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Nala Tessloff - Daydream

Nala Tessloff- Daydream

XJazz!
VÖ: 01.03.2024

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Schatten werfen keine Schatten

Macht Nala Tessloff Musik zur Zeit? Jedenfalls bezeichnet die Sängerin, Musikerin und Künstlerin ihr Schaffen gerne als "doomsday soundtrack". Und auch wenn über den Weltuntergang noch verhandelt wird, flammen global immer mehr Krisenherde auf, die ähnlich lichterloh brennen wie bald die Trockenblumen im Artwork von Tessloffs erstem Longplayer. Doch ganz so hoch will die Hamburgerin auf "Daydream" gar nicht hinaus: Schließlich gibt es auch im Inneren jedes Menschen mitunter einiges zu renovieren, zu akzeptieren und zu beschwichtigen. Und so sind ihre Tagträume eher düsterer, grüblerischer Natur, hadern mit Selbstzweifeln, persönlichen Niederlagen oder der Gewissheit, dass sich manche Dinge nie ändern werden – und dass das sowohl Nachteile als auch Vorteile hat. Denn zumindest in puncto Personal gibt sich "Daydream" ziemlich konsistent.

Produziert hat Tessloff ihr Solo-Debüt nämlich zusammen mit Helge Hasselberg, ihrem Partner beim Duo Heartbeast, dessen Album "Zero" 2017 schon einiges auf "Daydream" vorwegnahm: angedunkelten Elektro-Pop, Downbeat mit gelegentlich einschwebendem Jazz-Dingsbums und gravitätische Klavierballaden auf der einen Seite, die schwierige Beziehung zum eigenen Ich und seelische Stolperfallen auf der anderen. Entsprechend schleichen sich viele Stücke auf leisen, bedrohlichen Sohlen an. "Manau" etwa könnte dank Rhythmusmaschine, luftig sirrender Keyboard-Melodie und Tessloffs waidwunder Stimme auch ein gekippter Torch-Song sein, wächst sich aber mit pointierten, bluesigen Gitarrenschlägen zu einer trippigen Moritat über misslungene Existenz aus. "I feel so bad / Even if I know / It's all in my head." Die Gedanken sind frei – und das ist das Problem.

Ebenso beim treffend benannten "Darkness", nachdem das beinahe Indie-rockige "2020" kurz zuvor nicht etwa der durch Corona verlorenen Zeit nachgetrauert, sondern mit toxischer Männlichkeit abgerechnet hat. "Nothing to see / Nothing to hear / This is darkness / Their shadows won't get me here" – Schatten werfen keine Schatten, wie man seit Tocotronic weiß. Wohl aber diese sich erst im Gesamtkontext vollends erschließende Vorabsingle, bei der vor allem die Piano-Akkorde schwer wiegen, während Percussions wie ein unbestechliches Metronom ticken und eine Streicherfläche den Boden für Tessloffs Gesang bereitet, der auch im sanften, von geisterhaften Vocal-Fetzen umschwirrten Titeltrack wie weggetreten mit sich selbst tanzt, bis er mehr lautmalerisches Instrument denn sinnstiftendes Element ist. Vom Unterbau einmal abgesehen annähernd himmlisch.

Es sind selten mehr als rund drei Minuten, die Tessloff für diese oft brillanten, mal behutsam dahingeflüsterten, mal mit sonorer Stimme unheilvoll vorgetragenen Songs benötigt. Ausladender wird es allenfalls, wenn "Home" das Leiden umarmt wie einen verlorengeglaubten alten Freund, bei dem man sich schmerzlich willkommen fühlt, oder wenn im desolaten Trennungsdrama "September" ein zorniges Bass-Detail aufbegehrt. Fast scheint es so, als wolle "Daydream" gar nicht mehr aus sich herausgehen – da setzt "WEGD" ein präfinales Glanzlicht, durch das eine Ahnung von frühem James Blake zu Zeiten von "Limit to your love" oder "Retrograde" weht. Endlich ein möglicher Bezugspunkt für ein ansonsten wunderbar ungreifbares, einnehmendes Album. "How can I be better?" fragt Tessloff im Closer unnötigerweise: Hier ist tief gestapelt mehr als halb gewonnen.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Manau
  • Darkness
  • Home
  • WEGD

Tracklist

  1. Believe
  2. Manau
  3. 2020
  4. Darkness
  5. Away
  6. Home
  7. Coco
  8. September
  9. Daydream
  10. WEGD
  11. Be better

Gesamtspielzeit: 35:06 min.

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Armin

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2024-03-27 21:24:06 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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