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Norah Jones - Visions

Norah Jones- Visions

Blue Note / Universal
VÖ: 08.03.2024

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Gegen die Wand

"Staring at the wall". Der zweite Track auf Norah Jones' neuntem Album "Visions" heißt so, wie sich ihre Musik für viele Leute anfühlt. Klanggewordene Tapeten, die nie in den Vordergrund wollen und mit denen sich auf der nächsten Dinnerparty beteuern lässt, dass man ja auch ab und an Jazz vom renommierten Label Blue Note hört. Es braucht nicht den x-ten Verweis auf ihre kratzbürstigere Danger-Mouse-Kollabo "Little broken hearts", um festzuhalten, dass Jones mehr als solche Klischees kann – auch wenn die Existenz ernsthaft guter Songs in einem so ultimativ uncoolen Genre wie Contemporary Jazz Pop für manche Menschen unvorstellbar sein muss. Und doch sind die Platten der New Yorkerin zu oft ungelöste Versprechen, die ihre unzweifelhaften künstlerischen Fähigkeiten nur andeuten, ein paar Highlights abwerfen und sonst in der Komfortzone von Lazy-Sunday-Playlisten bleiben. "Visions", dessen grundlegende Ideen in nächtlichen Wach- und Halbschlafphasen entstanden, reiht sich hier nahtlos ein.

"Stay with me, I'll make it easy", verspricht gleich "All this time", macht es sich aber selbst zu einfach. Im Wesentlichen hangelt sich dieser Opener nur an seinem Groove entlang, bis die drei Minuten geknackt sind – noch fauleres Alibi-Songwriting beweist nur "I just wanna dance", das kaum mehr als seine vier titelgebenden Wörter wiederholt. Das ist deshalb so schade, weil der rhythmische Retro-Soul-Sound, den Jones erneut gemeinsam mit Leon Michels von u.a. El Michels Affair erarbeitet hat, oft so verspielt und frei im Raum zirkuliert wie die Gedanken nach dem Aufwachen. Besagtes "Staring at the wall" spannt mit Spaghetti-Western-Gitarre, zwischen den Schluchten hallender Percussion und dezent an Elbow erinnernden Piano-Klängen ein spannendes Rock-Arrangement auf, welches das Fehlen eines richtigen Refrains mehr als ausgleicht. "Paradise" schafft es im Anschluss sogar, seine Dringlichkeit von Tasten und Drums auch auf die Hooks zu übertragen.

Ein anderes Problem des Albums ist das emotionale Grundrauschen von Jones' Vortrag. "You made a mess out of me", beklagt sie in "Queen of the sea", "Remember when I lost control? / I lost my soul", heißt es über den Synth-Seufzern von "I'm awake", ohne dass der Hängematten-Vibe je zu bröckeln beginnen würde. Friede, Freude, Vogelzwitschern – passend, dass genau letzteres den Sixties-Pop von "On my way" umrahmen darf. In solchen Momenten wird Jones doch wieder zu ihrem eigenen Klischee. Dass sie das überhaupt nicht nötig hätte, beweist etwa der Titeltrack: Minimalistischer Gitarrenhall und traurige Mariachi-Bläser erzeugen eine dämmrige, verschlafene Atmosphäre, die all der Zufriedenheit um sie herum nicht ganz über den Weg traut. Vielleicht ein letztes Überbleibsel von "Pick me up off the floor", das trotz vergleichbarer Qualität eine merklich melancholischere Textur aufwies als sein Nachfolger.

Dass dieser für Norah-Jones-Verhältnisse grundsätzlich viel Pep hat, konzentriert etwa der warm gebasste Hit "Running" im Herzen der Platte wunderbar. Auch das Schlussdrittel macht einiges her. Der Cocktail-Bar-Blues von "Swept up in the night" projiziert eine cineastische Kulisse an die Decke und schwappt am Ende kurz über, bevor "Alone with my thoughts" mit zärtlichen Jazz-Drums und poetischer Melodie erstaunlich tief ins Fleisch drückt. Selbst die Abschluss-Ballade "That's life" ist strukturell vielfach interessanter, als ihr lakonischer Titel vermuten lässt: Jones eilt in den Refrain mit lockerem Fingerschnipsen statt großer Geste und verliert sich Orgel- und Chor-unterstützt in einem Schlusspart, der den Vorhang erinnerungswürdig zuzieht. Wer "Visions" hat, muss also nicht zum Arzt gehen, sondern kann diverse Sonntagsaktivitäten von einem Soundtrack begleiten lassen, der trotz gelegentlicher Belanglosigkeit oft genug die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Da tapeziert sich die angestarrte Wand glatt von selbst.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Running
  • Alone with my thoughts
  • That's life

Tracklist

  1. All this time
  2. Staring at the wall
  3. Paradise
  4. Queen of the sea
  5. Visions
  6. Running
  7. I just wanna dance
  8. I'm awake
  9. Swept up in the night
  10. On my way
  11. Alone with my thoughts
  12. That's life

Gesamtspielzeit: 45:38 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

nagolny

Postings: 1233

Registriert seit 06.11.2022

2024-04-12 05:56:44 Uhr
Ich kenne dieses Album nicht, aber der grundsätzlichen Kritik am Schaffen der Künstlerin in dieser Rezension kann ich so dennoch beipflichten. Man hört, dass sie etwas kann, aber sie bleibt im Sicheren stecken und mutet sich und dem Publikum etwas zu wenig zu. "Rundgelutscht bis zur Beliebigkeit" trifft es ganz gut...

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26609

Registriert seit 08.01.2012

2024-04-10 20:47:23 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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