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Billie Eilish - Hit me hard and soft

Billie Eilish - Hit me hard and soft

Darkroom / Interscope / Universal
VÖ: 17.05.2024

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Richtig gepolt

Schon im Albumtitel steckt der Wunsch nach einer zweiseitigen Beleuchtung der Dinge. "Hit me hard and soft", fordert Billie Eilish mit ihrem dritten Album, das ohne jegliche Vorabsingles in die Welt hinausgelassen wurde. Eine Forderung, der die zehn Stücke selbst nachkommen: Zwischen sanften, geflüsterten Balladen, emotionalen Ausbrüchen und unverschämt eingängigen Hits war Eilish noch nie zugleich so poppig und trotzdem so versponnen. Rund die Hälfte der Songs wechselt zwischendrin das Tempo oder gleich das ganze Genre, etwa wenn das ausladende "L'amour de ma vie" sich durch ein Beziehungsende schleicht, nur um später überraschend einen Trance-Beat auszupacken und Eilishs Stimme in Autotune zu ertränken. Kein Wunder, dass sich ein anfängliches Geständnis – "I need to confess, I told you a lie / I said you, you were the love of my life" – am Ende in ätzendes Gift verwandelt: "You were so mediocre / And we're so glad it's over."

"Hit me hard and soft" ist zwar ohne viel Tamtam in die Welt gebracht worden, strebt aber musikalisch viel mehr nach Größe als noch die Vorgänger "When we all fall asleep, where do we go?" und "Happier than ever". Die Balladenschlagseite des Zweitwerks ist passé, auch wenn der Opener "Skinny" genau wie "Getting older" wieder eine ruhende Standortbestimmung von Eilish ist. "People say I look happy / Just because I got skinny / But the old me is still me and maybe the real me / And I think she's pretty." Dafür haut sie mit "Lunch" gleich danach eine ungewohnt straighte Dancepop-Nummer raus, die den Cunnilingus-Fantasien freien Lauf lässt. "I could eat that girl for lunch / Got her dancing on my tongue." Auch "Birds of a feather" kommt so geradlinig mit seinem Songwriter-Pop daher, dass man Zeilen wie "I want you to stay / 'Til I'm in the grave / 'Til I rot away, dead and buried / 'Til I'm in the casket you carry", glatt überhören könnte.

Vor allem für das fantastische "The greatest", das über seine Laufzeit das ganze dynamische Spektrum ausreizt, stand der Titeltrack von "Happier than ever" Pate, dessen Video sich zudem im Albumcover von "Hit me hard and soft" spiegelt. Auch dieser Song bricht zur Hälfte in eine pompöse Tirade aus, nur dass in diesem Fall mehr ironisches Selbstmitleid mitschwingt: "Man, am I the greatest / God, I hate it / All my love and patience / Unappreciated." Das überdeckt beinahe das auch schöne, aber eben nicht so spektakulär explodierende "Wildflower" zuvor. Macht aber gar nichts, wenn Eilish zusammen mit dem erneut überall beteiligten Bruder Finneas noch die herrlich verspielte Stalker-Fantasie "The diner" in der Hinterhand hat oder im beeindruckenden "Chihiro" dem Beat den Filz untersetzt, bevor der sich zweimal in schwindelige Höhen buzzt und eine Art emotionales Epizentrum bildet. "Can you open up the door?", fragt sie noch. Dabei hat sie längst selbst alle Luken aufgemacht.

"Bittersuite" ist quasi ein Wortspiel im dreifachen Sinn, wenn neben einer bittersüßen Hotel-Geschichte auch musikalisch eine Suite aufgefahren wird, die sich durch einige Zustände morpht, um am Ende bei einer wundervollen Melodie anzukommen. Die entpuppt sich glatt als das Hauptmotiv des folgenden Closers "Blue", welcher – absolut als Kompliment gemeint – auch auf Lana Del Reys frühen Alben einen Platz an der Sonne gefunden hätte. Auch dieses Stück lässt Ideen ständig hinter sich, um sich jeweils der nächsten greifbaren zu widmen. Die Poesie Eilishs ist wundervoll: "You were born bluer than a butterfly / Beautiful and so deprived of oxygen." Es wird düsterer, weirder, ein Beat schaut vorbei und unvermittelt endet die Platte mit den gesprochenen Worten: "But when can we hear the next one?" Womöglich schneller als gedacht? Eilish hat mit "Hit me hard and soft" in jedem Fall klargemacht, dass ihre zu Anfang vorgebrachte Sorge "Am I acting my age now? / Am I already on my way out?" völlig unbegründet ist. Sie wird vielmehr immer besser.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Chihiro
  • The greatest
  • Blue

Tracklist

  1. Skinny
  2. Lunch
  3. Chihiro
  4. Birds of a feather
  5. Wildflower
  6. The greatest
  7. L'amour de ma vie
  8. The diner
  9. Bittersuite
  10. Blue

Gesamtspielzeit: 43:50 min.

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