Knats - Knats
Gearbox / Rough Trade
VÖ: 28.02.2025
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 4/10
Raus aus der Ecke
Zwei junge Männer haben uns den Rücken zugewandt, gehen mit hängenden Schultern auf einen trostlosen Klotz zu. Das Mausgraue der Umgebung spiegelt sich im Fotofilter wider. Lediglich die gelben Kleckse auf den Jacken der Musiker hellen das düstere Ambiente ein wenig auf. Für den flexiblen Kritiker scheint bereits nach einem flüchtigen Blick auf das Cover die Genre-Frage geklärt zu sein: Wir müssen es hier mit Rap zu tun haben. Weit gefehlt! Stan Woodward und King David Ike-Elechi, die beiden gebückt gehenden Freunde, haben sich nicht dem Sprechgesang verschrieben, sondern dem Jazz. Und überzeugen gemeinsam mit Trompeter Ferg Kilsby, Saxophonist Cam Rossi und Keyboarder Sandro Shar auf ihrem bereits im Februar erschienenen Debütalbum, das sie schlicht nach ihrer Band benannten: "Knats". Jetzt folgt die "Geordie Limited Edition" mit identischen Tracks, die sich eine verspätete Rezension verdient haben.
Auf den Namen "Geordie jazz" tauften Knats aus Newcastle upon Tyne ihre Spielart der einst in den Südstaaten der USA entstandenen Musikrichtung. Anlässlich ihres letztjährigen Auftritts bei den "Proms at the Glasshouse" schwärmte Guardian-Autor Dave Simpson, die Band verknüpfe das Genre mit "Drum'n'Bass-Energie und Punk-Aggression neu". Na dann: Durchatmen und Ohren auf! Der Opener "One for Josh" klingt – überraschend konventionell. Und richtig gut. Wer Jazz bisher nur aus 5-Sterne-Hotel-Lounges kannte, wird überrascht sein, dass Percussionist Ike-Elechi seine Drumsticks keineswegs mit Samthandschuhen anfasst. Alle anderen können schnell feststellen, dass Knats – abseits der Tatsache, dass Woodward keinen Kontrabass, sondern E-Bass spielt – keine Genrekonventionen auf den Kopf stellen. Was sie auch nicht nötig haben. Von "Punk-Aggression", lieber Mr. Simpson, ist auf dem Debüt nichts zu hören. Dafür, modernem Rock eine Prise Jazz zu verpassen, sind nach dem Ende von Black Midi noch Squid zuständig. Die auf die Fusion-Karte setzenden Knats musizieren mit umgekehrten Vorzeichen. Wenn Gast Anatole Muster "Miz" durch sein Akkordeonspiel ergänzt, klingt das vergleichsweise brav. Gleichzeitig ehren die Newcomer aus der nördlichsten Großstadt Englands die Wurzeln des Genres stärker als überdeutlich auf die Edel-Lounges dieser Welt schielende Smooth Jazzer, etwa wenn Elechi "500 Fils" mit einem fünfundvierzigsekündigen Drumsolo eröffnet. Daraus, wer ihre Idole sind, machen Knats kein Geheimnis: So huldigen sie mit ihrer gelungenen Interpretation von "Black Narcissus" Tenorsaxophon-Legende Joe Henderson. Noch heller glänzt die Band, wenn sie die Easy-Listening-Schiene weit hinter sich lässt. Etwa, wenn Streicher in dem Woodwards Mutter gewidmeten "Tortuga (for me mam)" die härtesten Herzen weichkochen oder "In the pitt" mit Keyboardflächen und Miro Treharnes psychedelisch angehauchtem Scatgesang einen angenehmen Sog entwickelt.
Im Closer "Adaeze" erinnern die sanften Klänge einer Conga an Ike-Elechis verstorbene Schwester. Knats erzählen ohne die Verwendung von Worten Geschichten aus dem Leben, aus grauen Wohnblöcken in einer grauen Stadt. Mitunter traurige Geschichten, in denen aber stets Träumen erlaubt ist. Und träumen von Größerem dürfen die Fusion-Experten angesichts ihres vitalen, schön arrangierten und meisterhaft eingespielten Debüts. Auch davon, den Jazz aus der Anzugträger-Nische zu holen. Dafür müssen sie nicht einmal dem Attribut "Nova" gerecht werden, das als Graffiti auf der Hauswand des Albumcovers prangt. Das hier ist kein nie zuvor gehörter Genremix, kein Rap, kein Punk, kein Rock'n'Roll. It's only jazz. But I like it.
Highlights
- One for Josh
- Tortuga (for me mam)
- In the pitt
Tracklist
- One for Josh
- Miz (feat. Anatole Muster)
- 500 fils (feat. Parthenope)
- Black Narcissus
- Rumba(r)
- Makina Thema (Interlude)
- Tortuga (for me mam)
- Se7en (feat. Tom Ford)
- In the pitt
- Adaeze
Gesamtspielzeit: 47:57 min.
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Referenzen
The Headhunters; Weather Report; Joe Henderson; Soft Machine; Ian Carr; Nucleus; Miles Davis; Joe Zawinul; Colosseum; Herbie Hancock; Return to Forever; Thelonious Monk; Alphonse Mouzon; Jack DeJohnette; Passport; Klaus Doldinger; Volker Kriegel; Terje Rypdal; Jukka Tolonen; Brand X; Gong; Anatole Muster; Billy Cobham; The Graham Bond Organization; Jeremy & The Satyrs
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