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Matthias Reim - Zeppelin

Matthias Reim- Zeppelin

Hansa Local / Sony
VÖ: 26.04.2024

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die kleine Kneipe

Raucherkneipe "Buschi's Stüb'chen" in Berlin-Tempelhof, Ende April 2024. Alle Plätze sind voll besetzt, alle sind sie da, und ihre verlebten Gesichter leuchten in pilsgelbem Licht, denn: Kneipenwirt Jürgen, ein lockiger Opelfahrer mit Herz am rechten Fleck, hat schon vor Tagen verkündet, dass er heute die komplette neue Matthias-Reim-CD erklingen lassen wird. Der Opener, das akkurat komponierte und schnörkellos rockende Eifersuchtslied "Der doch nicht" knallt gleich volle Granate und legt die Stoßrichtung für den Abend fest: "Tu uns nochmal die Luft aus'm Glas!", "Machma zwei Kümmerlingkreise!", "Wir kriegen hier auch noch ne Runde!", laufen sofort die Getränkebestellungen heiß, Jürgen kritzelt einen um den anderen Strich auf allerlei Bierdeckel und schenket voll ein, während es nebenan von der Kegelbahn her rabaukenhaft poltert. Eins steht fest: Reim ist ein echter Umsatzmotor, wer Reim hört, muss saufen.

Dass der Mann trotz seines Nachnamen nur näherungsweise Verse schmiedet, stört hier niemanden. Bedenklich wackelnde Zeilen wie "Hab' echt gedacht, das mit uns wird ganz groß / Warum spür' ich dann diesen Stich in der Brust?" werden mit zustimmendem Kopfnicken und wippenden Cowboystiefeln quittiert, Hände mit fettigen Erdnussflipsfingern klopfen Kleiner-Feigling-Fläschchen auf patinierte Holztische – das hier ist einfach ein geiler Abend. Erster Höhepunkt ist "Easy Rider", zu Beginn ist Auspuffknattern zu hören, ein echter, kerniger Verbrennermotor für harte Männer. Am Bikertisch johlen Atze, Pit und Wampi frenetisch: "Komm lass uns beide nochmal fliegen / Auf meiner stählernen Wolke sieben", raunt Matthias Reim – und ins schiere Glück der Biker mischt sich ein Körnchen Wehmut, denn der letzte gemeinsame Ausflug mit den Honda Goldwings Richtung Warnemünde musste wegen Atzes Bandscheibenvorfall und Pits gleichzeitigem Pleuellagerschaden frühzeitig abgebrochen werden. Auch die Route 66 wurde nie bereist. Beim Track "Pech & Schwefel" lässt der Jugendtisch (hier trägt man blütenreine Ballonseide, Sneakers und um 30 Winkelminuten verdrehte Baseballkappe) ein anerkennendes "Alder, kuck ma!" hören: Hat sich der Matthias Reim doch tatsächlich zur Erhöhung der Street Credibility den Rapper Finch als Gastmusiker geholt. Der Textqualität ist das allerdings auch nicht dienlich, denn es heißt daselbst ebenso unbeholfen wie rührend: "Doch wenn dann mal Alarm ist und nichts mehr funktioniert / Ist einer für den anderen da, uns kann nichts passieren".

"Jürgen! Hörma! Die Ulla hat doch gleich Geburtstag", flüstert Tresenkämpfer Nobbi dem Jürgen ins Ohr. Und Jürgen grinst wissend, denn er hat den Superknaller längst unter dem Finger der Fernbedienung. Als besonderer Service befindet sich nämlich auf der neuen Reim-Scheibe auch das "Geburtstagslied". Kostprobe? "Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag / Und alles Gute für Dich / Heute feiern wir Dich, ob Du willst oder nicht." Ja gut, warum sollte man hier auch irgendwas Verkopftes hindichten? Funktioniert doch 1a, in "Buschi's Stüb'chen" wackeln die Wände, Bier und Dornkaat fließen, der Reval-Ohne-Rauch hat sich längst zu einer ungeheuren Wolke des Glücks verdichtet. Jürgen ist übrigens ein echter Fuchs. Das allerbeste Lied hat er geskippt und den anderen vorenthalten. Das will er nicht mit der besoffenen Meute teilen, weil Matthias Reim hier eine schöne, schnörkellose, saubere Ballade hinlegt, die man auch einem Herbert Grönemeyer abkaufen würde. Als der letzte Gast aus der Tür gewankt ist, schließt Jürgen die Tür von innen zu und dreht den Song "Zeppelin" voll auf, der von Tod, Scheitern und Abschied handelt, sich dann aber aufschwingt zu einem zuversichtlichen "Und ich schweb durch alte Zeiten / In meinem Zeppelin / Egal, wie hoch und weit / Er trägt mich sanft dorthin." Jürgen schluckt ein paar Tränen runter und schraubt die Zapfhähne ab. Schicht am Schacht.

(Jochen Reinecke)

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Highlights

  • Zeppelin

Tracklist

  1. Der doch nicht
  2. Echte Helden
  3. Easy Rider
  4. Dieses Herz
  5. Ich geb' alles
  6. Zeppelin
  7. Dein Kuss
  8. Radio
  9. Unten durch
  10. Nie genug
  11. Das Gute von morgen
  12. Wenn ich die Augen schließe
  13. Zurück
  14. Nachts
  15. Pech und Schwefel (feat. Finch)
  16. Geburtstagslied

Gesamtspielzeit: 54:24 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Socko

Postings: 1288

Registriert seit 06.02.2022

2024-05-13 14:27:27 Uhr
Furzdinak

tjsifi

Postings: 792

Registriert seit 22.09.2015

2024-05-13 13:35:15 Uhr
Die Rezi erreicht immerhin das gleiche Niveau wie die Platte.

Jochen Reinecke

Postings: 22

Registriert seit 22.12.2023

2024-05-06 09:25:06 Uhr
@octoberswimmer: Ha, ich hätte auch fast "Hömma" oder sogar "Ömma!" geschrieben :-)

Kwatsch

Postings: 29

Registriert seit 26.06.2023

2024-05-06 07:13:38 Uhr
Ich weiß nicht was schlimmer ist: Die Musik von Rerim oder dieser peinliche Versuch einer Rezension.

Voller Klischees und Stereotypes, platt und unlustik. Da sind fast die Texte von Reim besser

octoberswimmer

Postings: 54

Registriert seit 20.01.2022

2024-05-06 00:15:56 Uhr
Ich höre auch eher "Hömma" als Hörma". Aber schon sehr schön geschrieben. Und Zeppelin ist tatsächlich nahezu ein guter Song.
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