das es so erlesen und detailverliebt nirgendwo sonst im moderneren Deutschrap-Kosmos gibt. Ein Beispiel: "Skims hoes" wäre an sich ein relativ fader Song geblieben, in dem Shindy sich als Selfmade-Millionär feiert und Kalim vor sich hin flext – wenn der Beat jedoch auf dem nostalgischen "I like that"-Sample von Houston basiert, Adlibs von 2Pac eingeworfen werden und sich wiederholt auf Jim Jones von Dipset bezogen wird, sind Hip-Hop-Verrückte nun mal leicht rumzukriegen. Okay, zumindest die vor der Jahrtausendwende geborenen, denn diese sind – wie im "Stavros skit" – eindeutig die Zielgruppe. Hier tritt der vor Jahrzehnten an der Seite Kool Savas' bekannt gewordene Costa "Illmat!c" Meronianakis kurz auf, der heute als Stand-Up-Comedian arbeitet. Für Außenstehende und die heutige Jugend sind all diese Anspielungen, Referenzen und Details schwer greifbar, doch die Adressaten schätzen das zurecht als Fanservice – ein Konzept, das bei Shindy ohnehin ein eigenes Kapitel verdient hätte.
Da alles so elitär, lässig sowie verbal punktgenau klingt, fallen Ausreißer wie "Prototyp" umso mehr ins Gewicht. So brachial war lange kein Shindy-Track mehr – und das Feature mit Massiv strahlt so viel Star-Power aus, dass ein Berliner Polizist beim Videodreh für ein Selfie sogar seinen Job riskierte. Dann sind da noch die seltenen Momente, in denen es würzig wird: Mit "Kristallmatte" und "Eichhörnchen" haben es zwei kürzere Freestyles von Instagram-Reels auf die Tracklist geschafft, welche die vielleicht besten Punchlines gegen Kollegah jemals – mindestens jedoch seit Sun Diego Anfang 2017 – enthalten. Farid Bang und Fler bekommen beiläufig ebenfalls ein paar Hiebe ab, aber der Fokus liegt eindeutig darauf, den im Vorruhestand befindlichen Kollegah so smart wie noch nie zu provozieren. Diese fast schon hinterhergeschobenen Disstracks brechen mit der Grundstimmung der ganzen Platte, denn plötzlich passiert etwas Gehaltvolles – Shindys Flow ändert sich, seine Stimme knurrt endlich mehr, die Lines sind dichter, bissiger. Unter diesen Umständen fehlt lediglich noch die Standalone-Single "Free spirit", welche den zuvor unterschwelligen Beef erstmals auf eine musikalische Ebene hob.
Trotzdem ist dieses Mixtape nicht frei von Ambivalenz, selbst in den besten Momenten. Shindy pflegt die Illusion, noch Teil des Spiels zu sein, obwohl er längst auf der VIP-Tribüne sitzt. Das merkt man besonders, wenn seine Lyrics Reichtum und Ästhetik zelebrieren, während Kriege, Ungleichheit und wirtschaftliche Probleme aktuell die meisten Menschen beschäftigen. Und obwohl er genug Köpfchen für mehr hätte, vermeidet er politische Reibungspunkte ganz bewusst. Zu Zeiten im Arafat/Bushido-Camp trug er noch brav das "Free Palestine"-Shirt zur Schau, heute gibt es nicht mal eine Line über Gaza, um nur ein naheliegendes Beispiel zu nennen. Von dieser Erwartungshaltung sollte man sich verabschieden, um wirklich gelungene Songs wie "Get it on" – zugegebenermaßen ebenfalls getragen durch das geniale Sample von Montell Jordan – oder die richtungsweisende Lead-Single "Sport & Diät" zu genießen. Wenn das hier nun wirklich nur die Rolle als "Album vor dem Album" einnehmen soll, na gut – dafür erfüllt "Love my people" seinen Zweck. Für einen zweiten Teil von "In meiner Blüte" jedoch wäre dieses ständige Kreisen um pinke Lamborghinis, Geldverwertung, Süddeutschland und immer verfügbare Frauen tatsächlich zu wenig.
Highlights
- Sport & Diät
- Get it on
- Kristallmatte freestyle
- Eichhörnchen freestyle
Tracklist
- 10 Sommer
- Sport & Diät
- Einfach nur reich (feat. Yung Kafa & Kücük Efendi)
- Big bro
- Stavros skit (feat. Illmat!c)
- Prototyp (feat. Massiv)
- Oberpfaffenhofen freestyle
- Physique
- Skim hoes (feat. Kalim)
- Superhot
- Get it on
- Habemus papam
- All about
- Kristallmatte freestyle
- Eichhörnchen freestyle
Gesamtspielzeit: 32:43 min.
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2025-07-29 15:57:08 Uhr - Newsbeitrag
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Referenzen
Massiv; Nico Santos; Laas Unltd; Bushido; Nate Dogg; Cubeatz; Drake; Earl Sweatshirt; Schoolboy Q; Kay One; Shirin David; Fler; Kollegah; Farid Bang; Eko Fresh; Samra; Capital Bra; RIN; MoTrip; Luciano; KC Rebell; Mois; Manuellsen; Haftbefehl; Reezy; Sun Diego; Pashanim; Raf Camora; Summer Cem; 187 Straßenbande; Dardan; Ali Bumaye; Bausa; Nimo; Kool Savas; Azad; OG Keemo; Olexesh; Sido; Apache 207; Monet192; Kurdo; Cro; Zuna; Azet; Badmómzjay; Trettmann; Celo & Abdi; Karate Andi; Sero; Bass Sultan Hengzt; Prinz Pi; Future; Casper; Beatzarre; Chris Cronauer; Djorkaeff; Nik D; DMX; Mero; Tua; The Weeknd; Michael Jackson; Frank Ocean; Tyler, the Creator; 2Pac; Greg Nice; Tony Touch; Lex Barkey; OZ; CAZ; Daniel Deleyto; DRTWRK; Jeremia Anetor; JØHNNY; J. Romenoe; MD Beatz; Nik Dean
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