The Iron Lung Quintet - For the birds, all for the birds
Timezone
VÖ: 27.09.2024
Unsere Bewertung: 8/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
Fünf flogen über das Kuckucksnest
The Iron Lung Quintet sind ein Klangphänomen. Das wird wieder einmal klar, als die ersten Gitarren-Arpeggios ihres neuen Albums aus den Boxen perlen. Eine schwebende Opulenz nimmt den Raum ein, verwandelt alles in eine melancholische Parallelwelt, in der es niemanden wundert, dass alles auf eine leicht schiefe Bahn gerät. Das ist natürlich keine Magie, sondern wohl ausgefeiltes, üppiges Arrangement. Dafür sind die fünf Hamburger bekannt, damit haben sie auch schon auf dem Vorgänger "Narrow escapes" Lieder jenseits aller Trends festgehalten. Zwischen lakonischer Lyrik und schräger Instrumentierung bewegt sich auch "For the birds, all for the birds", wie schon der Titel verrät. Es ist ein Blick auf die Welt, der an eine englische Version von Horst Evers erinnert: "Death takes you places where irony won't go." Klingt vollkommen einleuchtend – warum ist bisher noch niemand darauf gekommen? Ein Blick ins Booklet offenbart: Diese beeindruckende Zeitlosigkeit ist nicht nur kalkulierte Masche, sondern für die Band notwendige Bedingung. Denn aufgenommen wurden die Stücke zwischen 2018 und 2021. Warum es dann weitere drei Jahre bis zur Veröffentlichung dauerte, kann man die Band zwar fragen, man erntet allerdings nur fiebriges Gekicher. So ist die Welt von The Iron Lung Quintet nun mal, sechs Jahre Brutzeit, wer nach Gründen sucht, fliegt über das Kuckucksnest.
Dabei zeigt sich "For the birds, all for the birds" erstaunlich konsistent für seinen Entstehungszeitraum. Einen großen Anteil daran dürfte Schlagzeuger Frank Wöhst haben, der im eigenen Studio über Jahre hinweg die Aufnahmesituation konstant halten konnte. Das ermöglicht der Band, tanzende Chansons mit üppigen Bläsersätzen wie "Heavy weight" und "Theory of everything" neben die soundtrack-artige Traumsequenz "The sea waits patiently" zu stellen, ohne stilistisch einen Bruch zu riskieren. Der Opener "All the while" lehnt sich an die staubigen Klänge Calexicos an, während man mit "Why do dogs look at you like that" nahe am Klezmer entlangstreift. Das alles funktioniert zusammen auf einem Album, da Jens Altfelder und Björn Steffens die Gitarren so ineinander verschränken, dass sie Melodie und Rhythmus stets zu gleichen Teilen oben halten und so auch Dreivierteltakte unauffällig in das Album einbetten – "Paper, scissors, stone" klingt dabei wie der kajal-verschmierte Gegenentwurf eines Anti-Helden zu Sinatras "My way".
Den größten Anteil an der außergewöhnlichen Stimmung zwischen Zartheit und Traurigkeit über zwölf Lieder hinweg aber hat Sänger Christian Putzar, der es dieses Mal schafft, seine Stimmgewalt so weit zu bändigen, dass er nicht mehr ins Brüllen verfällt, wie auf den beiden Alben zuvor. Das war zwar imposant, riss aber auch in der Vergangenheit stets riesige Löcher in die mühsam aufgebaute Stimmungsleinwand. Der wütende Tom Waits ist nun verschwunden und hat einem gutmütigen Erzähler Platz gemacht, der mit einem Schmunzeln über die putzigen Begebenheiten mit den Menschen und anderen Kreaturen singt, die auf die ein oder andere Weise scheitern müssen. Die Komik wird bei aller Tragik mitgeliefert und verfehlt ihre Wirkung nicht – "fuck you, oh, gravity"! Es macht das Album leicht und melancholisch zugleich. Ein Gefühl der fröhlichen Trostlosigkeit, das sich sonst nur durch Element Of Crime herstellen lässt. Das muss dieser Herbst sein, wenn die Kraniche schon wissen, dass sie sich Richtung Süden aus dem Staub machen sollten. Nicht weil es kalt wird, sondern weil sie ungern das Futter für einen weiteren Song liefern wollen, wenn Putzar sie unbeholfen auf dem Glatteis über die Binnenalster staksen sehen würde.
Highlights
- All the while
- Flip, the bird
- Theory of everything
- Oh, gravity
Tracklist
- All the while
- Flip, the bird
- The taste of blood
- Heavy weight
- The sea waits patiently
- Why do dogs look at you like that?
- Paper, scissors, stone
- Theory of everything
- Panorama inn
- Sky remains the same
- Great summer lightness (butterfly)
- Oh, gravity
Gesamtspielzeit: 66:51 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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Hierkannmanparken Postings: 2992 Registriert seit 22.10.2021 |
2024-11-26 21:13:48 Uhr
Ja, was soll ich sagen? Ja. Ja! |
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Grizzly Adams Postings: 6647 Registriert seit 22.08.2019 |
2024-11-26 20:36:58 Uhr
Schon wiedersiehst mit einem Post. Verstehe gar nicht, wieso das Album hier so under the Radar läuft. Ein richtig Gutes für meine Ohren, das mehr Aufmerksamkeit bzw. Traffic verdient hätte. Gehört klar zu den besten für mich in diesem Jahr. |
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Grizzly Adams Postings: 6647 Registriert seit 22.08.2019 |
2024-11-07 18:31:09 Uhr
Ups. Schon mehr als einen Monat her der letztePost! Und auch noch von mir…Das Album ist in meiner Jahresliste zu 100% vertreten. Unbedingte Empfehlung. Und ja, mit ein wenig mehr Lokalpatriotismus hätte es vor einigen Wochen auch das AdW werden sollen/müssen/dürfen. ;-) |
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Grizzly Adams Postings: 6647 Registriert seit 22.08.2019 |
2024-10-04 17:10:23 Uhr
Wäre mMn auch für das AdW in Frage gekommen. Mit en bisschen mehr Lokalpatriotismus. Ist ja eine deutsche Band. |
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Hierkannmanparken Postings: 2992 Registriert seit 22.10.2021 |
2024-10-04 16:47:15 Uhr
Also Fans von Seneschenel sollten auf jeden Fall in den Opener reinhören.Die Highlights sind gut gewählt, würde noch The Sea Waits Patiently und Why Do Dogs Look At You Like That hinzufügen. |
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Referenzen
Tom Waits; Eels; Calexico; Guster; Arno; Madrugada; Mark Lanegan; Element Of Crime; The National; Matt Berninger; Wilco; My Bloody Valentine; Ride; Botanica; DeVotchKa; Murder By Death; Poems For Laila; Seachange; The Black Heart Procession; Shearwater; Woven Hand; 16 Horsepower; Firewater; The Veils; American Music Club; Matt Elliott; My Morning Jacket; R.E.M.; The Smiths; She&Him; Giant Crow; Bright Eyes; Nick Cave & The Bad Seeds; Elbow; Hiss Golden Messenger; Paul Weller; Richard Hawley; The Church; Ezra Furman; The Chameleons
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