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Beth Gibbons - Lives outgrown

Beth Gibbons- Lives outgrown

Domino / GoodToGo
VÖ: 17.05.2024

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Going forth

Das jüngste Gericht? Den Klempner? Oder doch Portisheads viertes Album? Man ist sich nicht sicher, auf was man noch länger warten muss. Geoff Barrows Ankündigung, dass der Nachfolger zum Meilenstein "Third" schneller fertig sein sollte als dieses selbst, ist nun seit fünf Jahren hinfällig. Sängerin Beth Gibbons hat sich solo ähnlich rar gemacht: Nach "Out of season" in 2002 gemeinsam mit Paul Webb alias Rustin Man hat sie nur mit einzelnen Gastfeatures oder dem Gesang für Henryk Góreckis "Symphony no. 3" mit dem Polish National Radio Symphony Orchestra von sich hören lassen. Die Institution aus Bristol macht sich eben lieber rar und lässt das, was sie veröffentlicht, dafür richtig gelten. Gibbons' erstes echtes Soloalbum "Lives outgrown" ist deshalb in der Hinsicht keine Überraschung. Die Intensität, die Atmosphäre und natürlich diese unverwechselbare Stimme kennt man eben und die Songs treffen die Balance zwischen Neuland und Familiarität.

Der Sound der Platte lässt sich triangulieren, indem man von "Third" aus ein paar Schritte in Richtung Folk geht und dazu mal exotische, mal unwägsam klapprige Percussion-Elemente hinzugibt. "Lost changes" beginnt sogar direkt mit Strums, die stark an Portisheads "Hunter" erinnern, doch der Song nimmt lieber die Abfahrt zu einer wirklich traumhaften Melodie und bleibt einer der leichteren Momente auf "Lives outgrown". Auch wenn bei Gibbons so gut wie nie etwas leicht ist. Ihr "All that I want is to love you" ist mehr ein Bitten, ein Flehen und legt nahe, dass es entweder vergeblich oder nicht genug ist. Überhaupt stehen die Texte auf diese Weise häufig im Kontrast zu ihrer Umgebung. "I can change the way I feel / I can make my body heal", singt Gibbons im Opener "Tell me who your are today" und durch die schleichenden Streicher klingt es wie eine schmerzhafte Séance, die sie dafür durchleben muss. Ein hoffnungsloser Mutmacher. "Burden of life" heißt ein anderer Song und gibt mit seinem Titel eine Idee, in welchem Mindset sich dieses Album bewegt.

"Lives outgrown" funktioniert an trüben Tagen, wenn es draußen stürmt und prasselt. Dann entfalten sich die motzigen Stücke in der Albummitte erst richtig – das Zähnefletschen von "Rewind" sowie die zunehmende Psychose von "Reaching out" in Form von Drums und Bläsern. "Where's the love? / Where's the feeling?", fragt Gibbons, während um sie herum das Tosen zunimmt, um später zu beichten: "I need your love to silence all my shame." Ihre Texte sind hier weniger kryptisch und poetisch als auf den Portishead-Alben, manchmal schon zu direkt für diese außerweltliche Atmosphäre, die Musik ist jedoch ohnehin der Star. Und "Lives outgrown" glänzt vor allem dann, wenn sich Spannungsmomente in pure Harmonie auflösen. So geschieht es in der ersten Single "Floating on a moment", die von schwerer Atmung und quietschenden Geräuschen zu einem wahrhaft göttlichen Finale findet und sich gerade mit wiederholendem Hören als echtes Highlight entpuppt.

Kaum weniger schön ist das sacht wiegende "Oceans", bei dem man sich fragt, wie viele Melodien zum Niederknien dieser Frau einfallen können. Wenn "Beyond the sun" mit indischem Touch und kräftigen Trommeln die Stimmung noch einmal aufgemischt hat, kann man feststellen: mindestens eine noch. Denn der Closer "Whispering love" ist wie die Ankunft an einer Oase im Albumkontext. Gitarrenpicking paart sich mit Field Recordings und erneut diesem rhythmischen Quietschen, das an dieser Stelle seltsam beruhigend wirkt. "Sweet whispering love / Come to me when you can." Dass Gibbons mit neuer Musik zu uns kommt, wenn sie es für richtig hält, zeigt sich anhand von "Lives outgrown" einmal mehr. Es wirkt zwar deutlich spontaner und – für Gibbons-Verhältnisse! – lockerer als die Portishead-Alben oder auch "Out of season". Und dennoch steckt hier so viel Seele drin. Von daher: Lass Dir ruhig Zeit, Beth. Wir warten.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Floating on a moment
  • Lost changes
  • Oceans
  • Whispering love

Tracklist

  1. Tell me who you are today
  2. Floating on a moment
  3. Burden of life
  4. Lost changes
  5. Rewind
  6. Reaching out
  7. Oceans
  8. For sale
  9. Beyond the sun
  10. Whispering love

Gesamtspielzeit: 45:52 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

myx

Postings: 4773

Registriert seit 16.10.2016

2024-05-25 22:44:58 Uhr
Wunderbar. Von mir auch ein Dankeschön an Old Nobody.

AliBlaBla

Postings: 5454

Registriert seit 28.06.2020

2024-05-25 21:44:35 Uhr
Oh, Merci, sehr schön...

Old Nobody

User und News-Scout

Postings: 3729

Registriert seit 14.03.2017

2024-05-25 21:11:09 Uhr
Für die,die sie wie ich nicht live sehen können,hier das Set bei 3voor12,bestehend aus 8 Songs:





Spoiler:



In London spielte sie laut Setlist.fm nur etwa 65 Minuten mit insgesamt 13 Songs, darunter einen Portishead Song

Sirius B

Postings: 50

Registriert seit 25.10.2019

2024-05-25 01:25:02 Uhr
Was für Wahnsinns Album. Hier höre ich keine schwächen, also ein klare 10/10 für mich. Album des Jahres, aber sowas von !!! Kaum zu toppen das ganze. Dieser gespenstischer, sehr düster und gefährlich klingende Sound packt mich. Die Instrumentierung ist nicht von dieser Welt, erinnert teilweise an Italo Western, genial. Hat auch das Zeug für mich in die Top 5 der letzten fünf Jahre zu kommen. Freue mich auf das Konzert am 2. Juni.

Rote Arme Fraktion

Postings: 4165

Registriert seit 13.06.2013

2024-05-23 14:30:24 Uhr
Ich brauche das Album erst im Herbst.
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