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Chastity Belt - Live laugh love

Chastity Belt- Live laugh love

Suicide Squeeze / Cargo
VÖ: 29.03.2024

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Schweighöfers Albtraum

Ein Albumtitel wie ein Wandtattoo: "Live laugh love", was sich auf Deutsch mit jeder von Matthias Schweighöfer gesungenen Zeile übersetzen lässt, prangt auf dem Cover von Chastity Belts fünfter Platte über einem lustig aussehenden Ballonmann. Nun sprechen wir hier von einer Band, die ihr Debüt "No regerts" nannte, doch hat sie sich in den Jahren seitdem die ironische Punk-Attitüde zugunsten eines ernsteren, melancholischen Indie-Rocks immer weiter abgeschabt. Dass "Live laugh love" seinen Existenzialismus dennoch nicht in hohlen Schulterklopf-Phrasen serviert, macht vor allem "It's cool" klar. "Nothing that I do or say today will mean a thing / But I'm not that devastated / No, it's cool", singt Julia Shapiro zu sich am Ende aus dem Bett raffenden Slacker-Gitarren. Der einzige Humor, mit dem sich dieses verwirrende Etwas namens Leben überstehen lässt, ist der mit dem Präfix "Galgen-". Da sind sich die vier Bandmitglieder einig, weswegen auf der Platte zum ersten Mal alle ans Mikro dürfen. Doch in der Akzeptanz von all dem Scheiß innen und außen liegt der Schlüssel zur Selbstheilung, weswegen die emotionale Intelligenz von Chastity Belt wertvoller für das eigene Wohlbefinden ist, als es jede Feel-Good-Nichtigkeit sein könnte.

Während andere Alben den hoffungsvollen Ausblick erst als versöhnlichen Abschluss bringen, fängt "Live laugh love" gleich damit an. "Waiting for some sign / Wasting time", heißt es zwar in "Hollow", doch scheint jenem Opener die Sonne genauso warm aus den Verstärkern, wie Shapiro sich am Ende selbst umarmt: "I wanna know myself again." Auch das von Gitarristin Lydia Lund gesungene "Funny" kommt für einen Song, der mit dem Geständnis "If I'm being honest lately / I'm not feeling great" beginnt, als erstaunlich luftiger Jangle-Rock daher und lässt nur im Refrain ein paar dunklere Wolken zu. Lunds zweiter Beitrag "I-90 bridge" ist ein anderes Biest: eine Nachtfahrt mit funkensprühenden Achtziger-Gitarren, die ihr romantisches Hin- und Hergerissensein scharfzüngig pointiert: "Tell your girlfriend she's got nothing to fear / I'm set in my head / My body's a different story." An anderer Stelle trennen sich Chastity Belt deutlich bestimmter von energieraubenden (Ex-)Liebschaften. "I don't wanna be a bitch / But I think you need to grow up", micdroppt das tolle "Clumsy", das als Emo-Folk startet und später zu plastischen Riffs den Sweet Spot zwischen Grunge und Dream-Pop trifft.

Im mittleren Drittel bewegt sich die Band aus dem Staat Washington stimmungstechnisch näher an den Abgrund und balanciert ihre ganze musikalische Klasse am Klippenrand. Die leicht psychedelisch verbogene Lead-Gitarre von "Kool-Aid" könnte auch aus einem späten Sonic-Youth-Werk stammen, Bassistin Annie Truscott klingt zwar nicht wie Kim Gordon, bringt Zeilen wie "Surrender to the fear that lives inside me", aber mit der nötigen Schwere rüber. Über-Highlight "Chemtrails" nutzt seine titelgebende Verschwörungstheorie als Metapher für Selbsttäuschung und trommelt sich mit Stolper-Rhythmus zum Düster-Hit des Monats – nicht der größte Auftritt von Schlagzeugerin Gretchen Grimm, die ihre Shoegaze-passfertige Stimme später dem Crescendo-Drama von "Tethered" leiht. Dazwischen will "Blue" weniger Zeit im Internet verbringen und steigert sich vom Balladen-Midtempo hin zu einem kleinen Indie-Prog-Opus. "Don't get upset about it / It's gonna pass", beteuert Shapiro, was sich im Kontext dieses so offen mit Ängsten, Zweifeln und anderen mentalen Lasten umgehenden Albums kein bisschen wie eine leere Floskel anfühlt. Schweißgebadet und schnappatmend erwacht der Schweighöfer: "Live laugh love" geht auch mit echter Tiefe statt bedeutungslosem Geseier.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Clumsy
  • Chemtrails
  • Tethered
  • I-90 bridge

Tracklist

  1. Hollow
  2. Funny
  3. Clumsy
  4. It's cool
  5. Kool-Aid
  6. Chemtrails
  7. Blue
  8. Tethered
  9. I-90 bridge
  10. Laugh
  11. Like that

Gesamtspielzeit: 42:20 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Arne L.

Postings: 855

Registriert seit 27.09.2021

2024-05-14 13:08:11 Uhr
Das Album ist natürlich musikalisch nicht mega spannend, aber die trockenen und direkten Texte und die nahbare Delivery machen es zu einem meiner liebsten Alben der letzten Monate.

Gesmashter Pumpkin

Postings: 125

Registriert seit 24.05.2023

2024-04-11 12:29:18 Uhr
Ein weiteres Indiz dafür, dass der 90er Sound langsam aber sicher zurückkehrt bzw. wieder in den Vordergrund rückt. Zieht sich ja durch einige Musikrichtungen. Im Falle des "Rock" muss das nichts Schlechtes sein.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26609

Registriert seit 08.01.2012

2024-04-10 20:46:55 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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