Ryan Davis & The Roadhouse Band - New threats from the soul
Tough Love / Cargo
VÖ: 25.07.2025
Unsere Bewertung: 8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
Wie hältst Du's mit der Seele?
Eine Annäherung in Begegnungen: Louisville, Kentucky, sei eine seltsame Stadt, sagt Ryan Davis, einer ihrer Söhne. Weder die Südstaaten reklamierten die Region für sich, noch der Mittlere Westen und so befinde sie sich chronisch in einem Zwischenreich aus zwei Kulturen, Country- und Indie-Rock. Slint stammen bekanntermaßen von dort, aber auch ein gewisser Will Oldham, der auf Davis' zweitem Quasi-Soloalbum "New threats from the soul" Backing Vocals beisteuert. Jener Oldham attestiert Davis' Songs, eine Ausgewogenheit und Ruhe auszustrahlen, die ihre darunterliegende tiefe Angst nur kaschierten, nicht verdrängten: Das ist ein großes Lob, schließlich ist Ambivalenz eine der Königsdisziplinen guten Songwritings. Direkter formulierte es ein Jahr vor seinem Tod David Berman, Ikone lakonischer Eloquenz und lyrischer Kippfiguren, als er über Davis in seiner früheren Band State Champion zu Protokoll gab: "He's the best lyricist who's not a rapper going." Beide waren befreundet, Davis sogar an der Organisation der letztlich nie zustande gekommenen Tour der Purple Mountains beteiligt. Fünf Jahre später spielten und spielen Ryan Davis & The Roadhouse Band im Vorprogramm des knapp 15 Jahre jüngeren MJ Lenderman, der bereits als Teenager T-Shirts der Projekte Davis' trug und nun als Durchstarter einer neuen Americana-Bewegung firmiert � gebrochenen Blicks der Absurdität des eigenen Landes gewahr.
All das, um zu sagen: Ryan Davis kann als Musterbeispiel eines Songwriters für Songwriter gelten. Sein Kultstatus ist in manchen Kreisen so groß wie seine allgemeine Bekanntheit klein, insbesondere in Europa. Wie stellt er sich also diesmal vor? Eine knappe Minute wippt der Titeltrack vor sich hin, vielschichtig instrumentiert mit sehnsüchtiger Lap Steel und schunkelnden Bläsern, bevor Davis' tiefer Bariton erstmals erklingt: "I jolted up to some new transference from a sliding door." Mittendrin und nicht dabei also zeigt sich in der Folge Davis' poetische Strategie als Abfolge grotesker, frischer Aphorismen, die zunächst unverbunden bleiben, in ihrer Anordnung dann aber doch so etwas wie eine Geschichte erzählen. "You can see the kingdom from the tailgate if you stack a couple coolers / But you're never gonna see it from the front of the line", so lässig klang die Perspektive des Peripheren noch nie; das Matthäusevangelium lässt grüßen. Davis besingt besonnen die Verrenkungen der Seele, mal als Klamauk, mal als Krise, meist als Mischmasch menschlichen Lebens. "And I'm only getting silence / From the idols that I didn't know" – wie unter diesen Umständen zur Sprache kommen? Kurz: Der Song ist ein Meisterstück und plaudert seine Tiefe auch nach zehn Durchgängen nicht gänzlich aus. Zu charmant weht sein musikalisches Gewand.
Gerade einmal sieben Tracks versammelt das Album – der kürzeste dauert sechs, der längste zwölf Minuten – und Davis schreibt Zeilen für mindestens dreimal so viele. Jene als mäandernd zu bezeichnen, träfe den Punkt jedoch nur bedingt. Zwar durchziehen den eleganten Folk-Pop von "Monte Carlo / No limits" – der Titel klingt wie die Parodie eines Dylan-Songs aus den 60er-Jahren – kurzzeitig ein hintergründiger Noise-Sturm und zwei subtile Drum'n'Bass-Interludes, doch treibt die Musik Davis' ausschweifende Texte meist geduldig voran. Aus ähnlichen Harmonien und Motiven speist sich das Duo aus "Mutilation Springs" und "Mutilation Falls", entwirft zu verschachtelten Phrasierungen ein umfassendes Sittengemälde à la "Desolation Row", jenes anderen fiktiven Orts am Rand. Ersteres schließt mit einem zweiminütigen Pavement-Jam, Zweiteres wartet mit elektronischen Texturen auf, doch das Gefühl persönlicher Absurdität inmitten planetarer Versehrung eint beide. "I'm pushing this lawnmower down Broadway in a windstorm", scherzt Davis, um später die Menschlichkeit mit Assonanzen zu verteidigen, die kein ChatGPT so leicht finden könnte: "Dream-weaving bromeliad / Seems the dream is dead / But the hopes are necrophiliac."
Mit "Better if you make me" gibt es sogar einen verhältnismäßig eingängigen Refrain zum Mitsingen, bevor "The simple joy" eine augenzwinkernd unironische Elegie auf den romantischen Zerfall anstimmt, die zugleich Ode an die Einsamkeit ist. Zeitweilig von Fiddeln zum Schweben gebracht, packt Davis ein paar seiner besten Bermanismen aus: "I keep busy in the daytime charging glow worms / Joys less simple seem to feel like child's play now", singt er. Oder in zärtlicher Abstraktion: "'Cause it's only at night that the farmhouse / Confides in the city of noise." "New threats from the soul" schließt mit dissonanten Streichern und einem Leben, das sich buchstäblich im Pfandbüro verausgabt hat: "Waiting on my assignment / From the spirit world." Witz, Würde und die Hoffnung, auch im Abseits gewollt sein zu können, hält Davis der Seelenunruhe stets entgegen. Seine Songs sind andauernde Triumphe für alle, die stolpernd vor der Grandezza fliehen.
Highlights
- New threats from the soul
- The simple joy
- Mutilation Falls
Tracklist
- New threats from the soul
- Monte Carlo / No limits
- Mutilation Springs
- Better if you make me
- The simple joy
- Mutilation Falls
- Crass shadows (at Walden Pawn)
Gesamtspielzeit: 57:08 min.
Album/Rezension im Forum kommentieren
Teile uns Deine E-Mail-Adresse mit, damit wir Dich über neue Posts in diesem Thread benachrichtigen können.
(Neueste fünf Beiträge)
| User | Beitrag |
|---|---|
|
cactus_flower Postings: 7 Registriert seit 30.07.2025 |
2025-09-10 11:10:08 Uhr
Neulich gab‘s auch eine euphorische Besprechung im Podcast vom Rolling Stone. Bisher war Plattentests ja das einzige Medium hierzulande, das die Platte besprochen hat: https://www.rollingstone.de/audio-post/was-soll-die-neuauflage-der-beatles-anthology/ |
|
cactus_flower Postings: 7 Registriert seit 30.07.2025 |
2025-09-10 11:05:36 Uhr
Heute geht‘s los in der Poolbar in Freiburg. Morgen dann Esslingen und übermorgen Karlsruhe. Als Support wird übrigens Ned Collette dabei sein, der letztes Jahr Bonnie Prince Billy auf dessen DE-Tour begleitet hat…kommt in Scharen |
|
Hierkannmanparken Postings: 3075 Registriert seit 22.10.2021 |
2025-08-07 16:41:37 Uhr
Jesus Christ is tryin out some new material on you and me tonightHe has not nailed the crowd work but vice versa :D |
|
cactus_flower Postings: 7 Registriert seit 30.07.2025 |
2025-08-06 06:54:49 Uhr
@Enrico Palazzo: dafür war die Tourlücke, die er hatte, leider zu klein. Nächstes Mal… |
|
Hierkannmanparken Postings: 3075 Registriert seit 22.10.2021 |
2025-08-05 13:55:59 Uhr
"verschmitzt weise" bezeichnet für mich sehr gut die Art von Balance, die so ne Musik treffen muss. Ein ganz feiner Cocktail aus Zynismus, Selbstironie, Aufrichtigkeit und Weltschmerz. Die Mischung ging für mich persönlich bei Lenderman gar nicht auf. Das war mir zu altklug, ins Lächerliche ziehend und "Oneliner, die weise klingen" willkürlich aneinanderreihend.Bin hier mal gespannt, der Ersteindruck ist mir etwas zu Herda Hadda-Country. Aber ich bleib dran. :D |
Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.
Referenzen
State Champion; Silver Jews; Purple Mountains; Bill Callahan; Smog; Bonnie 'Prince' Billy; Palace Music; MJ Lenderman; Cassandra Jenkins; Sturgill Simpson; Magnolia Electric Co.; Lambchop; Cass McCombs; Sparklehorse; Giant Sand; Howe Gelb; Stephen Malkmus; Pavement; Gene Kelly; Uncle Tupelo; Woods; Son Volt; Jason Isbell; Tyler Childers; Kurt Vile; Gram Parsons; Wilco; Father John Misty; Sufjan Stevens; Jeff Tweedy; Bob Dylan; John Prine
Bestellen bei Amazon
Threads im Plattentests.de-Forum
- Ryan Davis & The Roadhouse Band - New Threats From The Soul (23 Beiträge / Letzter am 10.09.2025 - 11:10 Uhr)
- Ryan Davis & the Roadhouse Band - Dancing on the Edge (1 Beiträge / Letzter am 08.12.2023 - 11:17 Uhr)



