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Kolja Goldstein - Interpol

Kolja Goldstein- Interpol

Chapter One / Universal
VÖ: 11.04.2024

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 2/10

Aus dem Hinterzimmer

Die Besessenheit der Menschen mit dem Thema Authentizität, wenn es um Straßen-Rap in Deutschland geht, ist immer wieder ein Grund zur Faszination. Nicht selten wird darüber am Ende mehr gesprochen als über die Musik. Wie oft wurde der Künstler denn nun angeschossen? Ist er wirklich vorbestraft? Hat er damals Kokain im großen Stil vertickt oder höchstens unter einer Laterne am Bahnhof Wanne-Eickel mit übergezogener Kapuze mal ein Päckchen Gras für zu viel Geld gekauft, nur um zu Hause festzustellen, dass er mit Oregano über den Tisch gezogen wurde? Dass solche Fragen Futter für YouTube-Videos über vermeintliche Wahrheiten bieten, ist die eine Sache. Kurios wird es dann, wenn sich seriöse Journalist*innen einschalten und auf Spurensuche gehen. Wie im Falle des Gangsta-Rappers Kolja Goldstein. Die "Zeit" machte sich die Mühe und kontaktierte für einen Artikel aus dem Sommer 2022 sogar Gefängnisse, in denen er eingesessen haben soll und konstatierte: Alles heißer gekocht als gegessen. Goldstein widersprach, seiner Karriere schien das Ganze nicht zu schaden und am Ende befeuerte er die Debatte ganz im Sinne von "Jede Presse ist gute Presse" sogar ein wenig selbst. Für Außenstehende muss dieser ganze Diskurs sehr befremdlich wirken, denn auch wenn der Vergleich hinkt: Man stelle sich mal vor, es würde jemand auf die Suche gehen, um herauszufinden, ob Gwar wirklich außerirdische Wesen sind oder wie fest der Pakt zwischen Sleep Token und ihrer uralten Gottheit genau ist.

Warum geht es nun also selbst bei Kolja Goldsteins zweitem Album "Interpol” immer noch um Authentizität? Das hat vor allem den Grund, dass er einer der wenigen Rapper ist, der in den letzten Jahren mit hartem Gangsta-Rap begeistern konnte. Seine Geschichten voll Insiderwissen, gespickt mit Namen aus realen Fällen, einer Verortung in dem unausgelutschten Setting der Hafenstädte Hollands und expliziter Gewaltdarstellung waren eine clevere Weiterentwicklung eines eigentlich auserzählten Themas. Daran hat sich auch 2024 nichts geändert. Ein fetter Bass, ein pathetisches Sample, viel Druck und klare Artikulation: Schon im Intro tritt Goldstein mit seiner assoziativen Erzählweise die Tür ein. Er beherrscht es, innerhalb von zwei, drei Zeilen ein Bild zu zeichnen, um es dann wieder verschwinden zu lassen. Im gewaltigen "Urla & Gaia" feuert er mit hoher Geschwindigkeit um sich: "Jede Herde braucht einen Hirten / Damit sich Schäfchen nicht verirren / Demonstrieren wir Stärken in den Vierteln." Technisch alles stabil und immer mal wieder mit der Extrameile im Reimschema: "Doch zu groß sind die Feindschaften / Von Kapverden nach Antwerpen / Schick ich Boote und Zeiljachten." Und dieser Mischung im Namedropping internationaler Knotenpunkte und sehr spezifischer Lokalitäten lauscht man gespannt, ohne so ganz zu wissen, was das jetzt eigentlich genau bedeutet. So richtig viel zu erzählen gibt es auf "Interpol" sowieso nicht. Es geht mehr um Vibes.

Was ein paar seiner Fans zuletzt allerdings abgehängt hat, ist Goldsteins Tendenz, auch gesungene Hooks zuzulassen und das Tempo etwas rauszunehmen. Das führt zu Hybriden wie dem Feature-Track "Heimweh" mit dem kosovo-albanischen Rapper Mozzik, der seine ersten Zeilen ignorant und cool in schlechtem Deutsch rappt: "Ich erzähl Dich, was heißt AMG / Albaner macht Geld, oder wie?" Oder zu gefühlten Kompromissen wie "Schwarz" mit Sido, dessen Beat ein bisschen zu sanft wirkt und umso mehr die seltsam unprofessionell aufgenommene Strophe des prominenten Gastes hörbar macht. Es kann aber auch funktionieren, wenn der offensichtliche HipHop-Fan Goldstein einen langen Part einfach mit zwei Hooks einrahmt und daraus einen ganzen Song baut. "Nie allein" ist so ein Track, der nicht mehr Struktur braucht und die Lines wirken lässt: "Ich war 14, ging mit Hämmern durch Türen / Andere waren mit 17 noch Wände besprühen." Oder "Burj Khalifa", das die Kickdrum in der ersten Minute nur aufblitzen lässt und in der zweiten Hälfte durchzieht, während der Rapper ein bisschen Menschlichkeit zeigt: "Was nützt die HSBC? / Denn mein Vater hat Krebs." Oder auch das brutale "22h", in dem im Hafen die Polizei und der Staat mitmischen und alles nach dem Plot eines Guy-Ritchie-Films klingt: "Der Dicke ruft mich an, wird die Ware noch bezahlen / Bananen sind schon schwarz, entladen wegen Gas, das entwich / Er sagt ständig: 'So arbeit ich nicht'." Mehr Rap-Liebe hört man in "Millieu 24" mit Eno, das mit einem Mobb-Deep- und einem Eazy-E-Sample aufmacht und ein Dr.-Dre-Klavier und Strings mit zeitgemäßem Unterbau anfettet. Und auch in "Tagueule24" mit Celo & Abdi, das mit dem Reverse-Effekt ästhetisch aber eher auf ein Album der beiden Features gepasst hätte und sich auf "Interpol" nicht recht einfügen will. Ein schönes Detail ist die Zeile "Du wirst aufgelöst wie Take That / In Säure" von Abdi, ein klarer Bezug auf Goldsteins "Alle meine Freunde sind nervös / Denn einer meiner Freunde hat einen seiner Freunde in Säure aufgelöst" aus 2021, für die er den Hiphop.de-Award für die Line des Jahres gewonnen hat.

Die letzten Songs sind offensichtlich für besondere Experimente reserviert. "Hundertzehn" lässt Gangster auf knapp 125 BPM tanzen und Reibeisenstimme Capo darf neben einem Rap-Part auch noch eine Bridge singen. "BDN" bringt einen Pop-Smoke-Gedächtnis-Beat und schnellen, fast unharmonischen Gesang mit und ist als Gefängnis-Liebeslied ein Hinhörer – Inhaftierung führt zu einer ganz anderen Art Fernbeziehung. Und "Abu Dhabi 2 (Interlude)" präsentiert sich in bester French-Montana-Manier und breitet seinen Autotune-Gesang auf einem Beat aus, der sich vom Afrotrap inspiriert in Deutschland seit "Palmen aus Plastik" im kollektiven Bewusstsein hält. Genau diese Songs dürften es sein, die Goldsteins Aggro-Fans vor den Kopf stoßen. Die holt er aber im Outro mit einem Piano-Bass-Loop und dem brutalsten Part des Albums wieder rein: "Weder im Auto noch Telefon, da red ich offen / Wenn es sein muss, dann trag ich Plastik und säge Knochen." Die ganz harten Drohgebärden sind immer noch der spannendste Film. Und ob der mittlerweile in Dubai lebende Rapper nun authentisch ist oder nicht – einen guten Plan von seinem Geschäft scheint er zu haben. Deshalb ist der beste Tipp, den er auf "Interpol" geben kann, auch eine der witzigsten Zeilen: "Geht ihr noch Läden mit Skimasken stürmen? / Das sind nicht die Nineties, gründet lieber Briefkastenfirmen!"

(Arne Lehrke)

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Highlights

  • Urla & Gaia
  • Nie allein
  • Burj Khalifa
  • Rotana Freestyle (Outro)

Tracklist

  1. Intro (Interpol)
  2. Gestern (feat. Dú Maroc)
  3. Heimweh (feat. Mozzik)
  4. Urla & Gaia
  5. Nie allein
  6. Millieu24 (feat. Eno)
  7. Burj Khalifa
  8. Taueule24 (feat. Celo & Abdi)
  9. 22h
  10. Schwarz
  11. Hundertzehn (feat. Capo)
  12. BDN
  13. Kopfsteinpflaster
  14. Abu Dhabi (Interlude)
  15. Rotana Freestyle (Outro)

Gesamtspielzeit: 40:22 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Jochen Reinecke

Postings: 24

Registriert seit 22.12.2023

2024-05-14 17:14:11 Uhr
(hihi)

Rochen

Postings: 403

Registriert seit 15.10.2022

2024-05-14 16:46:55 Uhr
Ach, so ist das gemeint! So wie auch die Amigos zu den wenigen Duos gehören, die in den letzten Jahren mit hartem Schlager begeistern konnten.

Arne L.

Postings: 867

Registriert seit 27.09.2021

2024-05-14 16:20:58 Uhr
Wenn er mit zwei Alben in die Top Ten einsteigt und Millionen von Streams auf zwei Dutzend Songs sammelt, wird er wohl mehr Leute als mich begeistert haben.

Rochen

Postings: 403

Registriert seit 15.10.2022

2024-05-14 16:08:53 Uhr
"Das hat vor allem den Grund, dass er einer der wenigen Rapper ist, der in den letzten Jahren mit hartem Gangsta-Rap begeistern konnte."

Den Rezensenten vielleicht, einen solch allgemeingültigen Schluss würde ich deshalb allerdings nicht daraus ziehen.

Volta

Postings: 352

Registriert seit 08.10.2021

2024-05-14 15:17:01 Uhr
Ich glaube, der Typ ist genau so eine Luftpumpe wie die anderen OGs aus Germany.
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