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Philemon - Waste

Philemon- Waste

Thirty Something
VÖ: 07.02.2025

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Harmonie ist eine Strategie

Was fällt dem hiesigen Durchschnittsbürger ein, wenn er nach belgischen Exportschlagern gefragt wird? Wohl als erstes Fritten, Miesmuscheln und eigenartige Biere, die lustvoll das deutsche Reinheitsgebot unterwandern. Und Musik? War da was? Ja gut, es gibt dEUS und auch immer wieder Acts, die für erfolgreiche elektronische Musik stehen, man denke nur an Soulwax, Front 242 oder die DJanes Charlotte de Witte und Amelie Lens. Ansonsten würde wohl niemand Belgien als unverzichtbare Wiege musikalischer Exzellenz betrachten. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel – und mit Philemon haben wir eine solche. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich der Multiinstrumentalist Anton de Boes, der für "Waste" vier weitere Musiker um sich geschart hat, unter anderem den Drummer Christophe Claeys, bekannt durch seine Zusammenarbeit mit Mark Lanegan.

Und was dieses Quintett da für ein Album rausgehauen hat, das ist schon ziemlich bemerkenswert. Selten kriegt man Debütalben in einem dermaßen hohen Reifegrad vor die Flinte. Hier stimmt so ziemlich alles. Was wir zu hören bekommen, ist so ziemlich der Gegenentwurf zur eiskalten und nihilistischen Sequencermucke von Front 242: Bei "Waste" geht es durchweg harmonisch zu, und zwar im doppelten Sinne. Zum einen setzt Philemon auf gefällige Arrangements, über weite Strecken akustisch instrumentiert – eine Art Indie-Folk, könnte man sagen. Zum anderen wird hier aber auch musiktheoretisch außerordentlich versiert mit Harmonien hantiert. So ziemlich alle Stücke kommen mit unvorhersehbaren Akkordwechseln, raffiniertem Dur-Moll-Spiel und überraschenden Wendungen. Bestes Beispiel ist gleich der Opener "Back from the start": Er beginnt mit einer herumirrenden Akustikgitarre und Gesang, wobei beatleske Melodielinien sofort betören. Peu à peu kommen andere Instrumente hinzu – und spätestens, als eine sacht schmurgelnde Klarinette sich einschaltet, ist man sofort angefixt von dieser wundersamen, wunderbaren Musik. Doch Philemon kann noch einen Gang hochschalten – im dritten Refrain gesellt sich ein Mellotron dazu, wodurch es fast schon in Richtung Artrock à la King Crimson geht. Das hat Schmiss, das hat Farbenpracht, wirkt aber trotzdem zu keiner Zeit überladen.

Dieses hohe Niveau kann die Band über das gesamte Album hinweg halten, wenn man von dem etwas schwächeren Track "Running away" absieht. Ansonsten bietet Philemon ein schimmerndes Panoptikum aus diversen Epochen und Stilrichtungen: Beim Intro von "Gone to waste" wird man fast an die seligen Schramms erinnert, für "The mess" könnte Paul McCartney die Patenschaft übernommen haben: Das mäandernde Songwriting erinnert mehr als einmal an die Top-Notch-Komposition "The long and winding road". "Hold on" wiederum beschwört die besten Coldplay-Zeiten herauf – der Song hätte auch als zweiter Hidden Track auf "Parachutes" eine sichere Zuflucht bekommen können. Man kann es drehen und wenden, wie man will: "Waste" ist ein ungemein abwechslungsreiches Album, das trotz aller Harmoniebestrebungen eben nie schlaff-harmoniesüchtig, sondern dabei stets eigenständig daherkommt. Man möchte nach dem Genuss dieser elf Songs sofort eine Bimmelbahn nach Knokke besteigen, in die nächstbeste Kneipe stolpern, Moules Frites und Starkbier ordern – und ein Livekonzert von Philemon genießen. Oder, ganz kurz: Belgique: Douze points!

(Jochen Reinecke)

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Highlights

  • Back from the start
  • The mess
  • Oh boy
  • Hold on

Tracklist

  1. Back from the start
  2. Gone to waste
  3. Will you stay by my side
  4. Running away
  5. The mess
  6. Oh boy
  7. Television set
  8. Hold on
  9. Just like you
  10. Staring at the sun
  11. Only me

Gesamtspielzeit: 40:02 min.

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User Beitrag

Hierkannmanparken

Postings: 3013

Registriert seit 22.10.2021

2025-03-31 13:58:49 Uhr
Schönes, lockeres Album. Vor allem in Back From the Start und Hold On mag ich die Soundkulisse mit der Klarinette (?). Allerdings hat mir der Rezi-Titel jetzt erstmal einen anderen Ohrwurm beschert.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 30443

Registriert seit 08.01.2012

2025-03-03 20:42:40 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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