Clipse - Let God sort em out
Roc Nation
VÖ: 11.07.2025
Unsere Bewertung: 6/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
Alles bei den Alten
Ageism ist ein seltsames Phänomen im Hip-Hop. Irgendwo in den sozialen Netzwerken reden Menschen einen Konflikt zwischen jungen und alten Rappern herbei. Manche Alte behaupten, der Jugend fehle der Respekt vor der Kultur, manche Junge sagen, die Opis interessierten keinen mehr und sollten endlich in den Ruhestand. Was macht nun also das Comeback des Brüder-Duos Pusha T (*1977) und Malice (*1972) mit diesen Brandstiftern? Schließlich sind Clipse als Kombination ein Relikt der 00er-Jahre, in denen sie zusammen mit Producerteam Neptunes drei Alben herausbrachten, die sich zumindest in der Rapszene an der Grenze zum Klassikerstatus bewegen. Bevor Malice circa 2010 das Projekt hinter sich ließ und persönlich und auch musikalisch zu Gott fand, während Pusha weiter Coke-Rap auf höchstem Niveau veröffentlichte. Die Antwort findet sich vor allem außerhalb der hitzigen Generationskonflikte. Als neutraler Hip-Hop-Fan, der sich weder auf die eine, noch die andere Seite des Pseudokonflikts schlagen will, konstatiert man einfach zufrieden: Die Szene profitiert von Clipse.
Und das liegt nicht nur an einer der umfangreichsten Promo-Rundreisen der letzten Jahre, während der Clipse durch gefühlt jedes noch existierende Medienformat getingelt sind, sondern vor allem auch von der Verlässlichkeit, mit der zwei Rapper abliefern, die das Ding schon lange machen. Am Anfang sogar überraschend mit "The birds don't sing", das als emotionales Intro ihren verstorbenen Eltern gewidmet ist. Ein anrührender Beat wie aus besten Kanye-West-Zeiten und Unterstützung von John Legend bringen absoluten Gänsehautfaktor. Doch dann ist es nach 16 Jahren Albumpause für die ambitionierten Brüder auch wieder Zeit für Geflexe: "Uncle said, 'N****, you must be sick' / All you talk about is just gettin' rich" heißt es in "Chains & whips", das sich mit feinem Gitarrensample und treibendem dumpfen Bass angriffslustig zeigt. Producer Pharrell pullt dafür einen Trick, den er schon auf dem wahrscheinlich besten Clipse-Album "Hell hath, no fury" mochte und lässt den Beat ohne Snare auskommen. Fast beiläufig mit großartigem Part mit dabei: Der wahrscheinlich wichtigste Rapper unserer Zeit Kendrick Lamar. Als weiteres Statement ist direkt danach auf "P.O.V." mit Tyler, The Creator ein ausgewiesener Clipse-Superfan auf einem Song dabei, der im letzten Drittel durch angenehmen Beatswitch aufgelockert wird.
Als wäre das alles nicht schon genug, folgen die beiden herausragenden Singles. "So be it" ist mit saudi-arabischem Sample einer der großen Banger der letzten Jahre und sollte wegen seiner verzerrter Kickdrum eigentlich mit einem Warnlabel versehen werden, dass man sich beim Mitnicken den Hals verletzen könnte. Die beste Punchline der Platte gibt es inklusive: "Fuck around and get your body traced tryna test me / 'Cause n****s that I'm with like to draw when it's sketchy." Uff. Ähnlich ballern tut "Ace trumpets", das von einem durchgezogenen Synthesizer dominiert wird. Bis hierhin sind Clipse auf dem Weg zu einem Klassiker, auch wenn's inhaltlich nicht wirklich viel zu erzählen gibt. Da sind ein paar vermeintliche Seitenhiebe auf den ehemaligen Arbeitgeber Ye, auf dessem christlichen Album "Jesus is king" 2019 nebenbei bemerkt der erste gemeinsame Track seit der Trennung der Brüder erschien. Das ist aber hauptsächlich uninteressantes Nebengeplänkel. Bei Clipse ging es immer schon um Wortspiele und eiskalte Pointen, die mit einer Selbstsicherheit präsentiert werden, dass man sich eine Scheibe abschneiden möchte.
Umso ärgerlicher ist es, dass die zweite Albumhälfte deutlich abbaut. Clipse-Entdecker Pharrell Williams, der die früheren Platten mit seinem ehemaligen Partner Chad Hugo als Neptunes produziert hatte, aber heute nach Streit allein ausführender Produzent ist, greift hier auch mehrfach zum Mikrofon. Das mag für manche Retro-Charme haben, führt aber auch zu den langweiligsten Passagen von "Let God sort em out". Und auch die übersteuerten Kicks in den Produktionen nutzen sich immer weiter ab. Das bedeutet bei so routinierten Beteiligten zwar keine kompletten Ausfälle, aber eben auch keine Highlights. Da erscheint es fast absurd, dass sich drei Songtitel hintereinander so lesen: "M.T.B.T.T.F.", "E.B.I.T.D.A.", "F.I.C.O.". Das hilft wenig, sie auseinanderzuhalten. Und auch auf einen möglichen großen Hip-Hop-Moment schaut man etwas enttäuscht. Auf dem Split-Song "Let God sort em out/Chandeliers" rappt Legende Nas einen Part, der mit Beatwechsel aber total kontextlos wirkt. Als hätte man einfach einen sehr kurzen Solo-Song des New Yorkers ins Album gedrückt.
Haben die beiden um die 50-jährigen Rapper aus Virginia nun also allen bewiesen, dass auch die ältere Generation noch zu Großtaten in der Lage ist? In Ansätzen auf jeden Fall. "Let God sort em out" bereichert das Hip-Hop-Jahr und sicher tausende private Playlisten um eine Handvoll Highlights. Wurde die Kultur dadurch gerettet? Na ja. Das sollen die Forenkrieger unter sich ausmachen. Für den Rest bleibt wie eingangs erwähnt vor allem eins: Eine unterhaltsame Kombo, von der die Szene auf jeden Fall profitiert.
Highlights
- Chains & whips (feat. Kendrick Lamar)
- P.O.V. (feat. Tyler, the Creator)
- So be it
- Ace trumpets
Tracklist
- The birds don't sing (feat. John Legend and Voices of Fire)
- Chains & whips (feat. Kendrick Lamar)
- P.O.V. (feat. Tyler, the Creator)
- So be it
- Ace trumpets
- All things considered (feat. The-Dream & Pharrell Williams)
- M.T.B.T.T.F.
- E.B.I.T.D.A. (feat. Pharrell Williams)
- F.I.C.O. (feat. Stove God Cooks)
- Inglorious Bastards (feat. Ab-Liva)
- So far ahead (feat. Pharrell Williams)
- Let God sort em out/Chandeliers (feat. Nas)
- By the grace of God (feat. Pharrell Williams)
Gesamtspielzeit: 40:52 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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Arne L. Postings: 2971 Registriert seit 27.09.2021 |
2025-08-30 14:21:45 Uhr
Richtig starker neuer Song mit JID:https://www.youtube.com/watch?v=-V4jiPcNUjg |
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Kojiro Postings: 5019 Registriert seit 26.12.2018 |
2025-08-19 10:04:50 Uhr
Oh, das wusste ich gar nicht. Gut, dass ich die Vinyl noch nicht gekauft habe, da v.a. P.O.V. durch Tyler immens aufgewertet wird. |
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boneless Postings: 7103 Registriert seit 13.05.2014 |
2025-08-17 22:12:37 Uhr
So Be It ist großartig. P.O.V. + Tyler ebenfalls..Damit hast du exakt die Songs genannt, die auf allen aktuellen Vinyl/Cd-Versionen fehlen bzw. bei POV fehlt der Tyler-Part. Das ist schon ne ziemliche Frechheit, zumal jetzt erneut 2 Versionen angekündigt wurden, welche nun die komplette Tracklist beinhalten sollen. Da werden die Fans ordentlich gemolken* (die in der Regel ja schon direkt mehrere Versionen gekauft haben, wie ich in diversen Kommentarspalten mitbekommen habe). *“POV” is on this release, but Tyler’s verse is not. This is most likely because his verse was recorded late, after Clipse had already submitted the album to the pressing plant. As for “So Be It,” it was left off due to sample clearance issues. The sample was only cleared a day after the release, so they excluded the track from the early pressings to avoid legal complications. Ok, klar, klingt jetzt nicht nach Intention. Trotzdem weird und maximal unglücklich. Ironisch ist, dass So It Be bisher der Track ist, der mir am wenigsten gefällt. Diese arabisch anmutende Melodie nervt. Der Rest aber bisher (10/13) ausnahmslos klasse. Nicht "10/10-Klasse" aber wirklich gut. Geiler Flow, schöne Soundideen, fein. |
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Kojiro Postings: 5019 Registriert seit 26.12.2018 |
2025-07-29 18:35:31 Uhr
6/10... lol. |
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briedel Postings: 23 Registriert seit 08.07.2022 |
2025-07-29 17:02:29 Uhr
Ich finde es nicht ganz so himmelschreiend ungerecht wie die Little Simz-Bewertung von vor ein paar Wochen, aber doch auch schon happig :D |
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Referenzen
Pharrell; Pusha T; Malice; Kendrick Lamar; Tyler, the Creator; Stove God Cooks; Ye; Griselda; Benny The Butcher; Westside Gunn; Conway The Machine; Neptunes; Nas; Freddie Gibbs; Raekwon; JID; Ray Vaughn; Jay-Z; Common; Jermaine Dupri; Cam'ron; Ghostface Killer; ScHoolboy Q; Outkast; N*E*R*D; Lil' Wayne; Mobb Deep; John Legend; The-Dream; Ab-Liva; Jadakiss; Mos Def; Jay Rock; Danny Brown; Denzel Curry; J Cole
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