Paul Heaton - The mighty several
EMI / Universal
VÖ: 11.10.2024
Unsere Bewertung: 8/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
Pop à la Pub
Seinen Platz in der britischen Musikgeschichte hatte sich Paul Heaton bereits als Anführer des "Caravan of love" mit The Housemartins in den Achtzigerjahren reserviert und mit den bittersüßen Pop-Preziosen der Nachfolgeband The Beautiful South endgültig gesichert. Auch seine hierzulande großteils ignorierten Soloalben und Kollaborationen mit Ex-The-Beautiful-South-Mitstreiterin Jacqui Abbott zementierten Heatons Status auf der Insel als scharfzüngiger Beobachter des britischen Alltagslebens mit einem Händchen für eingängige Melodien. "The mighty several" ist sein erstes Album unter seinem eigenen Namen seit 2012, von einem Solowerk kann mit Blick auf die Tracklist voller Features jedoch keine Rede sein: Der 62-Jährige teilt das Rampenlicht und den Leadgesang bereitwillig mit bis dato weniger bekannten Stimmen.
Die Schottin Rianne Downey, auf die Heaton via YouTube gestoßen war, ähnelt in Klangfarbe und Phrasierung Jacqui Abbott doch sehr, sodass ihre Tracks unmittelbar wohlige Vertrautheit bei alten Fans auslösen dürften. Danny Muldoon sang in einem Pub alte Blues-Klassiker, just als Heaton dort ein Bierchen trank. Überhaupt spielt das Pub nicht nur für die Entstehung des Albums, sondern auch als mehr oder weniger vordergründiges Motiv eine zentrale Rolle für "The mighty several". Im britischen Sitcom-Klassiker "Men behaving badly" sinniert ein Protagonist an den Tresen gelehnt einmal über "the place of the public house within the cultural fabric of this great nation", und tatsächlich ist die Kneipe natürlich nicht nur Trinklokal, sondern auch Alltagsschauplatz der kleinen Leute und Verhandlungsort aller wichtigen Themen von Liebe bis Politik. Auch auf diesem Album.
Der mitreißende Opener "National treasure" mit seinen schwungvollen Streichern feiert alltägliche, "unknighted, unsung" Heldinnen und Helden von Pflegepersonal bis Busfahrer und erinnert dabei sehr an The-Beautiful-South-Gassenhauer wie "Good as gold". Im ungeheuer vergnüglich treibenden Ska-Groover "Quicksand" mit Leadgesang von Downey geht es um die altbekannte Gefahr des Versumpfens in der Kneipe, inspiriert wurde der Song wohl ausgerechnet von einem Pub im hessischen Limburg. Eine erste Atempause bietet die klassisch arrangierte Ballade "After the sugar rush", neben einem Kopfnicken in Richtung Neil Young auch ein berührender Kommentar über Langzeitbeziehungen nach dem initialen Rausch der Verliebtheit. Fast ebenso toll ist der zweite große Balladenmoment des Albums, wenn das bluesige "Silly me" mit der tollen Soul-Stimme von Yvonne Shelton als zusätzlicher Bereicherung sowohl Shakespeare als auch Seifenopern zitiert.
Im energetischen Bläser-Pop von "H into hurt" über eine toxische Beziehung ebenso wie im hinreißenden Folk-Rocker "Just another family" über ein junges Mädchen, das versucht, ihre von Alkoholismus betroffene Familie zusammenzuhalten: Typisch für Heaton ist die Verknüpfung von sarkastischen bis düsteren Texten mit enorm fröhlichen Mitwipp-Melodien. Dies gelingt auf "The mighty several" vielleicht auch deswegen besonders gut, weil mit Produzent Ian Broudie von The Lightning Seeds ein ausgewiesener Experte für cleveren Ohrwurm-Pop mit an Bord ist. "Small boats" lässt in The-Pogues-Manier jeden Irish Pub erbeben, wobei die von Muldoon betont unschuldig vorgetragenen, zynischen Stammtischperspektiven zum Thema Migration bei genauerem Zuhören jede Schunkellust betroffen im Keim ersticken lassen: "Get yourself on front row / Popcorn and a drink / Settle down and watch those bastards sink." Zum Abschluss gibt uns Heaton dann im klanglich überraschenden, mit leichtem Drum'n'Bass-Einschlag wabernden "Walk on, slow down" noch augenzwinkernde Empfehlungen zur Wahl eines guten Pubs: "And the people stood at bar / Are talking makes of car / Then walk on." In diesem Geiste hier eine Bitte des Rezensenten: Sollten in einem Pub Songs von "The mighty several" oder aus Paul Heatons Diskographie insgesamt gespielt werden, dann bestellt euch noch einen Drink und hört zu. Es lohnt sich.
Highlights
- National treasure (feat. Rianne Downey)
- After the sugar rush
- Small boats (feat. Danny Muldoon)
- Just another family (feat. Rianne Downey)
Tracklist
- National treasure (feat. Rianne Downey)
- Quicksand (feat. Rianne Downey)
- After the sugar rush
- Fish'n'chip supper
- H into hurt (feat. Rianne Downey)
- Silly me (feat. Rianne Downey & Yvonne Shelton)
- Small boats (feat. Danny Muldoon)
- Just another family (feat. Rianne Downey)
- Pull up a seat (feat. Danny Muldoon)
- The Blues came in
- Couldn't get dead (feat. Rianne Downey)
- Walk on, slow down
Gesamtspielzeit: 44:51 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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Hogi Postings: 553 Registriert seit 17.06.2013 |
2024-11-03 11:01:41 Uhr
Ich hab ihn früher auch für einen großen Songwriter gehalten Aber schon die letzten beiden BS-Alben waren mau und das ging dann solo und mit Abbott meist so weiter. Auf Albumlänge hat er mich nie mehr komplett abgeholt. Werde jetzt aber mal reinhören. |
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andygoestohollywood Postings: 660 Registriert seit 27.11.2023 |
2024-11-03 08:32:31 Uhr
Was ja nicht überrascht, denn er ist ein wohl unterschätzter Songwriter und Beautiful South eine Band mit lauter Popperlen. |
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BunteKuh Postings: 529 Registriert seit 17.07.2022 |
2024-10-31 22:38:21 Uhr
Mir gefällt's. Ich fand die Housemartins und The Beautifull South schon ziemlich genial und er macht hier vieles richtig.Es geht hier recht abwechslungsreich und sehr handwerklich zur Sache. Kann ich mir sehr gut im Pub bei einem Guinness vorstellen. Macht Laune. 7-8/10 |
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Armin Plattentests.de-Chef Postings: 29985 Registriert seit 08.01.2012 |
2024-10-30 21:04:34 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. Meinungen? |
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MickHead Postings: 9553 Registriert seit 21.01.2024 |
2024-10-18 19:04:45 Uhr
Danke für deine Einschätzung.Im UK wieder ein voller Erfolg. Das muss doch hier mal für eine Rezension reichen! Brandaktuell: UK Albums Chart # 2 UK Physical Albums Chart # 1 UK Update Albums Chart # 1 UK Albums Sales Chart # 1 UK Vinyl Albums Chart # 2 UK Albums Downloads Chart # 2 Scottish Albums Chart # 1 |
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Referenzen
The Beautiful South; Biscuit Boy Aka Crackerman; The Housemartins; The Lightning Seeds; Lloyd Cole; Morrissey; The Proclaimers; Badly Drawn Boy; Belle & Sebastian; Dexys; Tim Burgess; James; The Hidden Cameras; The Divine Comedy; Catatonia; Deacon Blue; The Bluetones; The Boo Radleys; Ben Folds Five; Cast; Ocean Colour Scene; Teenage Fanclub; XTC; Travis; The Pogues; Sleeper
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