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John Cale - Poptical illusion

John Cale- Poptical illusion

Domino / GoodToGo
VÖ: 14.06.2024

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Kein fauler Trick

"I'm angry." An fünfter Stelle seines 18. Studioalbums informiert uns John Cale dankenswerterweise schon im Songtitel über seine Gefühlslage. So klar war diese zuvor nämlich nicht zu identifizieren – und auch besagter Track wirkt musikalisch überhaupt nicht wütend, sondern entschwebt auf seinen Orgeln ins Traumland. "Poptical illusion" umhüllt existenzielles Unbehagen mit schillernden Texturen, die genauso detailreich, aber merklich heller und entspannender als die des Vorgängers "Mercy" daherkommen. Über 80 Songs soll der inzwischen 82-Jährige während der Pandemie geschrieben haben – und schöpft aus diesem Pool zum zweiten Mal in kürzester Zeit eine sowohl im Kontext des eigenen Œuvres als auch in der kontemporären Art-Pop-Welt absolut eigenständig klingende Platte ab. Fast sechs Dekaden sind vergangen, seitdem er mit The Velvet Underground Musikgeschichte geschrieben hat, doch blickt der hagere Waliser weiterhin nach vorn.

"If you've done things you wished you'd never done / Think of the things you're going to do tonight." Selbst wenn sich "Davies and Wales" an alte Zeiten zurückerinnert, bleibt der Fokus in der Zukunft. Auf vor verhaltener Euphorie hüpfenden Tasten wankend, entpuppt sich der Song spätestens im hochmelodischen Refrain als einer der offensivsten Hits des Albums. Schwieriger ist sein Rahmen zu durchdringen. Mit der mysteriösen Gravitas des späten Bowie spannt der Opener "God made me do it (Don't ask me again)" ein verschwommenes Panorama zwischen Drumcomputer und Synth-Echos auf, ehe die elektronische Seltsamkeit "Calling you out" einen Akustikgitarren-Loop auf dissonante Geräusche und verzerrte Vocals treffen lässt. Hoffnung erblüht über dem pastellfarbenen HipHop-Beat von "Edge of reason", doch versteckt sich darunter die pure Resignation. Cale zitiert seinen 1974er-Song "Fear is a man's best friend", nur um der Welt 50 Jahre später ein vernichtendes Zeugnis auszustellen: "Seems we've gone too far to fix it / Leave it for another time."

Angesichts solcher Chaos-Impressionen wie "the rightwingers burning their libraries down" eine nachvollziehbare Bilanz. Passenderweise leitet "Company commander", aus dem diese Zeile stammt, mit harschem Industrial-Geklapper die auch akustisch unbequemste Phase der Platte ein. "Setting fires" kommt zwar etwas zur Ruhe, bietet als von arrhythmischem Bass durchzogenes Stück Elektro-Psychedelia aber einen nicht gerade weichen Schlafplatz an. Dass Cale den Gitarrenkrach seiner Ex-Band nicht verlernt hat, beweist "Shark-shark", das zu stoischem Groove so lange sägt, dröhnt und knirscht, bis dem besungenen Haifisch auch der letzte Zahn ausgefallen ist. Und wenn sich "Funkball the brewster" bis zu einem vokalen Ausdruckstanz samt Schrei-Einlage steigert, überrascht höchstens die stimmliche Flexibilität des greisen Mannes.

Doch am allermeisten beeindruckt "Poptical illusion", wenn es lupenreine Synthpop-Perlen aus dem Ärmel schüttelt. "Can I close another chapter / In the way we run our lives?", fragt "How we see the light" über Piano-Stakkato und hymnischen Gesten, die einer glanzvollen Hook den Weg bereiten. "All to the good" bringt kurz vor Schluss noch einmal viel Schwung ins Album, bevor "Laughing in my sleep" Streicher-unterstützt den Dreampop-Himmel öffnet. Auch ohne eine Gästeliste voll hipper Indie- und Electro-Acts schafft es Cale mühelos, frisch und zeitgemäß zu klingen, ohne sich dabei anzubiedern. Die Energie nimmt er nur eigenmächtig und gezielt raus, um etwa in der auf einem zirkelnden Klavier gebauten Abschlussballade "There will be no river" mit melancholischer Akzeptanz einem wie auch immer gearteten Ende entgegenzublicken. Es gäbe schlechtere Schwanengesänge für eine Karriere wie die von John Cale – doch solange noch rund 55 Songs auf ihre Veröffentlichung warten, braucht sich darum niemand Gedanken zu machen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Davies and Wales
  • How we see the light
  • Shark-shark
  • Laughing in my sleep

Tracklist

  1. God made me do it (Don't ask me again)
  2. Davies and Wales
  3. Calling you out
  4. Edge of reason
  5. I'm angry
  6. How we see the light
  7. Company commander
  8. Setting fires
  9. Shark-shark
  10. Funkball the brewster
  11. All to the good
  12. Laughing in my sleep
  13. There will be no river

Gesamtspielzeit: 64:08 min.

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User Beitrag

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26961

Registriert seit 08.01.2012

2024-06-27 22:18:41 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

MickHead

Postings: 1258

Registriert seit 21.01.2024

2024-03-26 19:19:11 Uhr
POPtical Illusion:

1. God Made Me Do It (don’t ask me again)
2. Davies and Wales
3. Calling You Out
4. Edge of Reason
5. I’m Angry
6. How We See The Light
7. Company Commander
8. Setting Fires
9. Shark-Shark
10. Funkball the Brewster
11. All To the Good
12. Laughing In My Sleep
13. There Will Be No River

MickHead

Postings: 1258

Registriert seit 21.01.2024

2024-03-26 19:09:35 Uhr
Der Rocktitan John Cale kündigt für den 14.06. sein neues Album "POPtical Illusion" an. Der Nachfolger von "Mercy" aus dem letzten Jahr. Die 1. Single "How We See The Light" ist draussen.

https://www.youtube.com/watch?v=FiQ9Xt9hU3c
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