Gaahls Wyrd - Braiding the stories
Season Of Mist / Soulfood
VÖ: 06.06.2025
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
Schwarzweißdenken
Natürlich wird Kristian Espedal seinen Bekanntheitsgrad immer aus dieser Epoche ziehen. Damals, als er unter dem Pseudonym Gaahl mit seinen Bands Trelldom und Gorgoroth Teil der so genannten zweiten Welle des Black Metal in Norwegen war und vor allem mit Gorgoroth so aufwändige wie umstrittene Bühnenshows zelebrierte. Als Espedal dann nach dem Ende von Gorgoroth zunächst seine Homosexualität bekanntgab und sich dann als Maler und Modedesigner versuchte, wurde er in Teilen der offensichtlich nicht immer toleranten Szene zeitweilig zu einer Persona non grata. Im Jahr 2019 zeigte er nach einer längeren Pause mit seiner Band Gaahls Wyrd und dem Debütalbum "GastiR – Ghosts invited" dann, dass er nach wie vor großartige Musik zu produzieren imstande ist. Ob man sie nun Black Metal nennt oder nicht.
Der größte Fehler angesichts des neuen Albums "Braiding the stories" wäre also, sich ihm mit irgendeiner Erwartungshaltung zu nähern. Denn dann gelingt es, sich vom ätherischen Intro "Dreams" gefangennehmen zu lassen, einzutauchen in eine Stimmung, die Gaahl selbst "The white lodge" nennt. Kenner der Serie "Twin Peaks" wissen, was gemeint ist. Und während das Stimmengewirr im Hintergrund immer bedrohlicher anschwillt und sich alle Sinne auf eine brutalstmögliche Black-Metal-Eskalation vorbereiten, passiert – nichts davon. Denn der über acht Minuten lange Titeltrack schwelgt in opulenten Dark-Metal-Sphären, flirrenden Gitarrenläufen und einem Frontmann, der mehr beschwört als singt, seinen eigenen kreativen Prozess in spirituelle Sphären hebt. "Songs told to me in through me / And into voices in my head / Stories from a distant voice / Written by the stars" – ja, Gaahl ist in der Tat praktizierender Schamane.
Dann aber, wenn man es nicht mehr erwartet, die Eruption. Wie eine Urgewalt fällt "Time and timeless timeline" über Dich her, lässt in den Strophen purer Raserei freien Lauf, nur um in einen hypnotisch marschierenden Refrain überzugehen. Nur um mit "And the now" wieder unvermittelt auf die Bremse zu treten: Bedrohlich gehauchte Vocals schweben über floydische Sphären, lassen dabei jedoch niemals das trügerische Gefühl von Ruhe, von Entspannung aufkommen. Mehr ein Ritual als ein Song. Das strengt an, das fordert ständige Aufmerksamkeit. Vor allem "Visions and time" zerrt an den Nerven und ist doch hypnotisch, während die Stilmixtur von "Root the will" mehr verwirrt als mitreißt, ehe Gitarrist Ole Walaunet das Stück mit einem famosen Solo aber vor einem Ausfall rettet.
Wie es besser geht, zeigt der Abschluss "Flowing starlight". Viel besser sogar. Denn hier reißt Gaahl auch die letzten Genregrenzen nieder, flirtet, ach was, stürzt sich in eine wilde Affäre mit Fields Of The Nephilim und lässt Goth-Rock (un)fröhliche Urständ feiern. Anders als alles, was der Norweger zuvor produziert hat, und doch so stimmig, so spannend – Dunkelheit kann so schön sein. Ob Schönheit wirklich die gewünschte Assoziation ist, lässt Gaahl bewusst offen. Doch "Braiding the stories" ist in der Tat als eine Art Gegenstück zum Debüt konzipiert, bleibt aber sperrig und fordernd. Und genau das dürfte das Ziel des Norwegers gewesen sein, der von seinem persönlichsten Album spricht. Was in diesem Fall bedeutet, dass er sich wie gewohnt einen Dreck darum schert, was andere von seiner Kunst halten – hier bin ich, hier habe ich mich verwirklicht, nimm es oder lass es bleiben. Genau deshalb ist "Braiding the stories" ein spannender Einblick ins Innere eines aufgrund seiner Vergangenheit nicht unumstrittenen Künstlers.
Highlights
- Braiding the stories
- Time and timeless timeline
- Flowing starlight
Tracklist
- Dreams
- Braiding the stories
- Voices in my head
- Time and timeless timeline
- And the now
- Through the veil
- Visions and time
- Root the will
- Flowing starlight
Gesamtspielzeit: 42:15 min.
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2025-06-27 20:11:00 Uhr - Newsbeitrag
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Referenzen
Gorgoroth; God Seed; Behemoth; Trelldom; Gaahlskagg; Misþyrming; Kampfar; Mork; Enthroned; Enslaved; Emperor; Darkthrone; Mayhem; Bathory; Deathspell Omega; 1349; Immortal; Abbath; Taake; Ov Hell; Carpathian Forest; Dark Funeral; Urgehal; Satyricon; Belphegor; Gehenna; Watain; Mgla; Wiegedood; Dissection; Nidingr; Morbid Funeral; Svartidauði; Drudkh; Windswept; Funeral Mist; Craft; Ultha; Árstíðir Lífsins; Vreid; Borknagar; Wintersorg; Celtic Frost; Tryptikon; Dødheimsgard; Primordial; Fields Of The Nephilim; Mario Infantes; Wardruna
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