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Nestor - Teenage rebel

Nestor- Teenage rebel

Napalm / Universal
VÖ: 31.05.2024

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Am Haken

Wie aus dem Nichts waren sie plötzlich da und schossen durch die Decke. Spätestens 2022 kam kein Rock-Radio, keine rockorientierte Playlist mehr an "On the run" von Nestor vorbei, und je öfter der Song irgendwo lief, umso erbarmungsloser fraß sich die Hook des Refrains "Call the police / Call the fire squad or anyone / Or get me a priest / I'm a lost child on the run" ins Ohr. Spätestens, als auf so manchen Festivals beinharte Death-Metaller voller Inbrunst und verblüffend textsicher die Coverversion von Whitney Houstons "I wanna dance with somebody" mitsangen, musste auch dem Letzten klar sein: Diese Band hat es geschafft. Nur Newcomer, das waren sie lediglich indirekt. Denn Nestor wurden bereits 1989 im schwedischen Falköping als Schülerband gegründet, lösten sich dann aber in den Neunzigern vorübergehend auf. Einige Mitglieder ergriffen sogenannte bürgerliche Berufe und üben sie noch heute aus, während Sänger Tobias Gustavsson der Musik treu blieb und unter anderem am Debüt-Album von Silbermond (!) mitarbeitete oder sich im Songwriting-Team von No Angels (!!) verdingte. Was Hardrocker nun mal so machen. Das heißt: Bis die Schulfreunde 2021 wieder zusammentrafen und mit dem Sound ihres ersten Albums "Kids in a ghost town" zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren.

Man sagt bekanntlich, für die erste Platte habe man ein Leben lang Zeit, für die zweite nur ein, zwei Jahre. Und so galt es natürlich, die mittlerweile immensen Vorschusslorbeeren zu rechtfertigen, ohne vom Hype-Train überrollt zu werden. Da kommt es sehr entgegen, wenn man ein Thema hat, das sich seit Beginn an durch die Lyrics zieht, nämlich der bisweilen wehmütige, aber nicht verklärende Blick zurück auf die eigene Jugend, die Unbekümmertheit, aber auch der Wunsch, aus dem engen Korsett der Konventionen auszubrechen – ganz hervorragend dargestellt durch das Intro der dänisch-britischen Synchronsprecherin Freya Miller, die ebenjene Konventionen mit einem kernigen "Fuck you!" beantwortet. Tja, und dann passiert das, was allgemein erhofft wurde: Nestor machen Nestor-Dinge.

Denn der Opener "We come alive" bläst jegliche Zweifel weg, die Schweden könnten angesichts des Erfolgs ihren Esprit verlieren. Eingebettet in warmen, analogen Sound breiten Nestor eine Achtziger-Hardrock-Hymne aus, die "On the run" nur in wenig nachsteht. Wer von den Spätgeborenen nachvollziehen möchte, wie sich Hardrock damals anfühlte: Hier ist die Blaupause dazu. "We made a difference / Not bad / Not bad at all", verkündet ein Stimm-Sample, und man möchte ihm uneingeschränkt zustimmen. Auch das folgende "Teenage rebel" trifft auf den Punkt, macht die Energie des 16 Jahre alten Protagonisten der Lyrics förmlich greifbar. Ohne Übertreibung: Solche Hooks beherrschen aktuell bestenfalls noch die im Übrigen gut befreundeten The Night Flight Orchestra, ansonsten bleibt die Frage nach wie vor ungeklärt, warum ausgerecht in Schweden immer wieder solche überragenden Harmonien entstehen. Okay, Benny Andersson und Björn Ulvaeus, was habt ihr irgendwann in die zentrale Trinkwasserversorgung gemischt?

Außer den großen Vorbildern von damals, versteht sich. Immer wieder blitzen die großen Journey durch, Def Leppard und Bon Jovi sowieso, und Titel wie "Last to know" und "Unchain my heart" sind ganz sicher nicht aus Zufall gewählt. Und doch sind Nestor keine Epigonen, sondern fügen den Songs bei allem Eklektizismus ihren eigenen Charakter hinzu. Und selbst wenn sich gegen Ende einige klitzekleine Banalitäten einschleichen oder die abschließende Ballade "Daughter" haarscharf am Kitsch entlangsegelt (und dabei doch jedem Vater einer Tochter das Wasser in die Augen treibt), folgt ein kleiner augenzwinkernder Twist auf dem Fuße. Die große Überraschung der letzten Monate musste also schnell erwachsen werden, sofern man das bei den stramm auf die 50 zumarschierenden Bandmitgliedern so sagen darf. Doch nach wie vor treffen Nestor einen ganz bestimmten Nerv vor allem bei denjenigen, die eine ähnliche musikalische Sozialisation durchlaufen haben. Those were the days, my friend, we thought they'd never end.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • We come alive
  • Teenage rebel
  • Caroline

Tracklist

  1. The law of Jante (feat. Freya Miller)
  2. We come alive
  3. Teenage rebel
  4. Last to know
  5. Victorious
  6. Caroline
  7. The one that got away
  8. Addicted to your love
  9. 21
  10. Unchain my heart
  11. Daughter

Gesamtspielzeit: 41:49 min.

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Armin

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2024-05-29 21:20:22 Uhr - Newsbeitrag
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