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Sheryl Crow - Evolution

Sheryl Crow- Evolution

Universal
VÖ: 29.03.2024

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Halbe Sachen

Ob etwas eine kluge Idee ist – und das wird meist völlig unterschätzt –, hängt erstaunlich oft vom Ort ab. Ein Verleih für Lastenräder? Gute Idee, aber bestimmt nicht in Wolfsburg. Auf der Großen Freiheit endlich mit dem Alkohol aufhören? Joa, wenn man sich selbst geißeln möchte. Und man kann sich ganz fest vornehmen, in den Ruhestand zu treten und in diesem Leben keine Platte mehr aufzunehmen – wie Sheryl Crow. Dann sollte man besser nicht in Nashville wohnen – wie (surprise, surprise) Sheryl Crow. Und es ist das Erwartbare eingetreten: Jetzt juckt es doch wieder in den Fingern, wenn um einen herum die ganze Stadt nur aus Musik besteht. Crow hat dafür eine vollkommen selbstlose Erklärung parat. Sie will ihren beiden Adoptivsöhnen etwas mitgeben für ihr Leben und hat das, was ihr wichtig ist, vertont: Sei kein Arsch, lauf nicht vor Problemen davon, schätze das Leben, streng Dich an. Das ist die Kurzform von Crows lyrischen Ergüssen. Gut, andere schreiben Kinderbücher, da ist wenigstens die Zielgruppe klar umrissen. Im Fall von "Evolution" ist diese leider überhaupt nicht klar. Es stellt sich auch die Frage, warum die Welt an Mrs. Crows Erziehungstipps teilhaben sollte. Aber das ist auch nur ein Problem, wenn man diesen Kontext beim Hören mitdenkt.

Nähert man sich "Evolution" unvoreingenommen von der musikalischen Seite, fällt das Urteil stellenweise wesentlich sanfter aus. Hatte Crow bei den letzten Alben vor dem vermeintlichen Karriereende kein so glückliches Händchen bewiesen, können hier einige Songs glänzen. Immer, wenn sich die Grande Dame des Country-Poprock auf ihre Stärken als Songwriterin besinnt und im Arrangement nicht zu tief in die Trickkiste greift, kommen erstaunlich gute Stücke dabei heraus. "Do it again" hat diese zurückgenommene Schlichtheit von Schlagzeug, Gitarre, Bass – mehr braucht es nicht, um die starke Präsenz von Crow herauszuschälen, das erinnert an das legendäre "Tuesday night music club". Darauf warten Fans seit Jahren und werden mit "Love life" weiter belohnt. Auf die Spitze treibt die Sängerin diese Zurückgenommenheit bei "Where?", wo neben der Akustikgitarre nur noch ein sanftes Flimmern mit Streichern einsetzt, das man so gut zuletzt nur in den Arrangements von Nelly Furtado gehört hat.

Man will gar nicht glauben, dass "You can't change the weather" ebenso schlicht beginnt. Doch spätestens beim Refrain kann der kalenderspruchartige Text einfach nicht mehr ignoriert werden. Da helfen auch die besten Soundtüftler Nashvilles nicht weiter, diese inhaltliche Leere zu kaschieren. Und damit muss die andere Seite von "Evolution" angesprochen werden. Denn Crow hat sich leider nicht darauf verlassen, dass gute Songs mit einfacher Instrumentierung über ein ganzes Album tragen. Die bisher genannten Lieder sind nicht die Vorabsingles und die Musik, auf die Crow und ihre Plattenfirma gern den Fokus legen würden. Sondern das sind die Songs "Alarm clock" und der Titeltrack "Evolution" – zwei ganz und gar überproduzierte Popsongs, die in ihrer Textleere an Bryan Adams und in ihrer musikalischen Ausgestaltung an eine blasse Version von Madonna in den 00er-Jahren erinnern. Ein völlig misslungener Versuch, die Marke Sheryl Crow in der Jetztzeit zwischen Taylor Swift und Miley Cyrus anzudocken. Und das ist schade, weil es auf "Evolution" einer aufblitzen lässt, wie das gehen könnte: Peter Gabriel. Sein Song wurde noch als Bonustrack nachgeschoben, wobei Gabriel in seiner gewohnten Art zeigt, wie modernes Sounddesign selbst bei einem über 30 Jahre alten Song mit Crows Stimme zusammenpasst, wenn man fein arrangiert und nicht mit der konfektionierten Liederstanze zu Werke geht. Tatsächlich ist die Duett-Coverversion von "Digging in the dirt" der heimliche Hit des Albums.

Diese Bandbreite an Schönem und Schrecklichem auf einer Platte lassen die Gefühle der Hörer*innen wirklich Achterbahn fahren. Man muss sich ja fragen, ob Crow hier auf das Format Album als geschlossenes Konzept einfach pfeift oder bewusst an die Wand fahren will. Aber warum? Angeblich gibt es ja den großen Bogen, wir erinnern uns an die beiden Sprösslinge. Wenn man aber mit der Produktion versucht, alle Zielgruppen gleichermaßen zu bedienen, von der jungen popbegeisterten Studentin bis zur konservativen Country-Lady, muss dieser Versuch zwangsläufig scheitern. Die Zeiten von "Tuesday night music club" kommen so nicht zurück. Und hätte Crow ein modernes Album aufnehmen wollen, sie hätte gut daran getan, alle aus dem Studio zu werfen und nur mit Peter Gabriel weiterzuarbeiten.

(Stephan Dublasky)

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Highlights

  • Do it again
  • Love life
  • Digging in the dirt

Tracklist

  1. Alarm clock
  2. Do it again
  3. Love life
  4. You can't change the weather
  5. Evolution
  6. Where?
  7. Don't walk away
  8. Broken record
  9. Waiting in the wings
  10. Digging in the dirt

Gesamtspielzeit: 41:07 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26411

Registriert seit 08.01.2012

2024-03-27 22:21:49 Uhr
Auf unserem Promo-Stream ist es als Bonus-Track geführt. Dazu bei Spotify als Auskopplung. Ich vermute, dort wird am Freitag auch die Tracklist auftauchen wie in unserer Rezension.

LukeLinus

Postings: 1

Registriert seit 27.03.2024

2024-03-27 22:18:51 Uhr
Der Peter Gabriel Track ist bei jpc nicht auf CD oder Vinyl gelistet. Bisher nur im iTunes Store gefunden unter Evolution DeLuxe!

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26411

Registriert seit 08.01.2012

2024-03-27 21:20:26 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?


Mr Oh so

Postings: 2985

Registriert seit 13.06.2013

2024-02-14 01:22:00 Uhr
Entgegen der Ankündigung kommt also nun doch was Neues. Erste Singles gefallen alle. Könnte überraschend gut werden.
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