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Charli XCX - Brat

Charli XCX- Brat

Warner
VÖ: 07.06.2024

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

How she's feeling now

"My career feels so small / In the existential scheme of it all." Der Besuch bei einem befreundeten Elternpaar bringt Charli XCX ins Grübeln: Soll sie selbst nun, mit 31 Jahren, nicht auch langsam über die Mutterschaft nachdenken und die Musik hintenanstellen? Die Szene ereignet sich in "I think about it all the time", dem vorletzten Track von Charlis sechstem Album "Brat", das nach dem bewussten "Sell-out"-Konzept von "Crash" wieder mehr Unsicherheiten und Eigenarten zulässt. Ästhetisch ist dieser zurückhaltende Synthpop allerdings nicht repräsentativ für eine Platte, bei der Charli im Vorfeld nicht umsonst betont hat, dass sie ursprünglich aus den Clubs kommt. "Brat" ist, abgesehen von ein paar notwendigen Comedowns, ein einziger Rave, der in der vor allem auf die Nullerjahre ausgerichteten Huldigung diverser Underground-Disco-Sounds das umfassendste, selbstbewussteste und spaßigste Porträt seiner Erschafferin zeichnet. Wie heißt es so treffend unter der von Industrial-Gurgeln durchsetzten Tanzflächen-Euphorie von "Club classics": "I wanna dance to me, me, me, me, me."

Die Obsession mit dem eigenen Mythos zirkuliert von Anfang an im Raum: "I'm your favourite reference, baby" lautet gleich die zweite Zeile des unterkühlt groovenden Openers "360". Die Selbsternennung zum "cult classic" in der Lead-Single "Von Dutch" ist allerdings zu 100% verdient, so unbeeindruckt wie sich der Song mit Sirenen-Synths und Hochdruckpuls in jede Pop-Jahresbestenliste bohrt. Einen vergleichbaren Totalabriss zelebriert "B2b", das sein thematisiertes Liebesdreieck spiegelnd mit Höchstgeschwindigkeit zwischen den Clubwänden pingpongt. Zu Vier-Viertel-Erdbeben und Funk-Gitarren versucht die French-House-Verbeugung "Talk talk", einen straighteren Augenkontakt zum Lover zu halten – und bringt auf den Punkt, wie reibungslos "Brat" geschmackvolle Retro-Kinetik mit einer Attitüde zwischen It-Girl-Geprotze und nahbaren Selbstzweifeln verbindet.

So stehen Paranoia und Neid im Zentrum von "Sympathy is a knife", das die überwältigende Macht dieser Gefühle in einem dichten Chromstrudel abbildet und sich im Mega-Refrain schreiend nach draußen kämpft. "I couldn't even be her when I tried", beklagt Charli, womit sie, gewisse textliche Brotkrumen ausstreuend, wahrscheinlich Taylor Swift meint. In "Girl, so confusing" geht es wohl um Lorde oder Marina, doch anstatt einen dem Albumtitel gerecht werdenden Diss-Track hinzurotzen, sinniert die Britin über das Hin und Her einer Frenemy-Beziehung, aus der sie selbst nicht schlau wird. Für eine so konsequent auf den Dancefloor zielende Platte ist "Brat" erstaunlich komplex – auch wenn es in "Mean girls" zweifelsfrei mehr Spaß macht, dem Piano-House-Breakdown in der zweiten Hälfte hinterherzuhüpfen, als das Lana-Del-Rey-Namedropping zu sezieren. Ebenso ist in "Apple" die Obst-Metaphorik weniger das Highlight als sein verträumter Touch, der das Momentum auch mit sanfterem Rhythmus aufrechterhält.

Die wenigen echten Ruhepole ziehen die Stimmung dabei keineswegs herunter, sondern faszinieren auf ihre eigene Weise. Mit Flöten und Hollywood-Streichern sonnt sich "Everything is romantic" in den verliebten Impressionen eines Italienurlaubs, ehe dekonstruierte Beats im Geiste einer Björk oder Arca die Idylle zerhacken. "So I" formuliert eine unendlich schöne Ode an Charlis Mentorin und Freundin Sophie, folgt deren Rat auch über den Tod hinaus: "You always said it's okay to cry / So I know I can cry." Alles Angestaute kulminiert im gewaltigen Closer "365", der das Eröffnungsstück bis zur absoluten Techno-Eskalation verzerrt. "I used to never think about Billboard / But now I've started thinking again / Wondering about whether I think I deserve commercial success", gesteht Charli im Hyperpop-Electroclash-Bastard "Rewind". Ein Album wie "Brat" wird überdauern, egal, ob es zehn oder zehn Millionen Mal verkauft wird.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Sympathy is a knife
  • Von Dutch
  • B2b
  • 365

Tracklist

  1. 360
  2. Club classics
  3. Sympathy is a knife
  4. I might say something stupid
  5. Talk talk
  6. Von Dutch
  7. Everything is romantic
  8. Rewind
  9. So I
  10. Girl, so confusing
  11. Apple
  12. B2b
  13. Mean girls
  14. I think about it all the time
  15. 365

Gesamtspielzeit: 41:30 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Herr

Postings: 2483

Registriert seit 17.08.2013

2024-06-22 12:03:42 Uhr
Total fett & fantasievoll & raffiniert & top im Klang, dieses „Von Dutch“. Leider aber nervt es, so dass ich es nicht hören kann.

Kojiro

Postings: 3770

Registriert seit 26.12.2018

2024-06-22 08:54:16 Uhr
„Von Dutch“ ist definitiv ein Brett. Absolut fett produziert. Lange nicht mehr eine so dermaßen geil produzierte / gemischte Nummer gehört. Album höre ich am WE mal an..

Edrol

Postings: 524

Registriert seit 19.10.2018

2024-06-21 20:59:01 Uhr
In "Girl, So Confusing" geht's tatsächlich um Lorde. Jetzt singt sie auch noch mit:

https://www.youtube.com/watch?v=0q3K6FPzY18&ab_channel=CharliXCX

Edrol

Postings: 524

Registriert seit 19.10.2018

2024-06-18 17:34:01 Uhr
"Von Dutch" ist für mich bisher der Song des Jahres. Was für ein Brett! (Und es ist längst nicht das einzige auf dem Album.)

Affengitarre

User und News-Scout

Postings: 11025

Registriert seit 23.07.2014

2024-06-18 13:57:38 Uhr
Bei „How I‘m feeling now“ finde ich, dass der Sound weitestgehend deutlich spannender ist als die eigentlichen Songs. Da merkt man meiner Meinung nach schon, dass die in kürzerer Zeit geschrieben wurden.

Mein Lieblingsalbum bleibt ja „Charli“. Vom Sound her nicht so gewagt wie manch andere Releases von ihr, aber die Songs finde ich von vorne bis hinten sehr stark. „Pop 2“ kommt dann knapp dahinter.
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